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Katja Ruge über ihre Frankfurter FLINTA*-Konferenz: „Elektronische Musik ist gemeinschaftliche Praxis, nicht nur Produkt oder Event”

Mit der FEMC findet im Frankfurter MOMEM erstmals eine Konferenz für FLINTA*-Personen in der elektronischen Musik statt. Workshops, Panels und DJ-Sets machen Akteur:innen erlebbar und schaffen einen Raum für Austausch und Sichtbarkeit. Das Event verbindet Praxis, Theorie und Community und gibt Einblick in die vielfältigen Perspektiven elektronischer Musik.

Verantwortlich für die Veranstaltung ist die Hamburgerin Katja Ruge –  wir wollten von der Fotografin, DJ und Szenengröße wissen, wie sie FEMC auf die Beine gestellt hat.

GROOVE: Wie hast du das inhaltliche Konzept der FEMC entwickelt?

Katja Ruge: Das ist das erste Mal, dass ich eine Konferenz kuratiert habe. Die Ausgangsfragen waren erst einmal: Was würde mir selbst Freude bereiten? Welche inhaltlichen Schwerpunkte finde ich wichtig und wie sollte das Ganze aufbereitet sein? Mir war es wichtig, Praxis, Austausch und Reflexion zusammenzubringen. Deshalb gibt es Workshops, Panels, Ausstellungen und Clubformate. Inhaltlich wird das Ganze durch zwei Leitmotive zusammengehalten: Music is Community und Music is Medicine. Elektronische Musik ist für mich ein sozialer Raum, in dem Gemeinschaft entsteht, in dem auch Heilung möglich sein kann.

Warum liegt der Fokus explizit auf FLINTA*-Personen?

FLINTA*-Personen sind in der elektronischen Musik nach wie vor strukturell benachteiligt – sei es in Line-ups, in Technikberufen oder in Entscheidungspositionen. Die FEMC soll Sichtbarkeit fördern, aber auch konkrete Unterstützung bieten. Also auch Business-Grundlagen schaffen, wie zum Beispiel in dem Workshop Booking Agency – Pain or Gain? Es geht darum, Wissen zu teilen, Netzwerke aufzubauen und Erfahrungen auszutauschen. 

Die Workshops sind FLINTA*-only, die Panels hingegen offen für alle. Warum diese Trennung?

Geschützte Räume sind extrem wichtig, gerade wenn es um Lernen, Scheitern oder persönliche Themen geht. Gleichzeitig wollte ich die FEMC nicht als abgeschlossenen Raum denken. Die Panels sind offen, weil strukturelle Veränderungen nur funktionieren, wenn möglichst viele Menschen in den Dialog eingebunden werden.

Welche Themen stehen in den Workshops und Panels im Mittelpunkt?

Das Spektrum reicht von DJ- und Technik-Workshops über VJing, Inszenierung in den sozialen Medien und auf der Bühne bis hin zu Genderfragen und Mental Health, Booking-Strukturen und Community-Arbeit. Wir haben spannende Tech-Workshops mit DJ MELL G und Nadia Struiwigh, aber auch einen Workshop von Tanja Godlewsky und mir, in dem es um Gender Identity geht, also um Selbstdarstellung, Fotografie und Kunst. Uns war wichtig, sowohl künstlerische als auch ökonomische und soziale Aspekte der Szene abzubilden. Gerade die Frage danach, wie Gemeinschaft neu gedacht werden kann, spielt für mich in Zeiten der allgemeinen Reizüberflutung eine zentrale Rolle. Außerdem ist Female-Pressure-Vorreiterin Electric Indigo am Start, clubcherry-Mitbegründerin Julia Meier und Katharin Ahrend von der Berliner Clubcommission.

Inwieweit wird deine Arbeit als Fotografin auf der Konferenz sichtbar?

Der visuelle Aspekt spielt für mich natürlich eine große Rolle. Wir haben die Ausstellung Nightshift Berlin der georgischen Künstlerin Benita Suchodrev, die das Berliner Nachtleben in ihren Fotos voller Dynamik und Präzision eingefangen hat.

Fotografie aus der Ausstelung Nightshift Berlin von Benita Suchodrev (Foto: Katja Ruge)

Wie ist der Kontakt mit dem MOMEM zustande gekommen?

Das MOMEN hatte eine Förderung vom Kulturamt Frankfurt am Main bekommen und ist mit der konkreten Idee auf mich zugekommen. Das ganze MOMEM-Team hat sich wirklich wahnsinnig doll für die Sache eingesetzt. Ich habe sofort zugesagt, weil mir direkt tausend Ideen durch den Kopf geschossen sind – und Leute, die ich einladen wollte. Die Verbindung zum MOMEM besteht schon seit Längerem. Ich habe damals bei der Eröffnung ein paar Fotografien ausgestellt.

Was bedeutet elektronische Musik für dich persönlich?

Der Dancefloor ist für mich ein kollektiver Erfahrungsraum. Dort treffen sehr unterschiedliche Menschen aufeinander, erleben Gemeinschaft und können für einen Moment aus Leistungsdruck und Alltag aussteigen. Dieses Potenzial wird oft unterschätzt. Ein sehr wichtiges Thema, das mir gerade in der elektronischen Musik immer noch viel zu kurz kommt, ist der Healing-Effekt, den Clubbesuche und stundenlanges Tanzen auslösen können. Deswegen geht man ja aus, um sich zu lösen vom Stress, um sich zu entspannen, um die Knochen zu lockern.

Hast du ein Highlight im Programm?

Ein Highlight ist auf jeden Fall die abschließende Afterparty mit DJ MELL G, die direkt vom Panel an die Decks zur Aftershow switchen wird. Dann gibt es noch die offizielle Afterparty im Tokonoma, wo Nadia Struiwigh und ich auflegen werden. Wir sind ein eingespieltes Dreamteam und spielen auch auf meiner Electric-Lights-Veranstaltung im Berliner Zeiss-Großplanetarium am 24. Februar.

Weißt du schon, was du spielen wirst?

Ich bin eine absolute Genre-Springerin. Es geht also mehr um den Sound als um ein abgestecktes Genre. Ich mag Songs und Hooklines, opulente Synthesizer, Achtziger und New Wave. Ich bin in Hamburg sozialisiert, Pudel– und Front-Gängerin und in der Haçienda in Manchester rumgeturnt. Es gibt also ein breites Spektrum, auch abseits der klassischen Club-DJ-Sets.

Was wünschst du dir, dass Besucher:innen von der FEMC mitnehmen?

Ich hoffe, dass neue Verbindungen entstehen – künstlerisch, beruflich, menschlich. Und dass elektronische Musik wieder stärker als gemeinschaftliche Praxis verstanden wird, nicht nur als Produkt oder Event. Und auf menschlicher Ebene: gegenseitiges Verständnis schaffen. Ebenso wie eine ordentliche Portion Geduld, weil solche Prozesse manchmal länger andauern, als wir uns vielleicht wünschen.

Die FEMC findet am 6. und 7. Februar 2026 im MOMEM in Frankfurt statt. Die Teilnahme an einem der Workshops kostet 28 Euro. Der Zugang zu den Panels und zur Afterparty erfolgt auf Spendenbasis. Tickets und die Übersicht zu allen Veranstaltungen findet ihr hier.

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