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Besuch im Triebwerk Erfurt: Momente, für die sich vier Wochen Arbeit lohnen

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Das Wort „Kollektiv” hat in der elektronischen Tanzmusik in den letzten Jahren Hochkonjunktur. Zusammenschlüsse von Gleichgesinnten, die abseits festgefahrener kommerzieller Strukturen eigene Wege gehen, sprich: Partys schmeißen und Orte zum Leben erwecken. Ein exakt solcher ist das Triebwerk in Erfurt: Selbstorganisiert, leidenschaftlich und ohne eine gehörige Portion Ehrenamt nicht überlebensfähig.

Unsere Autorin hat dem Kulturzentrum in Thüringen einen Besuch abgestattet und seine Transformation zum Club mitverfolgt. Wie viel Arbeit dahintersteckt, wie sich das Team zu professionalisieren gedenkt und wie das Kollektiv überhaupt zusammenfand, erfahrt ihr in unserer Reportage.

Ich sitze zwischen Kinderwägen und gestapelten Koffern. Elendige Bahndurchsagen stottern wie tückische Glitches in meine Depeche-Mode-Dauerschleife. Die altbekannte Regio-Odyssee und ich – aus- und plattgesessen, sich der Sache wartend hingebend, sechs Stunden bis nach Thüringen. Zehn noch bis zum Klubnacht-Opening im Triebwerk.

Als ich am Erfurter Hauptbahnhof ankomme, wartet schon ein dunkler Van auf mich. Klingt gruseliger, als es ist, denn daneben steht Tobi, ein Mitglied des Kulturzentrums Triebwerk, mit seiner pinken Mütze und winkt mir grinsend zu. Obwohl Tobi in der Nähe von Erfurt aufgewachsen ist, nimmt er sein Handy zur Hilfe, um uns in die Wohnung, die heute meine Unterkunft ist, zu navigieren. Tobi ist eigentlich Lehrer in einer Berliner Jugendstrafanstalt. Er legt selbst auf und ist auf dem Berliner Labels Voitax aktiv. Für das Triebwerk macht er Promo, Orga und ein bisschen was von allem anderen. Zu den monatlichen Veranstaltungen reist der 33-Jährige jedes Mal aus Berlin an.

Das Licht aus dem Club lässt die Glasfenster in vielen Farben strahlen.

Es ist Mitte Oktober, die Sonne ist schon untergegangen. Als wir die angehenden Lichter in den Erfurter Fenstern betrachten, sind wir uns einig: Die Clubsaison-Uhr tickt heute los. „Man kann das zwar nie voraussagen, aber ich habe das Gefühl, dass es heute gut wird”, erklärt Tobi selbstsicher, als er das Auto durch die Dunkelheit lenkt. Wir laden mein Gepäck ab und Marry und Grani ein. Sie sind beide Teil des etwa 30-köpfigen Triebwerk-Teams. Manche Mitglieder seien aktiver, manche passiver, erklärt Marry. Sie hat im Club lange die Barleitung gemacht und steht auch heute hinter dem Tresen. Grani kümmert sich um den Bau und das Licht, weshalb er sich scherzhaft als „Hausmeister” vorstellt.

Das Triebwerk ist warm und brutalistisch (Foto: Martin Günther)

Die komplett ehrenamtlich tätige Triebwerk-Crew besteht aus den Kollektivgeschwistern Klein&Fein und Pnyx – zusammen heißen sie seit 2017 kfpnyx. Ein Buchstabensalat, der wohl den Mythos des Clubs unterstreichen will. Hinzu kamen die mit den Kollektiven verschmelzenden Freund:innenkreise sowie ein weiteres Kollektiv aus Weimar. Aus etwa zehn Menschen ist die Crew mit der dazugehörigen Supporter-Gruppe stark angewachsen, inzwischen zählt sie ungefähr 100 Leute. 2018 unterschrieb man den Vertrag für einen Teil der Location im Triebwerk, auf dessen Hof wir jetzt einparken. Im Triebwerk, weil der Gebäudekomplex schon vor der Clubgründung unter dem Namen bekannt war. Vielleicht weil dort in den Neunzigern Konzerte und Partys veranstaltet wurden. Im April 2024 jedenfalls ging es offiziell unter dem jahrzehntelang umgangssprachlich genutzten Namen los – mit zehn Veranstaltungen pro Jahr. Das hat mit dem Status des Clubs als Vergnügungsstätte zu tun; wir befinden uns im Industriegebiet, hier ist keine andere Lizenz möglich.

DIY- Spirit und Void-Qualität

Als ich aussteige, macht Marry mich auf die bunten Glasfenster des Clubs aufmerksam. Das Licht von innen lässt sie in vielen Farben strahlen. Durch einen Seiteneingang betreten wir den Club und stehen in der Chillout-Area hinter der Tanzfläche. „Hier war früher die Bar”, sagt Tobi. Die Raumstruktur hat sich seit der Eröffnung im Frühjahr 2024 schon ein paarmal verändert. Es gibt ein großes Hallo, Umarmungen werden ausgetauscht, und ich wünsche mir in diesem Moment nichts sehnlicher als ein paar Namensschilder, mit denen ich die vielen Gesichter zuordnen könnte. Was mir auf die Schnelle auffällt: Tobi heißt hier „Schnitte”, Lukas ist „Möhre”, Stephan „Grani”. Alle anderen Namen werden simpel abgekürzt – ein bisschen punkig bis geil finde ich das schon.

Nun erst einmal: Clubführung von Tobi. Startpunkt ist die Tanzfläche. Die DJ-Booth ist wie vieles aus dem Club-Inventar selbst gebaut. Dafür hat man die Materialien früherer Open-Air-Veranstaltungen und die Zu-Verschenken-Funktion auf Kleinanzeigen genutzt. Auch eine Club-Auflösung in Erfurt kam dem Mobiliar zugute. Die Tanzfläche wird durch das erhöhte Podest für die Lichttechnik von der Bar abgegrenzt. An den Seiten der Bar gibt es erhöhte Sitzmöglichkeiten, die durch die Gitterstäbe und das indirekte rote Licht, das auf das Holz fällt, zugleich brutalistisch und einladend aussehen.

Ein Notstromer hier, Elektroinstallation da – die Beständigkeit ihres Clubs musste sich die Crew Stück für Stück erarbeiten.

Wir lassen die Bar hinter uns und gelangen – nach einem Wangenstreichler des eleganten Plastikvorhangs – in eine Art Zwischenraum für den Innen- und Außenbereich. Gerahmte Bilder dekorieren die Betonwand, aber Tobi lenkt meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes. „Soll ich dir mal was zeigen?”, zwinkert er mir verschwörerisch zu und zieht einen schwarzen Vorhang beiseite. Dahinter: Teile einer alten Void-Anlage aus dem Berliner Tresor. Der Kontakt ist durch Lena, die an der ersten Tresor Academy teilgenommen hat, gewachsen.

Die bunten Fenster (Foto: Florian Burghardt)

Bisher musste das Kollektiv die Anlage für jede Veranstaltung einzeln mieten. „Dass der Tresor uns hilft, indem er uns die PA kostenlos zur Verfügung stellt, rettet uns finanziell wirklich den Arsch”, sagt Tobi. Das Triebwerk musste bislang weder auf Eigenkapital zurückgreifen, noch hat das Team Förderungen beantragt. „Das Geld, das reinkommt, fließt direkt wieder in den Laden”, erklärt er mir. „Damit können wir die laufenden Kosten wie Miete, DJ-Gagen und geliehenes Equipment bezahlen.”

Anfangs war es schwierig, DJs zu überzeugen, aber mittlerweile zehrt man vom Ruf des Clubs.

Wir gehen in den Außenbereich, der gleichzeitig der Ein- und Ausgang für die Besucher:innen ist. Der Eintritt in den Club kostet 15 bis 20 Euro, ein Soli-Ticket zehn Euro. Wo vorher ToiTois standen, wohnt jetzt der lieb dekorierte Toilettenwagen. In jedem Bereich des Triebwerks steckt nicht-kommerzielle Arbeit und die handwerkliche Fähigkeit des ehrenamtlichen Teams. Die Toilette ist vielleicht das banalste, aber beste Beispiel dafür; anfangs hat das Team mit einem halbfunktionalen Pumpensystem gearbeitet, nicht selten musste jemand während der Veranstaltung unter den Wagen kriechen und etwas reparieren. Auch ein Hydrant musste gelegentlich genutzt werden. Ein Notstromer hier, Elektroinstallation da – die Beständigkeit ihres Clubs musste sich die Crew Stück für Stück erarbeiten.

Hinter den Kulissen heißt es Abendbrotzeit

Ein – ich muss schon sagen: gewaltvoller – Ruck, und die schwere Tür hinter der Tanzfläche öffnet sich. Ein Stockwerk höher befinden sich ein weiterer Floor, Büro, Küche, Awareness- und Ruheraum sowie der Backstagebereich. Das Geschirrklirren der Vorbereitungen für das Artist- und Crew-Dinner dringt anheimelnd zu mir herüber. Ich stehe mit Tobi im Ruheraum, der zwar manchmal als zusätzlicher Awarenessraum genutzt wird, aber vorrangig dem Rückzug für Artists und Team dient. „Einmal hat sich hier sogar jemand für mehrere Wochen eingemietet, um Musik zu produzieren”, sagt Tobi, während wir wieder auf den Flur hinausgehen.

Einen Raum weiter verfluche ich den Herbst. Was wären ein paar Sekunden Tageslicht, damit ich sehen kann, wie es sich in den mit roter und violetter Folie beklebten Fenstern bricht? Stattdessen blicke ich aber auf den gemütlichsten Floor in ganz Thüringen. Er wird heute geschlossen bleiben, wie die vielen Sofas verraten, Indizien der hier kürzlich abgehaltene Stammtisch-Sitzung der Ständigen Kulturvertretung Erfurt.

Wohnzimmer-Flair auf dem oberen Floor (Foto: Florian Burghardt)
Wohnzimmer-Flair auf dem oberen Floor (Foto: Florian Burghardt)

Wir folgen dem Stimmengewirr ins Backstage, das die große Halle durch eine schwarze stoffbehangene Wand in zwei Räume teilt. Dahinter verstecken sich Bauschutt und Chaos, das Team hat schon Pläne für den Bau mehrerer Studios zur Vermietung. Tobi und ich konzentrieren uns derweil auf das Wesentliche: Falafelplatten, Dips und Pommes. Ich bediene mich am Buffet, begrüße Kat Davids und Z.I.P.P.O., die heute als externe DJs auftreten und es sich schon in einer Sofaecke bequem gemacht haben. Die Besucher:innen wissen noch nicht von ihrer Anwesenheit, denn das Line-up im Triebwerk wird erst nach Beginn der Party bekanntgegeben. Auf Instagram veröffentlicht der Club vorab nur den Namen der Labels und Kollektive sowie Musik-Snippets, um einen Einblick in die musikalische Gestaltung der Nacht zu geben.

Die Musik ist warm und dunkel

Das Triebwerk ist darauf angewiesen, dass Künstler:innen für den Bruchteil ihrer üblichen Gage spielen. Manche Agenturen würden die Anfragen nicht einmal mehr weiterleiten, erzählt mir Tobi, der auch für das Booking zuständig ist. Anfangs sei es schwierig für den Club gewesen, Musiker:innen zu überzeugen, aber mittlerweile zehrt man von den positiven Erfahrungen und dem Ruf des Clubs. Der Anspruch für jede Veranstaltung: ein diverses Line-up aus externen wie lokalen DJs beziehungsweise Residents des Kollektivs, die den Sound seit fast einem Jahrzehnt prägen.

„Wir versuchen unseren bekannten Sound zu bewahren und Neues zu etablieren, um den Horizont Stück für Stück zu erweitern”, so Tobi. „Du musst den Leuten Genres geben, mit denen sie sich wohlfühlen. Aber wenn dann doch mal etwas Breakigeres oder Basslastigeres dabei ist, gehen sie mega ab.”

Das Triebwerk gebe trotzdem nur Musik einen Raum, von der die Crew selbst überzeugt ist. Trance gehöre nicht dazu. Insgesamt beschreibt Tobi den Sound als „eher technoid”, die Closings gingen meistens in eine diversere Richtung. „In jeder Nacht soll eine bunte, aufregende Geschichte erzählt werden”, so der Booker. „Ich und die Booking-Crew teilen Musik eher in dunkel, warm, kalt und in Emotionen statt in Genres ein.”

Der obere Floor im Triebwerk (Foto: Lucas Hill)

Den Club entlang des Wertekonsenses zum Leben erwecken

Im Backstage geht es mittlerweile zu wie in einem Bienenstock. Westen werden angezogen, Absprachen getroffen und die aktuellen Gästelisten ausgedruckt. Jede Arbeitsgemeinschaft hat hier ihre:n Head mit Verantwortlichkeit für den Abend. Noch ist aber ein bisschen Zeit, und Tür-Head Max holt uns das erste Bier des Abends. Der 30-jährige Jurist ist 2020 zum Triebwerk dazugestoßen und auch Teil der Unternehmergesellschaft, die zu Mietbeginn gegründet wurde.

„Früher haben wir gar keine Selection an der Tür gemacht”, sagt Max. „Aber mit der Öffnung des Clubs und unserem Auftreten auf Instagram haben wir gemerkt, dass wir eine Begrenzung brauchen. Bei manchen Veranstaltungen wie Silvester oder Himmelfahrt mehr, bei manchen weniger.” Heute setzt das Team seit ungefähr drei Jahren auf ein Doppelmodell: Die szenekundige Security-Firma Black Lynx aus Jena übernimmt die Sicherheitschecks, während das Türpersonal die eigentliche Auswahl trifft.

Chantis Awareness-Pulli ist auch im Dunkeln zu erkennen, sie trägt bereits eine Funke für die dreistündige Schicht am Ohr.

Dabei geht es um drei Grundgedanken: „Erstens will ich eine freundliche und offene Tür – kein Abmustern, sondern ein bisschen quatschen und schäkern”, so Max. Zweitens entscheiden wir nie nach Aussehen, sondern nach dem Gefühl in einem kurzen Gespräch.” Entscheidend sei, ob jemand respektvoll und offen auftrete. „Und drittens tragen wir Verantwortung für die Stimmung drinnen. Wer reinkommt, prägt die Atmosphäre mit.” Das Türpersonal werde bezahlt und sorgfältig ausgewählt: „Das ist jahrelange Arbeit gewesen. Nicht jede:r hat das Talent oder das Feingefühl dafür”, sagt Max und meint: „Am Ende soll sich hier jeder wohlfühlen – egal ob in der ersten Reihe oder still in der Ecke. Die Leute erwecken den Club entlang unseres Wertekonsenses schließlich zum Leben.”

Und genau das passiert in wenigen Minuten. Wir beeilen uns, rechtzeitig nach unten an die Bar zu gelangen, um die Nacht mit einem Shot einzuläuten. Kollektivmitglied Gibby startet sein Set bemerkenswert langsam, progressiv und hypnotisch. Das Opening wird im Triebwerk als klassisches Warm-up verstanden, das die Crowd langsam in die Nacht eintauchen lässt. In der heutigen, kurzlebigen Zeit sei es für manche schwierig, sich darauf einzulassen, findet Tobi. Ist man aber gewillt, so sei das Endergebnis der durchfeierten Nacht doppelt gut.

Der Main-Floor im Triebwerk (Foto: Florian Burghardt)

Ich setze mich mit Chanti, die ich schon beim Essen kennengelernt habe, auf ein Sofa hinter der Tanzfläche. „Hier saß ich noch nie”, sagt sie begeistert. Chanti ist in drei Jahren von einer Gästin im Triebwerk zur Supporterin bis zu einem Teil der Bar- und Awareness-Strukturen des Kollektivs aufgestiegen. Auf Partys, die sie privat besucht, wird es ihr ohne diese Aufgaben mittlerweile langweilig, wie sie halb im Scherz sagt, denn: „Wenn du das einmal gemacht hast, kannst du es nicht mehr ablegen.”

Chantis Awareness-Pulli ist auch im Dunkeln zu erkennen, sie trägt bereits eine Funke für die dreistündige Schicht am Ohr. „Wir wollen die ursprüngliche Rave-Kultur weitertragen und dabei einen möglichst diskriminierungsfreien und sicheren Raum kreieren.” Risikoparameter könne man bereits am Einlass mit der Selection und der Awareness-Einweisung eindämmen, so die Awarenessarbeiterin.

Ein Ausdruck der Leidenschaft 

Das Awareness-Team unterstützen sowohl interne Mitglieder wie auch Supporter:innen, manche Menschen seien gar durch den individuellen Kontakt mit der Awareness ins Gespräch und irgendwann ins Team gekommen. Neben den regulären Schichten gibt es Springer:innen und einen Head of Awareness. Das ist meistens Melli, die seit Beginn des Projekts dabei ist und die Strukturen mit aufgebaut hat. Melli ist als Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Psychiatrie tätig und hat deshalb – wie auch manch andere Mitglieder – Erfahrung mit deeskalierenden Situationen und Psycare. „Wir haben auch Leute, die neben der Awarenessarbeit ehrenamtlich beim Thüringer Drogerie-Projekt tätig sind”, ergänzt Chanti. „Normalerweise sind Awareness und Psycare unterschiedliche Kompetenzbereiche, aber es gibt viele Überschneidungen, die wir in einem Team bündeln.”

Außerdem ist eine Gruppe aus Hannover da, die dem Kollektiv schon seit fünf Jahren treu bleibt.

Für das Awareness-Konzept sei es wichtig, sich den vorhandenen Räumlichkeiten anzupassen. Beim Veranstalten auf beiden Floors gibt es deshalb einen Awarenessraum pro Etage. „Wir sind präsent auf der Fläche und kommen viel ins Gespräch. Unsere Strukturen sind noch im Wachstum und wir sind immer dankbar für Austausch”, so Chanti weiter. Auch innerhalb des Kollektivs mit seinen „starken Charakteren” sollen mehr Gelegenheiten geschaffen werden, um interne Strukturen stetig zu verbessern.

Unser Blick fällt auf die Tanzfläche, auf der die Nebelmaschine und das rote Licht gerade „genau das tun, was sie tun sollen”, wie Chanti meint. Dass sie stolz auf das Projekt ist, merke ich ihr an. „Für mich ist es ein Privileg, Teil dieser Szene zu sein. Es ist einfach ein Ausdruck von Leidenschaft”, sagt sie verträumt und verabschiedet sich in ihre Schicht.

Tobi, Marry und ich lösen unsere Getränkemarken ein und wechseln auf die Tanzfläche. Der Floor ist merklich voller geworden, die Musik ein bisschen schneller. Das Team ist zufrieden. Die Crowd ist durchmischt, Stammgäst:innen besuchen den Club auch aus Städten wie Leipzig, Berlin oder Köln. Außerdem ist eine Gruppe aus Hannover da, die dem Kollektiv schon seit fünf Jahren treu bleibt.

Die Mauern des Triebwerks (Foto: Florian Burghardt)

Das Ziel des Triebwerk-Teams, einen Ort zu erschaffen, der nicht nur ihm gefehlt hat, scheint zu fruchten. Um mehr zur Geschichte des Clubs zu erfahren, mache ich mich auf den Weg in die Küche, auf dessen Sofa mir die Gründer des Kulturzentrums erwartungsvoll entgegenblicken.

Der 39-jährige Flo und der 35-jährige Lukas kennen sich schon lange. „Wir waren damals in zwei verschiedenen Crews, die beide in Thüringen Partys gemacht haben”, erzählt Flo. Lukas, der selbst 2012 Teil des Kollektivs Klein&Fein wurde, erinnert sich an die frühen Jahre: „Es fing in Bad Langensalza an. Flo hat da mal aufgelegt. Das war was Besonderes – eine spezielle musikalische Ausrichtung in einer Kleinstadt zu teilen. Irgendwann haben sich dann auch die Freundeskreise überlappt.”

2017 machten sie schließlich gemeinsame Sache. „Das erste Open Air am Baggersee war legendär”, sagt Flo und lacht. „Wir haben eine riesige Bar gebaut, ein Floß, um alles rüberzuschiffen. Das war ein riesiger Aufwand für nur einen Tag – da haben wir angefangen, uns nach einem festen Ort umzusehen.”

Die Fahrt versüßt Felix mir mit Anekdoten, die er als nüchterner Finanzvater des Clubs erlebt.

Der fand sich nach der einjährigen Suche schließlich in dem alten Heizkraftwerk, das heute das Triebwerk ist. „Ich war um das Jahr 2000 das erste Mal hier”, erzählt Flo. „Damals liefen hier illegale Technoraves. Seitdem war das für mich so ein magischer Ort, den ich nie wieder loslassen konnte.” Als sie erfuhren, dass das Gebäude wiederbelebt werden sollte, war das „ihr Ruf”. Nach der Bewerbung folgte die Zusage.

Doch der Anfang war holprig: marode Fenster, kein Strom, kein Wasser. Flo reicht mir einige Fotos. Darauf zu erkennen: verbretterte Fenster, ein zugestellter Hinterhof. Jedenfalls noch nicht das Triebwerk, das man heute kennt. Anfangs habe man viel improvisiert. „Glück im Unglück” sei aber auch gewesen, dass die Miete an Pflichten des Vermieters zur Instandhaltung gekoppelt war.

Ehrenamt, Verein und UG

Zusammengehalten wird das Projekt von seinem Team. „Wir sind eine verdammt geile Truppe”, sagt Lukas. „Unsere Vorstellungen vom Großen und Ganzen, aber auch von der Ästhetik einer Veranstaltung, sind erstaunlich homogen.” Dass alles ehrenamtlich passiert, macht es trotzdem herausfordernd. Niemand arbeitet hauptberuflich fürs Triebwerk, alle jonglieren Beruf, Jobs oder Studium. „Es ist nicht immer leicht, aber wir sind stolz auf das, was wir gemeinsam auf die Beine gestellt haben”, sagt Flo. „Wir wachsen, verbessern unsere Strukturen und überlegen gerade, wie wir mehr FLINTA*-Personen für eine aktive Teilhabe gewinnen können.”

Ein Teil der Triebwerk-Crew beim jährlichen Wochendend-Trip in Tschechien (Foto: Florian Burghardt)

Für die Zukunft gebe es klare Ziele. Das Triebwerk soll unabhängiger und professioneller werden. „Wir sind ja keine Profis im Managen einer Firma oder im Beantragen von Fördergeldern”, sagt Lukas. „Wir haben einfach Veranstaltungen gemacht, das war unser Ding. Aber irgendwann merkst du, dass du dich mit anderen Themen auseinandersetzen musst.” Für den Mietvertrag mit Mehrfachverlängerfrist bis 2039 gründeten sie zwar eine Unternehmergesellschaft. „Langfristig soll aber ein Verein entstehen, damit wir Spenden annehmen können und die Struktur insgesamt transparenter und nachhaltiger wird”, so Lukas.

„Wir wollen finanzielle Sicherheit schaffen, damit wir wiederkehrende organisatorische Aufgaben, die bisher auf unzähligen ehrenamtlichen Schultern liegen, auf feste Stellen umlegen können”, erklärt er weiter. Bisher könne man nur einige Stellen an Bar, Tür und Garderobe bezahlen. Allerdings wolle man sich künftig stärker mit der Erfurter Kulturszene vernetzen und den Raum auch für andere öffnen, so Flo. „Wir sind gespannt, wohin die Reise geht und laden alle ein, Teil davon zu werden.”

Die Meta-Ebene der Closingstunden

Applaus dringt zu uns in den ersten Stock hinauf. Wir fühlen uns berufen, ihm zu folgen, und machen uns auf in Richtung Tanzfläche, wo gerade der DJ-Wechsel stattfindet. Nach einigen Gesprächen und durchtanzten Stunden rufen meine Beine aber bald nach dem Bett. Felix, der auch Fahrer auf dem Nachti war, kutschiert mich in meine Unterkunft. Die Fahrt versüßt er mir mit Anekdoten, die er als nüchterner Finanzvater des Clubs erlebt. Wir verabschieden uns für ein paar Stunden, das Wiedersehen folgt am nächsten Vormittag.

Mein Brötchen noch in der Hand, begrüße ich die Truppe gegen halb zwölf wieder im Club. Der Floor ist erstaunlich voll, und auch bei der Crew ist noch Energie vorhanden. Tobi dreht gut gelaunt seine Runden mit Obstplatten. „Piano Heaven” von Cinthie und ein Nebelmaschinen-Nachschub läuten die letzte Stunde von Kat Davids‘ Set ein. Sie spielt heute das sechsstündige Closing bis 14 Uhr. Dieser Slot ist für das kfpnyx-Kollektiv ein ganz besonderer, weshalb er früher nur intern besetzt und auch gerne mal bis in den Abend verlängert wurde.

Für die letzten Platten wird der Floor nochmal in Gänze genutzt. Als dann die Zugabe-Scheibe, Sades „Smooth Operator”, läuft, singen alle mit. Danach dreht sich Tobi zu mir und sagt lächelnd: „In diesen Momenten begreift man, warum man die nächsten vier Wochen Arbeit wieder auf sich nimmt.”

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