In den letzten Jahren hat sich Victor beständig ins Zentrum der Aufmerksamkeit gespielt. Früher nicht zuletzt als DJ’s DJ und beliebter b2b-Partner bekannt, hat sich der Berliner inzwischen durch zeitlose Techno- und House-Sets, die schnelllebige Trends links liegen lassen, einen immer gefragteren Namen gemacht.
Unser Autor Ben-Robin König hat Victor vor Jahren kennengelernt, verfolgt seinen Werdegang seither und hat ihn für ein Porträt in seiner Wohnung besucht. Mit kindlicher Begeisterung führte er dort durch seine Plattensammlung, anhand der er seine Laufbahn als DJ minutiös nachvollzog, erzählte, wieso er zum House-DJ mit Techno-Label wurde, und reflektierte sein ambivalentes Verhältnis zu Hits.
Eigentlich hätte dieser Text schon vor einiger Zeit erscheinen können. Er hätte von Berlins Novizen handeln sollen, der nachwachsenden Generation an DJs und Produzent:innen, von Freunden, die vielleicht noch etwas wie Emporkömmlinge wirkten, aber die Szene der Hauptstadt längst zu prägen begannen. Und einem, der sich als zusammenhaltender Kopf dieser Gruppe hervortat, obgleich er sich künstlerisch zurückhielt. Nur steckt im Wort Emporkömmling eben auch die Skepsis. Und dann kam eine Pandemie.
Fünf Jahre später gehören einige dieser Gruppe längst zu den etablierten Größen der Hauptstadt. Fadi Mohem ist Resident im Berghain, Rifts pendelt im selben Gebäude zwischen den Stockwerken, die Spandauer sind Weltstars. Und Victor Ellinghaus hat immer noch keinen Track produziert, will’s auch nicht. Lieber veröffentlicht er auf seinem Label Magic Power die seiner Freunde. Er ist halt DJ. Parallel spielt er sich durch Clubs und Festivals, darf Residencys im Blitz und auf dem Nachti für sich verbuchen, ist gerade aus Mexiko zurückgekehrt. Halb Gigs, halb Urlaub, viele Tacos.
Immer wieder Indie
Er steht in seiner Schöneberger Küche, gießt Eistee aus von dort mitgebrachten Hibiskusblüten auf und spricht zuallererst einmal über die wirklich wichtigen Dinge: Socken. Während er sich Füßlinge, auch bekannt als Sneakersocken, überstreift, erzählt er überrascht wie empört, wie ihm sein einst pragmatischer Großeinkauf nun auf die Füße fällt – gemeinsame Freunde machen sich über seine nackten Knöchel lustig – und er sich allmählich mit halbhohen Modellen anfreundet. Der Kombination aus langen Socken und kurzen Hosen begegnet er (richtigerweise) mit Vorbehalten. Dazu läuft: The Notwist, der Sound seiner Kindheit. Unter der Glasplatte des Couchtisches sammeln sich Artefakte wie Artist-Ausweise und, von der Band handsigniert, das Album Wolfgang Amadeus Phoenix. Noch mehr Vergangenheit. „Ich hab’ gerade meine Indie-Phase wieder aufleben lassen”, bekennt Victor.
Ob so etwas seine Sets beeinflusst? Er hadert. Ihm fällt ein, wie er 2019 ein Panorama-Bar-Set mit dem Jamie XX Rework von Florence & the Machine schloss, „eine wirklich cheesy Pop-Nummer”. Und die enttäuschte Fratze seines Freundes Felix, dem er nach dem Set „Das ist halt auch ein Teil von mir!” zurief. „Solche Nummern kann man auch nur in ganz, ganz besonderen Momenten platzieren.” Den Soulwax-Remix von Marie Davidsons „Work It” liebt er bis heute, wollte ihn aber nie spielen, einfach weil er schnell in den Sets der Ibiza-Posse Platz fand. Hits – „immer ein Risiko. Wobei, ich habe eher das Gefühl, dass mich bestimmte Leute komisch anschauen, als dass sie es wirklich tun – wenn ein Track passt, passt er.” Solcherlei Einschränkungen will er abgelegt haben, glaubt, eine Zeit lang „habe ich meine Spätpubertät im Techno rausgetragen”. Es sei quasi unmöglich gewesen, mit ihm über Musik zu sprechen.
Stürmen und drängen
Dem Narrativ folgend war Victors Adoleszenz geprägt von einer gewissen Unberechenbarkeit und Experimenten. Technoplatten auf 45 RPM im Mix mit Jungle, Grime-Tracks, SSIO als Closer. „Sturm- und Drangphase”, nennt er es. Manches, wie ein b2b mit Fadi Mohem, vier Plattenspielern und zwei Mixern im Ohm, sind ihm – „Oh Gott, das war so ein Versuch” – eher unangenehm.
Ein Wendepunkt war sein Debüt in der Panorama Bar, das Datum – „23.09.2017 war das!” – immer noch präsent, das Set ungewohnt housig, sein letzter Track – Kraftwerks „Nummern/Computerwelt 2 (Anthony Rother Remix)” – unheimlich gut und: „Geiler als das Original, aber wenn du das schreibst, stehen noch Leute mit Mistgabeln vor der Redaktion.” Die Atmosphäre während des Sets ein anschauliches Beispiel dafür, wie 20 bis 30 motivierte Freund:innen ein Warm-up beleben können und sich der Begriff „Gangfaktor” definiert.
„Dass so viele Leute da waren aus diesem Freundeskreis, aus Westberlin, war, glaube ich, auch dem geschuldet, dass ich der Erste aus der Generation war, der dort auflegen durfte”, resümiert er. „Abgesehen von den Spandauern und Kobosil aus Neukölln vielleicht.” Der Abend, kuratiert von Marcel Dettmann, war im Grunde der Start von Victors „Baby-Karriere”, es folgten eine erste Agentur, erstes Touren, erstmals vom Auflegen leben können.

Dann kam Corona und damit der zur Genüge beschriebene Stillstand. Die Bildschirmdiagonale seines Fernsehers, die gefühlt den Plattenschrank mit eingefassten Decks übertrifft, konnte schwerlich die Leerstellen ausgleichen: „Ich war fast done mit der Sache, ich saß hier und hatte den Gedanken: Wenn es keine Clubs gibt, dann braucht’s auch keine Clubmusik.”
Plötzlich standen andere Leidenschaften im Vordergrund. Auf den Spuren der Eltern wandelnd, verhandelte er bereits die Übernahme eines Lokals, „um da drin ‘nen Taco- und Naturweinschuppen aufzumachen.” Die Besitzer wollten aber nach angemeldeten Interesse plötzlich doch lieber weiter vietnamesische Küche anbieten. Stattdessen ging es häufiger nach Kyjiw.
In Hinterhöfen und im damals entstehenden K41 lernte Victor die Stadt selbst und ihre Szene lieben, „die krasse Energie dort, ich hab’ da wieder gemerkt, warum ich überhaupt mit Auflegen angefangen habe.” Fast wollte er dort hinziehen, bis der russische Angriffskrieg über die Ukraine herfiel. Seine Zweifel am eigenen Werdegang wischt er mittlerweile weg: „Ich lag da total falsch mit, schließlich hab’ ich auch Clubmusik gehört, bevor ich alt genug war, überhaupt in Clubs zu gehen, und in Clubs gegangen bin.” Und die Tacos? „Immer noch eine Option, aber dann wahrscheinlich einfach eine Bar, nicht Tacos. Da gibt’s mittlerweile zum Glück gute in Berlin.”
„Ich hab’ niemand anders an die Bluetooth-Box gelassen – wahrscheinlich narzisstisch, aber ich glaube, viele DJs haben da einen Hang zu.”
Der Abstand zu Clubs läutete auch ein allmähliches Ende Victors wilder Jahre ein – und eine Rückbesinnung auf House. Verantwortlich ist im Grunde Felix, der hyperallergisch auf Kitsch reagierende Schulfreund. Er fixte den jungen Ellinghaus damals an der Schule an, ungläubig, dass der Berliner sich nichts aus elektronischer Musik machte. Ob er sich seines Wirkens bewusst war? Einen gemeinsamen Melt!-Besuch später interessierte Victor sich für nichts anderes mehr und trug sein ganzes Geld in Plattenläden.
„Ich hatte so einen üblen Drang, anderen Leuten die Musik mitzuteilen, die ich gerade entdeckt habe”, schildert er die Geburt seiner DJ-Identität. „Ich hab’ niemand anders an die Bluetooth-Box gelassen – wahrscheinlich narzisstisch, aber ich glaube, viele DJs haben da einen Hang zu.” Immerhin: „Mittlerweile genieße ich’s auch viel mehr, Input von anderen zu kriegen.” Und 2020 war es eben Felix, der den pandemischen Mallorca-Trip mit Delano Smith als Soundtrack untermalte. „So richtig laidback, ich mach’ mal eine an.” Die Beschreibung indes geht weiter: „Housig, dubbig, fast minimalistisch, auch soulful, amerikanisch und viel entspannter als die Musik, die ich vorher aufgelegt hab.”
Ein Urlaub, ein Sonnenbrand
Es hat etwas Magisches, ihm dabei zuzusehen, wie er in Platten wühlt, immer wieder mit geradezu kindlichem Stolz ein Sleeve hervorholt, eine Anekdote zur Platte erzählt, sie mit leuchtenden Augen anspielt. Diese hier: Dem Booker Consti erklärtermaßen entwendet, als er ihn zum ersten Mal in Leipzig besuchte. „Danke, Consti!” Es braucht nur einen Track, und eine Geschichte führt zur nächsten, wieder Mallorca, wieder Felix, zwei Jahre später: „Wir haben abends auf dem Dach gehangen und Felix hat den „Mood II Swing Vocal Mix” von Crustrations „Flame” angemacht, das ist ja eh der Übertrack, die absolute Hölle. Eine Komposition, die so auf den Gipfel gebracht ist, die ist einfach perfekt, die Platte – ich musste mich am Stuhl festhalten, weil der Track mich so fertig gemacht hat.”
Ein Urlaub, ein Remix, ein Set danach und Victor tut mal wieder das Gegenteil dessen, was er ein paar Jahre (2018) zuvor selbst noch im Boiler Room anzettelte (Den Abend mit Jungle eröffnen). Sarah Farina beendete gerade ihr Jungle-Set, der Urlaubsversehrte aber „hatte einfach Bock auf House, ich bin von 160 auf 127 BPM runtergegangen, hab mit dem Dub Mix angefangen und mit dem Vocal Mix aufgehört. Vielleicht hatte ich auch noch einen Sonnenbrand.”

Er kramt eine neue Platte hervor, vom eigenen Label Magic Power. Von Tils und Maxim Vukovic, preist sie dafür, wie „erwachsen” sie klinge. „Ich finde, das ist so classic groove loaded techno, ein Loop, der vorwärtsgewandt ist, nicht nervt. Findest du, das klingt nach jemandem, der Anfang 20 ist?” Nun hat Musik nicht unbedingt ein Alter, wie sich Victor nach kurzem Grübeln schnell korrigiert und die Entstehungsgeschichte von Ron Trents „Altered States” anbringt; 16 Jahre jung, auf von Amando geliehenem Equipment, „immer noch mit Abstand die krasseste Ron-Trent-Platte.”
Die Sache mit dem Alter sei vielleicht auch etwas, das Pressetexte gerne als Merkmal nutzen, so wie Skee Mask jahrelang als Wunderkind gehandelt wurde, obwohl längst eher ein junger Erwachsener. „Die Platte (MP06) zeugt einfach von einem Techno-Verständnis, das mir in dem Alter noch fehlte”, spannt er den Bogen zurück zum laufenden Track und Label. „Wir haben gerade sechs Minuten den gleichen Loop gehört, und jetzt denk’ ich: Schade, dass es schon vorbei ist!”
Wieso eigentlich ein eigenes Label? „Der Ursprungsgedanke war: Meine Freunde machen tolle Musik, keiner hört sie, sie brauchen ‘ne Plattform – ich mach’ jetzt ein Label. Ist auch immer noch mein Grundsatz.” Gleichzeitig war ihm die Abgrenzung zu seinem Vater wichtig – Christof Ellinghaus betreibt das Label City Slang. „Ich wollte nie Nepo-Baby sein und konnte das [Label] auch halbwegs vor mir rechtfertigen, dass mein alter Herr bis auf Caribou quasi nichts mit elektronischer Musik am Hut hatte”, erklärt er.
„Ich wollte auf Krampf alles alleine machen, hab’ bei einer amerikanischen Vertriebsfirma ein Rundum-Sorglos-Paket unterschrieben – und am Ende stand die erste Magic Power statt bei Hard Wax bei MediaMarkt.”
Was Victor da mache und was ihn antreibe, habe sich dem Vater erst erschlossen, als der Sohn mal die Bonus-CD einer Robert-Hood-Platte im Auto vergaß. „Da hat er mich angerufen und meinte: Jetzt hab’ ich’s verstanden!” Die Autonomie habe allerdings auch viel Lehrgeld gefordert. „Ich wollte auf Krampf alles alleine machen, hab’ bei einer amerikanischen Vertriebsfirma ein Rundum-Sorglos-Paket unterschrieben – und am Ende stand die erste Magic Power statt bei Hard Wax bei MediaMarkt. Mein Vater hat sich das anfängliche Desaster wahrscheinlich lächelnd angeschaut und gedacht, ich merk’s irgendwann noch.” Das Label organisiert er nach wie vor komplett alleine, der Vertrieb seiner kleinen „12-Inch-Klitsche mit 300 Kopien” läuft inzwischen über Clone, gepresst wird bei City Slang.
Der eigene Stil beim Auflegen beeinflusst nicht unbedingt die Veröffentlichungen darauf. „Ich würde auch House veröffentlichen, aber ich krieg’ keine passenden Demos”, beklagt er halbernst. „Die Leute, die ich darauf rausbringe, machen aber auch alle nur Techno. Deswegen bin ich gerade ein House-DJ mit Techno-Label!” Was auch noch fehlt? „Ich hab’ zum Beispiel noch keine Frau dabei. Großes Defizit, das mir bewusst ist”. Der inoffizielle Aufruf für Demos von Flinta*-Produzent:innen könnte kaum deutlicher geraten – es darf auch House sein!
Friss oder stirb, Mann!
Victor müsste nicht darüber sprechen, er könnte sich ausschweigen, wegducken, aber es scheint ihm ein Anliegen, wie sich auch bei seinen Vorbildern und Inspirationsquellen zeigt. Da fallen erst Namen wie Ben UFO, Claude Young, Spencer Kincy, Jeff Mills, Objekt, Pariah, Don Williams. Und dann pausiert er und sagt: „Oh, das sind ja nur Typen. Electric Indigo! Miss DJax!”. Und fängt an zu überlegen. Während sich einmal mehr auftut, was für ein Boys Club die Historie elektronischer Musik geprägt hat, fängt er schon mit kontemporären DJs an, die es ihm angetan haben: „Akua und Ogazón sind richtig krass, Naomi Nice aus Berlin. Stella Zekri hat eine sehr eigene Art zu mixen, die hat an den Decks so eine Friss-oder-stirb-Attitüde, das ist total spannend anzuschauen.” Wenn er von anderen spricht, taucht wieder die gleiche Begeisterung auf, die ihm auch die Beschreibung von Tracks entlockt. Und die Ehrfurcht, beispielsweise gegenüber einer Helena Hauff, mit der er in diesem Jahr das Nachti eröffnet hat.
Je länger er erzählt, desto mehr kristallisiert sich eine gewisse Beständigkeit heraus. Viele seiner Gigs waren und sind der Grundstein für anhaltende Liaisons, Freundschaften und daraus entstehende Engagements. Ob nun die Bindung zum K41 in Kyjiw, die Freundschaft mit dem Lighthouse Festival in Kroatien und Discos Movimiento in Mexiko, seine Residencys im BLITZ und auf dem Nachti, die regelmäßigen Bookings in der Panorama Bar oder die neuerlich wachsende Beziehung zum Dekmantel; Victor vermag es, sich allzu musisch in Herzen zu spielen. Und gleichermaßen erzählen seine b2b-Beziehungen viel darüber, wie er und seine Freunde sich gegenseitig pushen, herausfordern und inspirieren. Besonders auffällig ist, wie liebevoll er von langjährigen Weggefährten wie Fadi Mohem und Rifts spricht. Letzterer habe vor allem das – Achtung, Reizwort – eklektische Momentum seiner Sets mit beeinflusst. Und ist wohl der DJ, von dem er und Fadi am meisten gelernt haben, wie sie zu Sodawasser mit Limette auf Eis feststellten, während Rifts in der Panorama Bar spielte.
Ziemlich beste DJs
Von Fadi spricht Victor ähnlich ehrfürchtig: „Der ist richtig insane geworden, seit er Resident ist im Berghain. Inzwischen ist’s ein kompletter vibe shift, wenn er auflegt, so wie’s bei den ganz Großen ist.” Die beiden feiern dieses Jahr zehnjähriges b2b-Jubiläum: „Wir haben uns damals bei den Spandauern auf einer Hausparty kennengelernt, haben spontan zusammen gespielt und fanden: ‚War cool, lass’ mal häufiger machen.’” Seitdem laden sie sich gerne zum Gig des jeweils anderen ein, „lange mit der Frage als Running Gag: Hast du ‘nen Stick dabei?” Vielleicht zeichnet sich viel von der jeweiligen Entwicklung gerade in ihren gemeinsamen Sets ab. „Früher war das sehr schnell, zackig, mit harten Fadercuts und schnell aneinandergereihten Nummern”, rekapituliert er. „Jetzt ist das weniger showboating, langsamer, die Tracks bleiben länger stehen, entfalten sich. Ich find’s schön, dass wir auch nach zehn Jahren noch gemeinsam lernen und uns entwickeln.”

Trotz oder gerade wegen seines Umfelds hat Victor nie Interesse daran gefunden, selbst zu produzieren. „Klar hab’ ich auch mal rumgebastelt”, gesteht er die obligatorische Ausnahme. „Skee Mask hat noch immer den einen Grime-Beat von mir auf der Festplatte und holt den alle zwei Jahre mal raus, um mich zu verarschen.” Ob es Bequemlichkeit oder Angst sei, vermag er nicht zu sagen. So sehr er die Emotionen, die Musik auslösen kann, schätzt – der Reiz war einfach nicht da, die Produktionen der anderen viel spannender. „Es hat auch immer was von einem hohen Ross, darüber zu urteilen, welcher Track mir zusagt und welcher nicht. Aber ich hab mich stets gefreut für meine Freunde, denen dabei zuzusehen, wie sie immer besser wurden.” Er zieht einen Vergleich zu Anfragen für genrefremde Mixe, zum Beispiel ein reines Hip-Hop-Set. Auch wenn er sich gern an vielerlei Genres bedient: „Ich würde mich auch nicht hinstellen und Rap blenden wie ein Techno-DJ, da fehlt mir einfach das Skillset. Das ist so ’ne große Kunst, da hab’ ich nichts beizutragen, wie beim Produzieren. Stay in your lane, I guess.”
Nervt nicht, geil
Sein Kopf kreist schlicht am liebsten um Tracks, die er dann auch spielt. „Ich hör’ Musik, um sie zu verstehen, um zu wissen, wie und wann ich sie einsetzen könnte.” So ist auch die Fahrt mit der U-Bahn Raum für Arbeit: „Wenn ich unterwegs bin und Musik höre, dann denke ich oft daran, zu welcher Uhrzeit und in was für einem Setting ich den Track spielen würde. Das ergibt sich von alleine, der Kopf steht da niemals still bei.”
Wie weit die Besessenheit von Tracks gehen kann, zeigt auch das aktuelle Release auf Victors Label. Night Sweats von Chris Doria ist eigentlich von 2001, aber das Presswerk vertauschte damals die Dateien zweier Singles. Gefunden haben sie Skee Mask und er beim Suchen nach vom Zeitgeist abweichenden Techno. „Wir wollten einen Mix machen, der nicht so darker, hochgepitchter House ist, was viele damals [2019, Anm.d.Red.] unter Techno verstanden. Nicht so auf die Bassdrum fixiert, eher groovy wie Sau.” Sie stießen auf das kurzlebige Label First Cut und kauften blind eine Platte von Campana & Reggi, die nicht auf YouTube zu finden war. „Als die Platte ankam, sind wir ausgeflippt, das war auf den Punkt das, was wir gesucht haben. Das war unser Gem, wir haben die totgespielt, auf jedem Gig.” Sehr wichtig für ihre Freundschaft sei diese Single, sagt er, und spielt sie ab. Seine Kurzreview: „Es ist groovy, schnell, es ist irgendwie Techno, es nervt nicht. Saugeil!”
Geil genug, dass er eines Nachts im Subreddit r/oldtechno arglos einen Thread zum von Skee Mask hochgeladenen Vinyl-Rip der Platte durchscrollte und auf den Kommentar von Chris Doria stieß, der gerade durch Zufall das Rätsel um sein vor mehr als 20 Jahren verlorenes Release gelöst hatte. „Ich hab‘ ihm dann geschrieben, dass der Track für uns total besonders ist, und plötzlich saß ich da mit den Master-Files.” Die beiden Freunde waren sich schnell einig, dass es ein Reissue brauche. „Ich hab‘ dann Chris geschrieben und gefragt: Wie sieht’s aus, hättest du Lust? Und der hat sich riesig gefreut, dass jemand der Platte eine zweite Chance geben möchte – ich hätte auch ’ne halbe Stunde vorher schlafen gehen können, dann hätte ich’s nie gesehen.”