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Maike Depas: Cyberpunk-Techno aus dem Metaverse

Mit State of Techno hat Maike Depas vor wenigen Tagen seine Debüt-EP über das Label The Innovation Studio veröffentlicht. Der Mailänder Techno-Newcomer hat im Frühjahr dieses Jahres bereits mit der Veröffentlichung des Musikvideos zu seinem Dream-House-Track „Voyager” die Möglichkeiten von Metaverse und futuristischen Animationen erkundet.

State of Techno orientiert sich an dystopischen Bildern und spielt im Musikvideo zum Song „Dark Room” mit der Vorstellung einer neuen Bewusstseinsebene. Klanglich ordnet sich die EP dort ein, was manche als „Dark Underground Techno” bezeichnen. Treibende Bässe, scheppernde Hi-Hats und die ewig währende Kick im Viervierteltakt. Für GROOVE hat Michelangelo De Pasquale, wie Maike Depas mit bürgerlichem Namen heißt, Fragen zu seinem Interesse an Cyberpunk, den Chancen des Metaverse und seiner klassischen Ausbildung am Mailänder Konservatorium beantwortet.


Das Musikvideo zu „Dark Room” sieht aus wie ein Cyberpunk-Game – es sei aber von einem Sci-Fi-Buch aus den 1980ern inspiriert, schreibst du. Was fasziniert dich an dystopischen Utopien?

Ich war schon immer von älteren Science-Fiction-Filmen fasziniert. Im Laufe der Zeit hat sich diese Leidenschaft zu einer Vorliebe für futuristische Schauplätze und Charaktere in dystopischen Filmen wie zum Beispiel Blade Runner 2049 entwickelt.

Im Video folgt man einer virtuellen Person durch eine virtuelle Stadt. Ihr Ziel: ein virtueller Club, der wie eine Matrix aussieht. Welche Erfahrungen möchtest du hier nachempfinden?

Der Protagonist des Musikvideos wacht in einem Labor auf, nachdem eine mysteriöse Stimme, die die Technomusik repräsentiert, ihn dazu einlädt, seine Reise durch die Stadt fortzusetzen, um seine wahre menschliche Natur wiederzufinden.

Maike Depas (Foto: Marcel Wiest)

Die Figur wacht auf, stapft durch die Stadt, kommt in den Club. Während alle dort drin eskalieren, steht der Protagonist nur rum.

Als er den futuristischen Club erreicht, gelingt es dem Protagonisten endlich, sein Wesen als Mensch zu finden. Er tanzt nicht wie andere Menschen, sondern wird von einem großen Gefühl der Freiheit und Unbeschwertheit ergriffen, das ihn dazu bringt, die Schönheit der Clubkultur in der dritten Person zu beobachten.

Wie hast du Matthieu Martin, dem Macher des Videos, erklärt, was er am Computer gestalten soll?

Wir arbeiteten über einen Monat lang aus der Ferne und standen in ständigem Kontakt. Um ihm meine künstlerische Vision zu vermitteln, habe ich ein Storyboard des Videos erstellt, das durch die Analyse verschiedener Filme und Videospiele inspiriert wurde. Das hatte einen großen Einfluss auf die Umsetzung der einzelnen Szenen. Matthieu war wirklich gut darin, meine Ideen zu entschlüsseln. Er animierte den ersten Rohschnitt des Videos in weniger als zwei Wochen. Danach haben wir gemeinsam an den Details des Videos gearbeitet. Am Ende  beschlossen wir, einige First-Person-Effekte und einen geheimen Raum außerhalb des Dark-Room-Videos hinzuzufügen … Ich bin gespannt, ob ihr ihn finden könnt.

Welche Chance bietet das Metaverse für Clubs?

Das Metaverse und alle damit verbundenen technologischen Hilfsmittel geben dem Publikum auf der ganzen Welt – einschließlich Clubgänger:innen – die Möglichkeit, tiefgreifende musikalische Erfahrungen zu teilen, ohne physisch anwesend zu sein.

In Verbindung mit dem Video klingt die EP  wie Cyberpunk-Musik. Industrial, treibend, peitschend und mit einer verzerrten Ansagerstimme. Woher kommen diese Elemente?

Die Basis meiner Produktionen bildet das Experimentieren mit verschiedenen Sounds. Auf meiner EP habe ich viele verschiedene Instrumente wie Sampler, Synthesizer, Drumcomputer und Vocoder verwendet, die dann in eine analoge Bearbeitungskette gesteckt wurden, um den Sound herauszuholen, den ich gesucht habe.

Maike Depas (Foto: Marcel Wiest)

Deine EP trägt den Titel State of Techno. In welchem Zustand befindet er sich gerade? 

Meine State of Techno-EP repräsentiert den Staat als Nation des Techno. Die verschiedenen Tracks, die ich gemacht habe, verkörpern einige der Eckpfeiler des Genres.

Orientiert sich Techno an Technologie oder ist der zeitgenössische Technosound eher eine Frage der gesellschaftlichen Entwicklung?

Jeder von uns ist ein Abbild der Gesellschaft, in der wir leben, so wie Techno-Musik ein Spiegelbild unserer menschlichen Entwicklung ist.

Du verwendest einen Gitarrensynthesizer, den du „The Edge” getauft hast. Warum?

Ich will damit zeigen, dass Techno ein viel breiteres Publikum erreichen kann als nur eine Nische.

Du hast am renommierten Konservatorium in Mailand studiert. Inwiefern hilft dir die klassische Ausbildung am Klavier und der Komposition beim Produzieren und Komponieren von elektronischer Musik? 

Harmonie ist die Grundlage aller Musik. Ich habe mich für das Klavier entschieden, weil ich glaube, dass es das Instrument ist, das bei der Komposition am meisten hilft.  Die daraus resultierenden musikalischen Phrasen kann ich so ausdrucksstark wie bei keinem anderen akustischen Instrument auf die elektronische Musik übertragen.

Deine erste Erfahrung mit elektronischer Musik hast du im Alter von acht Jahren gemacht, schreibst du. Kyoto, Skrillex oder später auch Martin Garrix und Sven Väth hätten es dir angetan. Was hat dir an ihnen gefallen? 

Die Innovationskraft, die in den audiovisuellen Konzepten dieser großen Künstler zum Ausdruck kommt.

Deine ersten DJ-Erfahrungen hast du mit elf Jahren gemacht. Wie kam es dazu? 

Den Begriff DJ für einen 11-jährigen Jungen zu verwenden, ist vielleicht etwas übertrieben … Wie auch immer, mein erster Auftritt war in einem kleinen Club in Mailand namens „The Blackout”, jetzt „Superlove”. Die Veranstaltung wurde von einem berühmten Mailänder Gymnasium organisiert, und ich war als Special-Guest eingeladen, weil sie mein DJ-Set auf Periscope gesehen hatten und es ihnen gefiel. Meine erste Erfahrung in der Welt des Nachtlebens war unglaublich. Von diesem Moment an beschloss ich, auch in anderen Clubs zu spielen.

Maike Depas (Foto: Marcel Wiest)

Wieso hast du trotzdem ein klassisches Studium am Konservatorium gemacht?

Man lernt nie aus! Musik ist ein unendliches Meer von Entdeckungen, in das man eintauchen kann.

Hast du musikalische Vorbilder aus der Klassik, die auch deine elektronische Musik inspirieren?

Einige Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts gaben mir die Fähigkeit, Musik analytisch und in ihrer Komplexität zu hören, wie z. B. Tschaikowsky. In letzter Zeit fasziniert mich außerdem die Filmmusik von Hans Zimmer.

Wann hast du angefangen zu produzieren?

Professionell vor zwei Jahren.

Du hast letztes Jahr an einem vierwöchigen Advanced Sound Design Kurs von Catalyst im Funkhaus in Berlin teilgenommen. Was hast du aus diesem Kurs mitgenommen?

Meine Single „Berliner”. Dazu gibt es sogar ein Musikvideo auf YouTube.

Die konservative italienische Kultur sei zu einem echten Hindernis auf deinem Karriereweg geworden, schreibst du. Inwiefern? 

Die italienische Musiktradition führt diejenigen, die Musik machen wollen, an das Konservatorium, eine Institution, die für die Karriere als Musiker in Italien grundlegend ist. In Italien hat man Erfolg, wenn man der neomelodischen und popmusikalischen Tradition folgt, ein Modell, das nicht mein Ding ist. Daher dachte ich, dass es viel passender wäre, meinen Sound in einen kulturellen Kontext zu stellen, der meinem Geschmack näher kommt.

Planst du noch weitere Erkundungen im virtuellen Club?

Ich habe gerade erst angefangen. Ihr werdet es noch erfahren! Ein virtueller Club ist immersiv, da er sich im Metaversum befindet. Nächsten Sommer werde ich durch Italien touren und an den eindrucksvollsten Orten virtuelle Live-Shows veranstalten.

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