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Manuel Göttschings „E2-E4”: Tanz’ die Sphärenharmonien

Kosmische-Vordenker Manuel Göttsching ist am 4. Dezember in Berlin verstorben. Sein Hauptwerk ist an einem einzigen Tag, am 12. Dezember 1981, entstanden. Wir führen in das Album ein, mit dem er von Larry Levan bis Moritz von Oswald, von Prins Thomas bis LCD Soundsystem verschiedene elektronische Generationen prägte.

Zwei weiche Synthesizer-Akkorde schweben im Raum. Mit einigen weiteren sparsamen Elementen fügen sie sich zu einem fein gewebten Netz. Nichts an diesen Klängen stellt sich dem Hörer entgegen, widerstandslos taucht man in den zarten, brüchigen Groove ein. Die Wärme und Anmut des von Manuel Göttsching am 12. Dezember 1981 produzierten Stücks hat nichts vom regressiven ozeanischen Bombast des Progressive Rock der späten Siebziger. Ebenso wenig teilt es die Hermetik und Unruhe der akademischen Minimal Music eines Terry Riley. Das Stück ist zu fremdartig und rätselhaft, um zur gefälligen Klangtapete der Elevator Music zu erstarren. Stattdessen nimmt E2-E4 diverse Stile der elektronischen Clubmusik der Achtziger vorweg. Sein visionärer Charakter ist geradezu monströs: Die gleißenden Synthesizer bereiteten Italo-House vor, die zu mäandernden Arpeggios aufgebrochenen Akkorde Electro, die suggestiven, sehnsüchtigen Melodien Detroit Techno.

Manuel Göttsching in den 1970er Jahren (Foto: unbekannt)
Manuel Göttsching in den 1970er Jahren (Foto: Unbekannt)

Mit Klaus Schulze und Edgar Froese gehört der 1952 geborene Manuel Göttsching zu den wichtigsten Protagonisten der Berliner Schule der elektronischen Musik. Bekannt wurde er als Gitarrist von Ash Ra Tempel, die mit Amon Düül II, Can oder Tangerine Dream zur Speerspitze des Krautrock gehörten. Göttsching faszinierte extrem monotone Musik. In einer Art Meditation spielte er über die Dauer von 20 Minuten immer dieselbe Gitarrenfigur. Ein maßgeblicher Orientierungspunkt war die Minimal Music von Komponisten wie La Monte Young. Deren Kompositionen erschienen Göttsching aber als körperloses Gedankenexperiment. Göttsching wollte einen Sound erschaffen, in dem das bewusste Hören einem hypnotischen Eintauchen Platz macht. Dafür strebte er einen gefälligeren, melodiöseren und lebendigeren Sound an.

Das Label der Originalpressung von „E2-E4” von Manuel Göttsching.
Das Label der Originalpressung von „E2-E4” von Manuel Göttsching.

Nachdem zahllose Sessions über Jahre hinweg nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hatten, entstand E2-E4 eher zufällig: Am 12. Dezember 1981 wollte Göttsching für eine Zugfahrt nach Hamburg Musik für den Walkman aufnehmen. In kürzester Zeit programmierte er acht Synthesizer-Figuren, die ein damals neu erhältlicher Sequenzer als Loop ad infinitum wiederholte. In der ersten Hälfte des Stücks modulierte er subtil die Synthesizer-Klänge. Die Veränderung in der Musik wird so nicht durch distinkte Wechsel markiert, sondern durch ein ständiges, kaum wahrnehmbares Fließen.

Virgin-Boss Richard Branson prophezeite dem Album einen extremen Erfolg, nachdem die Musik dessen eigenen, schreienden Säugling besänftigt hatte.

Nach einer halben Stunde griff Göttsching zur Gitarre und improvisierte zu den elektronischen Klängen. Dieses Gitarrenspiel hat nicht die bedeutungsvolle Wirkung eines Solos, stark rhythmisiert erhebt es sich auch nicht über die geloopten Klänge. Die Lebendigkeit der Improvisation zielt nicht darauf, als solche wahrgenommen zu werden. Nach 58 Minuten und 20 Sekunden schaltete er die Synthesizer ab. „E2-E4” war vollendet. Kein einziger Ton des nach einem Eröffnungszug beim Schachspiel benannten Albums wurde nachträglich verändert.

Das Label der Originalpressung von „E2-E4” von Manuel Göttsching.
Das Label der Originalpressung von „E2-E4” von Manuel Göttsching.

Jedes Element eines Popsongs hat eine kurze Halbwertszeit: Die Strophe drängt zum Refrain, der ganze Song nach drei oder vier Minuten zu seinem Ende. An Alben wie Brian Enos Music For Airports anknüpfend, brach Göttsching das rigide Zeitregime des Pop auf. Im everchanging neverchanging der sich endlos wiederholenden, aber doch modifizierten Loops verlieren die Klänge ihren Charakter als distinkte musikalische Botschaften und entwickeln die Selbstverständlichkeit eines Gegenstandes im Raum. Doch diese Revolution wurde zunächst nicht wahrgenommen.

Der bescheidene, durchlässige Sound von E2-E4 ist eine angenehme Abwechslung zum pausenlosen Kampf um Aufmerksamkeit, der aus den Playlists entgegendröhnt.

Virgin-Boss Richard Branson prophezeite dem Album zwar einen extremen Erfolg, nachdem die Musik dessen eigenen schreienden Säugling besänftigt hatte. Zur Veröffentlichung bei Virgin kam es aber nicht. E2-E4 erschien erst drei Jahre später auf die Initiative Klaus Schulzes hin auf dessen kleinem Label Inteam. Doch Mitte der Achtziger dominierten die Künstlichkeit des Synth-Pop und der Noise des Postpunk. Entsprechend schroff urteilte die Szene die Platte mit dem auffälligen Schachbrettmuster ab. Sie verkaufte sich gerade 300-mal. Obwohl Göttsching sich selbst nicht vorstellen konnte, zu dem swingenden Groove des Stücks zu tanzen, wurde das Album von der Clubszene entdeckt: Der New Yorker Disco-Papst Larry Levan spielte es in der ganzen Länge an Anfang und Ende seiner Sets in der Paradise Garage. 1989 wurde eine Bearbeitung der Platte zweier italienischer House-Produzenten unter dem Titel „Sueño Latino” zum Welthit, der sich häufiger verkaufte als alle bisher von Göttsching aufgenommenen Platten. Seitdem tauchte E2-E4 als fester Bestandteil der Clubmusik in den unterschiedlichsten Verfremdungsgraden immer wieder auf.

Das Cover der 35-year-anniversary edition von „E2-E4” von Manuel Göttsching.
Das Cover der 35-year-anniversary edition von „E2-E4” von Manuel Göttsching.

Das Album wurde schon mehrmals wiederentdeckt. 2005 führte es Göttsching mit dem Neue-Musik-Ensemble Zeitkratzer live auf. Und auch heute ist E2-E4 unvermindert aktuell. Die elektronische (Tanz-)Musik hat einen 40-jährigen Prozess der audiotechnischen Optimierung durchlaufen. Der barocke, überreiche Sound vieler aktueller Produktionen erinnert vielleicht an den Fusion-Sound der Siebziger, gegen den Techno und House mit ihrem punkigen, reduzierten DIY-Ansatz einst ankämpften. Der bescheidene, durchlässige Klang von E2-E4 ist eine angenehme Abwechslung zum pausenlosen Kampf um Aufmerksamkeit, der aus den Playlists entgegendröhnt. Diesem kompetitiven Überbietungsgestus setzt Manuel Göttsching eine kompromisslose, hippieske Autarkie entgegen.

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