Stone Techno Festival 2022: Kurzinterview mit der Art Direction

Das Artwork des Stone Techno Festivals

Am 9. und 10. Juli steigt das Stone Techno Festival auf dem Gelände des Zeche Zollvereins in Essen – eine einzigartige Location, besonders für härtere Spielarten elektronischer Musik, die Acts wie Ellen Allien, Adiel, Dax J, Julia Govor oder Sterac servieren. In diesen Kontext fügt sich das steinige, besser: kristalline Artwork bestens ein. Dafür verantwortlich sind in Tateinheit Jan Petry, Künstler, Gestalter und Art Director bei The Third Room, und Dr. Achim Reisdorf, Geologe und Kurator der Naturwissenschaftlichen Sammlungen der Stiftung Ruhr Museum Essen. Im Interview mit beiden erfahrt ihr, wie sie die gemeinsame Bildsprache entworfen haben, was ein Schwerspat-Zwilling ist und wieso er sich als Bildmarke für ein Techno-Festival eignet.


In der elektronischen Musik hat der Rückgriff auf wissenschaftliche Inhalte eine lange Tradition. Habt ihr euch von dieser inspirieren lassen?

Jan Petry: Achim und ich haben uns als Musikliebhaber natürlich über die Klassiker wie beispielsweise The Dark Side of the Moon ausgetauscht. Aber generell kann ich für mich sagen, dass mich Minerale aus dem Ruhr Museum oder dem Museum für Naturkunde in Berlin für das Projekt am meisten inspiriert haben. Die Natur ist und bleibt noch immer die beste Inspirationsquelle.

Dr. Achim Reisdorf: Diese Tradition in der elektronischen Musik hat definitiv meine Hörgewohnheiten und Sichtweise auf Musik gleich welchen Genres geprägt, sei es in Form der Komposition, der Lyrics oder nicht zuletzt des Coverartworks. Insbesondere naturwissenschaftlich inspirierte Konzeptalben faszinieren mich. Mit Jan bin ich nun auf einen Menschen getroffen, der meine Leidenschaft teilt, unkonventionell über den Tellerrand zu schauen. Bildlich gesprochen ist der Teller unser Alltag. Hier im Ruhrgebiet besteht der Alltag exemplarisch aus Industrienatur und Naturkultur. Über den Tellerrand hinaus geht es dann aber direkten Weges zur Natur.

Jan Petry by Charlotte Ernst
Jan Petry (Foto: Charlotte Ernst)

Ihr habt beide Berührungspunkte bzw. eine Geschichte mit dem Ruhrgebiet. Wie wird elektronische Musik dort zelebriert? Was macht den Veranstaltungsort von Stone Techno so besonders?

Petry: Ich bin in Bochum aufgewachsen und mein Großonkel war im Bergbau tätig. Dementsprechend habe ich zu der Region einen sehr engen Bezug. Die Zeche Zollverein ist für mich das Wahrzeichen des Ruhrgebiets und die Möglichkeit, inmitten einer so beeindruckenden Industriekulisse dort zu feiern, wo ich einst als Kind spazieren war, gibt mir einen besonderen emotionalen Antrieb. Mit dem historischen Kontext passen das Ruhrgebiet und Zeche Zollverein natürlich auch wunderbar zur Geschichte der elektronischen Musik. Vor acht Jahren habe ich für eine kurze Zeit in Michigan gelebt, sodass ich viele Gemeinsamkeiten bezüglich des Strukturwandels und die Umgestaltung von Industrie-Locations für die Zwecke elektronischer Musik sehe.

Reisdorf: Meine Vita ist erst seit 2018 an das Ruhrgebiet geknüpft. Vom ersten Tag an habe ich die Metropole, ihre Erd- und Kulturgeschichte und die Menschen ins Herz geschlossen. Das UNESCO-Welterbe Zollverein hat mich beim ersten Anblick schier umgehauen. Diese Architektur der Neuen Sachlichkeit von Fritz Schupp und Martin Kremmer ist wunderschön und auf eine Art auch ergreifend düster: die vorweggenommene Materialisierung von Techno weit vor seiner Erfindung. Geboren und aufgewachsen bin ich in einer anderen bedeutenden Bergbauregion Deutschlands, nämlich Freiberg in Sachsen. Hier bin ich nach dem Mauerfall mit dem im Osten aufstrebenden Techno zum ersten Mal in Kontakt gekommen: Freiberg zählte einmal zu den Hochburgen des Technos in Deutschland. Die elektronische Szene des Ruhrgebiets ist für mich dementsprechend noch Neuland. Deshalb bin ich überglücklich, mit den szenekundigen, hier verwurzelten The Third Room nicht nur zusammenzuarbeiten, sondern dabei auch in die regionale Technokultur eintauchen zu dürfen.

Achim Reisdorf by Olaf Fuhrmann
Dr. Achim Reisdorf (Foto: Olaf Fuhrmann/Funke Mediagroup)

Gemeinsam habt ihr die Bildsprache für Stone Techno entwickelt. Könnt ihr erklären, wie ihr das angegangen seid?

Petry: Die Bildmarke von Stone Techno ist eine simplifizierte Form eines besonderen Minerals aus der Sammlung des Ruhr Museums, das aus dem Ruhrgebiet stammt. Namentlich handelt es sich um das Mineral Schwerspat, das als sogenannter Kristallzwilling ausgebildet ist – vereinfacht gesagt die gesetzmäßige Verwachsung zweier Einzelkristalle der gleichen Mineralart. Diesen hatte mir Achim empfohlen, da wir regionalen Bezug zur Marke aufgreifen wollten.

Bei den Veröffentlichungen arbeiten wir mit den Fachbegriffen aus der Kristallographie als Projekttitel. Die wissenschaftliche Bezeichnung von sogenannten Kristallsystemen ist der rote Faden der Stone Techno Series und gibt zugleich den Gestaltungsrahmen vor. Beim letzten Release war es das trikline Kristallsystem. Innerhalb eines bestimmten Kristallsystems suche ich zunächst nach einer in der Mineralienwelt existierenden Kristallwuchsform, die als Inspiration für die Texturen gilt. Im Falle der Triclinic EPs war es ein wunderschöner Rhodonit-Kristall.

Anschließend beginnt der für mich komplizierteste Teil: die Modellierung des 3D-Grundkörpers, der die Eigenschaften des Kristallsystems und der Kristallachsen widerspiegelt. Hierbei stimme ich jeden Schritt mit Achim intensiv ab, teilweise auch im Austausch mit dem Mineralogischen Institut der Universität Basel. Anschließend texturieren wir unseren Grundkörper in der 3D-Software. Hierbei gehen wir weniger wissenschaftlich präzise vor, um einen technoiden Twist zu kriegen.

Anschließend werden die Kristalle in ein Licht-Set gesetzt und mittels Ray-TracingTechnologie digital mit Photonen durchleuchtet, sodass eine physikalisch korrekte Lichtbrechung entsteht. Persönlich macht mir dieser Teil am meisten Spaß, weil man hier viel spielen und probieren kann.

Neuerdings sind wir als KI-Freunde einen Schritt weiter gegangen: Wir wollen, dass sich eine KI in das Thema einarbeitet. Diese hat dann mit folgendem Text-Input das Lernen begonnen: „close up of rhodonite crystals in a pink triclinic room made from rhodonite crystals rendered in a studio light set”.

Reisdorf: Dem kann ich kaum etwas hinzufügen. Es ist erstaunlich, wie schnell und mit welcher Begeisterung sich Jan das notwendige Fachwissen der Mineralogie und Kristallographie für die Gestaltung des Artworks angeeignet hat. 

Um aber nochmals auf die Bildmarke von Stone Techno und damit den Schwerspat-Zwilling zu sprechen zu kommen, der in meinen Augen eine anthropomorphe Gestalt besitzt – vielleicht noch diese nerdige Ergänzung: Der wunderschöne, perfekt gewachsene Kristallzwilling stammt aus Gelsenkirchen-Buer-Hassel von der Steinkohlenzeche Westerholt, 4. Sohle, von der Kluft im Hülsdauer Blatt aus 816 Metern Tiefe unter der Erdoberfläche. Entdeckt wurde dieser Kristallzwilling durch einen Bergmann, in einer Zeit, in der die Steinkohleindustrie des Ruhrgebiets Arbeitgeber für Menschen aus ganz Europa war und sowohl Landschafts- als auch Klimaentwicklung mitgestaltete. Dieser Kristallzwilling gelangte aufgrund seiner Schönheit zunächst in eine Privatsammlung und dann ins Ruhr Museum in Essen.

Mit anderen Worten: mit seiner geschichtlichen Verortung und nach Naturgesetzen klar definierten Form ist der Kristallzwilling ein Wissensträger für das Jetzt und zukünftige Generationen. Kristall und Logo besitzen eine klare Formsprache, die sich sowohl in der Natur als auch in den Bauwerken der Neuen Sachlichkeit wie der Zeche Zollverein wiederfinden lässt.

Zum Abschluss: Auf welche Acts freut ihr euch auf dem Festival besonders?

Petry: Beim dem Line-up eine durchaus schwierige Frage. Neben alten Freund*innen freue mich besonders auf ein Wiedersehen mit Partner*innen wie zum Beispiel Ahmet Sisman und Almedin alias VNNN. Zudem freue ich mich, auf dem Gelände CEM willkommen zu heißen, der Freund meines Künstlerkollegen und Herrensauna-Residents Mauro Ventura alias DJ Saliva, mit dem ich zur Zeit an einem KI-Projekt arbeite. Außerdem natürlich Héctor Oaks, Luke Slater, Efdemin, D. Dan und Oscar Mulero zum Tanzen.

Reisdorf: Festivals sind für mich immer eine gute Gelegenheit, neue Künstler*innen zu entdecken. Allein das ist Vorfreude genug! Das von The Third Room zusammengestellte Line-up ist der Killer! Richie Hawtin sehe ich zum ersten Mal live. Für mich geht damit ein Traum in Erfüllung.

GROOVE präsentiert: Stone Techno Festival 2022

9. Juli bis 10. Juli 2022
UNESCO-Welterbe Zollverein

Tickets: Tages- und Weekender-Tickets ab 34 Euro

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