Quadrature: CREDO auf dem #bebeethoven (Foto: Sarah Larissa Häuser)

„Was ist das musikalisch Radikale im 21. Jahrhundert?”, fragte sich das Projekt #bebeethoven vom 16. bis 24. Oktober. Um diesen und weiteren Fragen nachzuspüren, veranstaltete man in Bonn eine Reihe innovativer Konzerte, Performances und Präsentationen, die sich insbesondere mit der Zukunft des Musikschaffens beschäftigten und unorthodoxe musikalische Perspektiven eröffneten. Oftmals vereinten die Darbietungen dabei etablierte Werke oder klassische musikalische Spielweisen mit modernen Produktions- und Medienkontexten.

Zum #bebeethoven, das mit seiner multimedialen Ausrichtung dem facettenreichen Zugang zur Musik im 21. Jahrhundert Rechnung trägt und sich neben den Auftritten geförderter Musiker*innen obendrein als Magazin und Ausstellung selbst verewigte, hat uns der künstlerische Leiter Steven Walter ein paar Fragen beantwortet.


Um anfangs erstmal Klarheit zu schaffen: Wie stehen das PODIUM Festival in Esslingen und das #bebeethoven in Bonn zueinander in Beziehung?

Steven Walter: PODIUM Esslingen ist Erfinderin und Trägerin des Projekts #bebeethoven, das zum Abschluss des dreijährigen Fellowships – das sich in ganz Europa ausgedrückt hat – in der Beethovenstadt Bonn jetzt in kompakter Form präsentiert wurde.

Beethoven, das „Maskottchen der Hochkultur”, wie es im Pressetext heißt, bringt man nicht zwangsläufig mit futuristischen KI-Experimenten an der Schnittstelle von Musik und Technologie in Verbindung. Wieso wählte man ihn als musikalischen Paten des Festivals?

Beethoven, der dieses Jahr sein 250-jähriges Jubiläum hat, war ein radikaler musikalischer Querdenker, hat sich und seine Kunst immer wieder neu erfunden, hat sich für verschiedenste Aspekte des Musikschaffens seiner Zeit interessiert und hat diese mitgestaltet. Dazu gehörten auch Fragen der Musiktechnologie, die politische Dimension der Musik und das Konzert als sozial-ästhetische Plattform. All diese Fragen, die Beethoven seinerzeit gelebt hat, will #bebeethoven auf die Gegenwart übertragen.

Wie stehen für euch Werke der Hochkultur, aufgeführt wurde etwa eine Interpretation von Puccinis Tosca, mit experimenteller zeitgenössischer bzw. avantgardistischer Musik in Verbindung? Oder: Wie lassen sie sich in einen aktuellen musikalischen Kontext transformieren?

Musik ist immer Gegenwartskunst. Egal, wann sie geschrieben wurde: sie erklingt im Hier und Jetzt. Die Herausforderung der „klassischen” Musik ist, trotz der langen Rezeptionstradition dieser Musik, eine Zeitgenossenschaft zu leben. Konzerte müssen sich gegenwärtig anfühlen, nicht wie museale Zeitreisen. Auch dieser Herausforderung stellt sich das Projekt #bebeethoven.

Jetzt, da die Konzertreihe vorbei ist: Wie sieht die „Zukunft des Musikschaffens” aus? Welche Schlüsse lassen sich aus dem Projekt ziehen?

Das Projekt macht deutlich, dass die Komplexität unserer heutigen, globalisierten, dynamischen Welt nur durch musikalische Vielfalt abzubilden ist. Es gibt nicht die eine Zukunft der Musik, sondern sie wird hoffentlich in einer großen, farbenreichen Vielfalt erklingen. Bei #bebeethoven gab es radikal unterschiedliche musikalische Ansätze, die sich aber letztlich in der Vielfalt gegenseitig bereichern. Ich glaube, in der Zukunft muss diese Vielfalt noch intensiver und breiter gelebt werden, damit wir uns nicht in kleinste Nischen vergraben.

Auch PODIUM und #bebeethoven hatten mit der Pandemie zu kämpfen. Wie fällt das Fazit zur Durchführung aus? Hat das Konzept funktioniert?

Die Pandemie trifft alle Kulturakteure sehr heftig. Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass die Abschlussfestivals in Esslingen und Bonn „normaler” hätten ablaufen können. Aber auch mit diesen Einschränkungen sind die Künstler*innen äußerst kreativ umgegangen, sodass es kaum künstlerische Einbußen gab. Wir haben kurzfristig auch verstärkt auf digitale Übertragungen und Dokumentationen der Projekte gesetzt, haben auch ein sehr schönes Magazin zum Abschluss herausgegeben.

#bebeethoven ist überdies auch forschungs- und entwicklungsorientiert – es geht nicht nur um die Präsentation, sondern auch um die künstlerische Entwicklungsarbeit selbst. Manche haben sich sogar über den plötzlichen Zeitüberfluss gefreut, da sie sich ganz auf den kreativen Prozess konzentrieren konnte. Ich bin überzeugt davon, dass die Krise einen Innovationsdruck im Kulturbereich erzeugen wird, wodurch dieses Projekt relevanter denn je wird.