Das White Hotel in Manchester (Alle Fotos: Alexis Waltz)

Manchester ist eine der Keimzellen des Acid House. Vordenker wie der im Februar verstorbene Andy Weatherall prägten dort den szeneübergreifenden Crossover-Sound der 1990er, bei dem Bands wie die Happy Mondays oder Primal Scream Indie und Acid House verschmolzen. Diese Szene zehrte von der legendären Haçienda, einem der ersten House-Clubs in Europa. In der Zeit danach verdrängte der Wirtschaftsboom der Stadt die Szene. Neuerdings gibt es dort aber einen Club, der mit der legendären Haçienda verglichen wird – das White Hotel. GROOVE-Chefredakteur Alexis Waltz war vor dem Ausbruch von Corona ein Wochenende dort – und hat sich ins Getümmel gestürzt.   


„You are here”, antwortet der Uber-Fahrer auf mein fragendes Gesicht. „It’s a club.” Von einem Club ist nichts zu sehen. Die Reifen des Wagens rollen knirschend durch ein heruntergekommenes Industriegebiet. Das Flutlicht eines bewachten Parkplatzes strahlt mir ins Gesicht. Der Fahrer schaut mich ungeduldig an, er will zum nächsten Gig, und ich trete auf den kaputten Asphalt.

Am Ende der Straße steht etwas verloren ein kleiner, weißer Backsteinbau zwischen dem Parkplatz und riesigen Lagerhallen aus Wellblech. Absperrgitter, einige Menschen. „Do you have a ticket?”, fragt die Security-Frau. „We have a no phone policy in the club tonight”, setzt der Selektor nach: „You may use your phone in the smoking area in the yard.” 

OK, bloß wo ist der Eingang? „Walk around the building”, erklärt der Selektor geduldig. Da türmen sich weiße Müllsäcke, eine alte Palette rottet vor sich hin. Rechts eine von Stacheldraht gekrönte Mauer, links der Club: Ein altes, einstöckiges Gebäude aus weiß bemaltem Backstein mit einem flachen Giebel. VW & Audi Specialists steht über zwei großen Rolltoren auf einem alten Schild. Offenbar war das mal eine Autowerkstatt.

Das White Hotel.

Dann stehe ich im Raucherbereich vor dem Eingang des Clubs. An den Rändern wuchert durch bröckelnden Beton Schmetterlingsflieder. Die jungen Partygäste schwatzen und rauchen. Im Vorraum des Clubs befindet sich ein, wie könnte es anders sein, weißes Klavier, einige weiße Sofas und eine kleine, improvisierte Bar, natürlich in Weiß. Schließfächer ersetzen eine Garderobe. Nebenan der Dancefloor, auf den vielleicht 200 Leute passen. Es ist dunkel, für Augenblicke taucht ein LED-Spot die tanzenden Menschen in rotes und blaues Licht. 

Der Lichtmann blickt erst zweifelnd auf den Dancefloor, dann auf sein Pult. Neben ihm die DJ Club Fitness, eine in London lebende Kanadierin. Sie tanzt zu ihren lebendigen, reduzierten Grooves, die aus kaum mehr als Snares, Hihats und behänden Basslines bestehen. Die Musik ist überraschend leise, sie wird vom Geschnatter der bestens aufgelegten, jungen Partygäste übertönt, auf deren strahlenden Gesichtern die Freude über das beginnende Wochenende abzulesen ist. Die schwarze Kleidung der Feierleute aus Berlin sieht man kaum, man kleidet sich hier überraschend klassisch. 

„I have been coming here for 4 years, it was rough back then”, erzählt ein junger, pausbäckiger Raver: „Bar on the dancefloor, no advance tickets. Just cash at the door. A proper warehouse.” 

Lad-Styles mit bis zum Hals zugeknöpften Hemden mit Paisley-Mustern oder eine Goldkette über einem schwarzen Rollkragenpullover bei den Männern, die Frauen zeigen mit schulterfreien und ärmellosen Tops Haut. Der Konsum flößt Respekt ein. Kokain reicht man sich auf der Tanzfläche in kleinen Silberlöffeln. Im Raucherbereich hängen einige Männer herum, die nicht so gelassen wirken wie die Partygäste, sondern nervös und verschwitzt. Es sind die Dealer, die einem so höflich wie alle Leute hier Ecstasy und Kokain anbieten. In Londoner Clubs ist das Sicherheitspersonal angewiesen, derartige Aktivitäten zu verhindern und geht deshalb mit Taschenlampen durch den Club, ein Stimmungskiller. Im White Hotel gibt es nur eine einzige Security-Person, und sie beobachtet das Geschehen respektvoll vom Eingang aus.

Hit & Run im Club Hidden.

„I have been coming here for 4 years, it was rough back then”, erzählt ein junger, pausbäckiger Raver: „Bar on the dancefloor, no advance tickets. Just cash at the door. A proper warehouse.” Jetzt findet er es fast zu sehr wie einen normalen Club. Dann ist er auch schon weg. „Gotta bounce”, setzt er nach.

 „It’s the most full-on club in England. Das meiste hat mit Haltung zu tun. Heute wird alles übererklärt. Wir machen keine Werbung.” 

Dann steht Shanti Celeste in der DJ-Kanzel und sortiert ihre Platten. Auf einmal ist der Floor brechend voll. Die Musik wird lauter, Celestes kantige Grooves unterdrücken das Stimmengewirr. Für die beschränkte Größe des Clubs legt Celeste überraschend hart und entschieden auf. Ihr Set basiert auf den durchlässigen, raumgreifenden Housetracks, für die man sie liebt. Die Tracks haben aber ungewöhnlich fest umrissene Konturen, sie würden auch auf einem viel größeren Floor funktionieren. Gegen diese Funktionalität rebellieren irrwitzige, psychedelische Sounds, die unerwartet auftauchen und durch die Tracks geistern. Einer der Höhepunkte ihres Sets ist „Ripgroove” von Double 99. Im Break des Tracks wird es einen Moment still. Als das Stück weitergeht, macht Celeste die Platte aus. Die Crowd jubelt, und sie lässt die Platte nochmal von Anfang an laufen – ein Rewind, wie man ihn von Drum’n’Bass-DJs kennt. Wenig später steht Peach neben ihr, sie umarmen sich und Peach spielt als erstes Stück. „138 Trek”, ein klassischer Jungle-Track von DJ Zinc, das der Nacht mit seiner irisierenden Bassline eine hypnotische Wendung gibt.

Fußball, Musik und Verbrechen

Am nächsten Tag treffe ich Austin Collins, er hat auf meine Interviewanfrage an die Emailadresse des Clubs reagiert. Collins bestellt mich ins Home, ein modernes, großzügiges Kino mit einem eleganten Café. „I already ordered a pint”, sagt der aufmerksame Mann um die 40. Er sei primär Autor, erklärt er. Er hat mit dem Übervater der Szene von Manchester, mit Mark E. Smith von der Band The Fall, dessen Biographie verfasst.

„Das White Hotel war eine Autowerkstatt. Deshalb gibt es die Löcher im Boden. Ich sehe es nicht als Nachtclub, sondern human experiment.” Der Club gehört dir? „Wir sind eine Gruppe. Wir sind keine Firma, eher eine Armee, jeder im Regiment hat eine andere Aufgabe. Es ist auch ein bisschen wie die Mafia, ein bisschen wie eine Geheimgesellschaft. Auch ein bisschen wie ein Kult. Die Leute sprechen zu viel darüber. Ich denke, dass das falsch ist. Das sollten sie nicht tun.”

„Es gibt viele Läden in Manchester, da steht No football caps or shirts an der Tür. Das ist die abgeschwächte Form No Irish, No dogs, No blacks, das hier bis in die 1960er verbreitet war. Die Menschen, die man heute Hipster nennt, sehen lieber einen Hund im Club, als einen Fußballfan.”

Das White Hotel unterscheidet sich von allen anderen Clubs in Manchester dadurch, dass es nicht schon um 4 Uhr schließen muss, erklärt Austin. Wie habt ihr die All-Night-Bar-License bekommen? „Das hat mit unserer Risikobereitschaft zutun”, lächelt er überlegen: „Aber auch damit, dass wir uns an der Grenze zwischen Manchester und [der benachbarten Gemeinde, d.Red.] Salford befinden. Der Club liegt in Salford, hat aber die Postleitzahl von Manchester.”

Die Gruppe hat viel Arbeit reingesteckt, obwohl man das auf den ersten Blick nicht sieht, erzählt er: „It’s the most full-on club in England. Das meiste hat mit Haltung zu tun. Heute wird alles übererklärt. Wir machen keine Werbung”, sagt er.

Hit & Run im Club Hidden.

Seit fünf oder sechs Jahren gibt es das White Hotel jetzt, am Anfang waren hauptsächlich Freunde da. Die steigenden Mieten in der Stadt hätten viele Leute ausgeschlossen. „Wir sind ein inklusiver Ort. Bei uns sind auch Kriminelle oder Sexarbeiter*innen willkommen. Es gibt viele Läden in Manchester, da steht No football caps or shirts an der Tür. Das ist die abgeschwächte Form No Irish, No dogs, No blacks, das hier bis in die 1960er verbreitet war. Die Menschen, die man heute Hipster nennt, sehen lieber einen Hund im Club als einen Fußballfan. Heute geht es bei vielen Clubs hauptsächlich darum, arme Menschen auszuschließen. Am Anfang habe ich Runden von Shots für 14 Pence weggeben – du musstest den Betrag allerdings passend zahlen”, grinst er. Auch jetzt kostet kein Bier mehr als 3,50 Pfund, für britische Verhältnisse günstig.

Warum ist die Crowd so jung? „Viele meiner Freunde, die früher mit den Happy Mondays oder Oasis rumhingen, gehen nicht mehr jedes Wochenende aus. Viele bleiben zu Hause, ziehen Koks und gucken [die BBC Standard-Tanz-Show, d.Red.] Strictly Come Dancing. Das ist eine ganze Generation, sie feiern eine Clubnacht in ihrer Küche. Das sind manchmal die besten Nächte.” 

Der Zustand am Rand zum körperlichen Kollaps wird mit völliger Gelassenheit hingenommen.

Hat die legendäre Zeit von Manchester mit den genannten Bands tatsächlich noch eine Wirkung auf den Club? „Für die Haçienda war ich zu jung, und die Musik war dort auch scheiße. Die Happy Mondays waren für mich aber wichtig. Jetzt gibt es eine neue gute Band, die Swedish Magazines. Das White Hotel wird oft mit der Haçienda verglichen. Das ist ein so offensichtlicher wie fauler Vergleich. Er ärgert mich nicht. Es gibt Eigentumswohnungen, die heißen Haçienda Flats. Das sagt alles über die Entwicklung der Stadt. Viele Leute, die in die Haçienda gegangen sind, kamen aus armen Verhältnissen und konnten sich eine solche Wohnung niemals leisten. Ich habe immer viel Musik aus Manchester geliebt: Primal Scream, The Fall, die Mondays, aber auch dance music, 808 State, einige Remixe. Andy Weatherall hat den letzten Gig vor seinem Tod im White Hotel gespielt. Ich höre und kaufe keine Dance Maxis, das sind Fetische von Fanboys und -girls. Es gibt eine Beziehung zwischen dem Aufkommen der Tanzmusik und dem Verschwinden von guten Texten im Musikjournalismus.”

Das White Hotel ist aus Sways Records, einem von Ben Ward betriebenen Label, entstanden, erzählt Collins. Er war für die Pressetexte zuständig. Wie gesagt finden besten Partys oft in Küchen statt, wiederholt er: Das White Hotel gestatte eine solchen Party in einem größeren Rahmen.” Er hält inne: „Ohne den Kühlschrank im Rücken zu haben”, setzt er mit seinem schiefen Lächeln nach.

Hit & Run im Club Hidden.

Das White Hotel sei in Manchester eine Ausnahme. Sonst sind in der Stadt Wohlstand und Armut rigoros getrennt: „Bei vielem in unserer Gesellschaft geht es darum, dass du etwas tust, damit sich andere schlecht fühlen, dass du etwas kaufst, das sich andere nicht leisten können.” Aber es gibt auch Bewegungen in der Gesellschaft, die sich gegen die Klassengesellschaft richten: „Fußball, Musik und Verbrechen – das haben wir im Blut.”

Klassische Eleganz und Socializing 

Samstagnacht habe ich eine Drum’n’Bass Party auf dem Zettel. DJ, Musiker und Promoter Rich Reason feiert den 13. Geburtstag seiner Partyserie Hit & Run, mit der er auch eine Stage auf dem beliebten Gottwood Festival in Wales kuratiert. Sie findet in der Nähe des White Hotel in einem anderen, größeren Warehouse statt, das Hidden heißt. Vor dem Gebäude die obligatorischen Absperrgitter und drei ältere Männer in gelben Westen. Ein Ritual entspinnt sich, das sich so oder ähnlich schon an zahllosen Clubtüren abgespielt hat.

„Are you on the guest list?” Ja, das bin ich. 

„On whose guest list?”, fragt der Grauhaarige. „On Rich’s.” Seine Augen leuchten auf. 

„The guest list is closed”, sagt er befriedigt. Es ist 2, Rich hatte mir geschrieben, dass der Einlass nach 1 geschlossen ist. Für mich als Berliner kaum vorstellbar. Er sagt, ich solle Rich herzitieren. „I am locked at the booth”, textet der mir Sekunden später und schickt ein Selfie, um das zu beweisen. Ich zeige dem Bouncer die iMessage, und er lässt mich durch.

Hit & Run im Club Hidden.

Die Crowd ist noch jünger als im White Hotel, es geht turbulenter zu. Auf die große Fabriketage passen vielleicht 500 Gäste. Vor gerade mal vier Stunden hat die Party begonnen, die Augen der Kids sind schon so groß wie Untertassen. Der Zustand am Rand zum körperlichen Kollaps wird aber mit völliger Gelassenheit hingenommen. Die Tanzfläche ist so voll, dass es kein Durchkommen gibt und man kaum tanzen kann, was offenbar niemanden stört. Calibre lässt einen lockeren, jazzigen Drum’n’Bass-Groove durchlaufen, immer ein wenig offbeat. Der Herzschlag dieser Musik sind die Basslines, die auf Halftime rumoren. Der MC labert ununterbrochen Sätze wie „You ride the beats like a spaceship. Don’t waste it, waste it, waste it.” Wie in der Musik geht es darum, in der Manie Ruhe zu finden.

Ein Freddy Mercury mit dichtem Schnurrbart und glänzenden Haar trägt eine silberne Pailletten-Handtasche. Ein nackter Männeroberkörper, der komplett von einem Tribal-Tattoo bedeckt zu sein scheint. 

Die Crowd amüsiert sich prächtig. Der Schweiß läuft ihnen über die Gesichter, Unbekannte geben sich Fistbumps. Einzelne werden von ihren Freunden auf die Schultern gehoben. Die Outfits sind ebenso klassisch wie im White Hotel. Beliebt sind T-Shirts und Polohemden mit unterschiedlich breiten Streifen in verschiedenen, gedeckten Farben. Die Raverkutte ist in full effect, weite T-Shirts in schwarz oder weiß mit kleinen Logos oder großen Graphiken, eine etwa Wespe, die zum Stich ansetzt. Männer ergänzen dieses Basis-Outfit mit einem um die Hüften gebundenen Blouson oder einem Beanie, die Frauen mit kleinteiligem Silberschmuck. Auf die Minute genau um vier ist die Party zu Ende, die Menschen schieben sich aus der Location, die letzten Worte des MCs verhallen in dem weitläufigen Raum: „I looked for drugs in all the right places, but I haven’t found them.”

Auch die Clubs in der Innenstadt schließen um vier. Eine Party mit Huerta habe ich deshalb ebenso verpasst wie eine queere Nacht mit CCL. Eine andere queere Party findet im White Hotel statt, wo ich gestern Shanti Celeste erlebt habe. Heute ist Octo Octa da. Der Selektor begrüsst mich herzlich, Partytouristen scheint man in dieser Stadt an der Hand abzählen zu können.

Das Publikum ist komplett ausgetauscht. Wo die Cis-People Manchesters nach dem Uni-Abschluss das Ausgehen mehrheitlich aufgeben, geht hier das Ausgehen mit Mitte 20 erst los. Die Gelassenheit der queeren Crowd erinnert an das Ausgehen in Berlin. Das Feiern ist kein Eskapismus, das Aufblitzen einer Freiheit für einige Stunden, die einem im restlichen Leben verwehrt bleibt. Sondern Ausdruck einer Unabhängigkeit, die man ständig lebt. Manche sind alltäglich gekleidet, andere herausgeputzt. 

Immer geht es darum, die Nichtidentität des eigenen Geschlechts zu demonstrieren. Ein Freddy Mercury mit dichtem Schnurrbart und glänzenden Haar trägt eine silberne Pailletten-Handtasche. Ein nackter Männeroberkörper, der komplett von einem Tribal-Tattoo bedeckt zu sein scheint. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass das Tribal-Muster auf ein kaum sichtbares Netzhemd gedruckt ist. Octo Octa ist bestens aufgelegt. Neben progressiven, britischen Breakbeats aus den Neunzigern spielt sie alten, amerikanischen House. Überraschend klassisch klingt das, und passt zur Crowd, die nicht an der Nacktheit, den Fetischklamotten und Dark Rooms queerer Partys in Berlin interessiert ist, sondern an klassischer Eleganz und Socializing. Anders als dort geht es hier nicht um Entgrenzung und unmittelbare Körperlichkeit, sondern um den Austausch einer vertrauten Community, die sich seit Jahren und Jahrzehnten zu kennen scheint. Und anders als vorhin taucht man nicht für Momente in eine fremde Welt des Rausches ein, sondern sucht ein vertrautes Gefühl von Gemeinschaft. Statt Unmengen von MDMA gönnt man sich hier gelegentlich einen Atemzug Poppers.

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