Foto mit freundlicher Genehmigung von Roman Flügel

In seinem Roman Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt nahm der Schriftsteller Sven Regener die deutsche Techno-Szene Mitte der neunziger Jahre ins Auge. Mittendrin: Karl Schmidt, eine Figur aus Regeners Herr Lehmann-Universum. Als nüchternes Faktotum muss der einen Haufen wilder Raver bändigen, die es noch mal wissen wollen und auf große Tour gehen. Der Roman vermischt Milieustudien mit viel Humor und einigen sehr ernsten Momenten, nun kommt er unter der Regie Arne Feldhusen ins Kino. In Cameos sind unter anderem Westbam und andere Key Player der damaligen Zeit zu sehen, der Soundtrack mag zuerst überraschen. Von Losoul über Miss Kittin & The Hacker hin zu Isolée und Alter Egoist darauf Musik aus einer anderen Ära versammelt.

Das vereinende Element von Film und Ton ist Heiko M/S/O. Der im Mai tragischer Weise an Krebs verstorbene DJ, Produzent und Labelgründer von Ongaku war auch in die Labels Playhouse und Klang Elektronik involviert, aus deren Backkatalog sich der Soundtrack zu Teilen rekrutiert. Zum Film hat Heiko M/S/O einen Mix angefertigt, den wir an dieser Stelle exklusiv präsentieren dürfen, und mit Ongakus unvergessenem Klassiker „Mihon #3“ noch eine echte Neunziger-Hymne beigegeben. Ein Mix, der für die Verfilmung eine entscheidende Rolle spielte, wie uns Sven Regener selbst verriet. „Da ist jetzt überall Heiko drin, egal, was man hört!“

 


 

Sven, Magical Mystery ist durch seine Hauptfigur indirekt mit dem Herr Lehmann-Universum verknüpft, widmet sich aber einem ganz anderen Milieu. Welche Beziehung hattest du Mitte der neunziger Jahre zur Techno-Kultur?
Ich war zwar kein großer Clubgänger, aber man entkam dem Techno ja nicht. Jens Elkemann spielte im Café Kloster nichts anderes, wenn er arbeitete, obwohl das dort keiner hören wollte, und da war ich fast jeden Abend. Und manchmal ging man mit in einen Club. Außerdem kannte ich einige Leute, die im Techno unterwegs waren, noch von früher, da hatte ich mit einigen zusammen Musik gemacht. Aber als Rockmusiker war man natürlich auch ein bisschen neidisch, weil das so riesig geworden war und die so gute Parties hatten! Ab 1997 habe ich dann durch Charlotte Goltermann, die das Ladomat-Label betrieb, noch einmal einen ganz anderen Einblick in die Sache gewonnen und viele Leute aus der Szene kennengelernt, und ohne das hätte ich den Roman auch nicht schreiben können.

Der Roman nimmt eine Zeit in den Fokus, zu welcher Techno seinen Zenit bereits überschritten hatte. Wie stehst du heute zur Techno-Szene – hat sich diese Subkultur endgültig überlebt?
Ich weiß nicht, ob die Sache 1995 ihren Zenit schon überschritten hatte, vielleicht hatte sie ihn auch gerade erst erreicht, das liegt wohl im Auge des Betrachters. Auf jeden Fall hat sich Techno natürlich nicht überlebt, sondern wird immer existieren, so wie Heavy Metal, Schlager und Beethovensonaten auch. Die Vorherrschaft ist zwar weg, aber das muss ja nicht schlecht sein, sowas belastet ja auch.

Für die Verfilmung des Romans hast du das Drehbuch geschrieben, dein erstes nach Hai-Alarm am Müggelsee. Was war euch bei der Umsetzung des Stoffs für die Leinwand wichtig?
Mir war vor allem wichtig, dass die Figuren bei aller Lustigkeit und Absurdität der Handlung ihre Würde und Größe behalten.

Heiko M/S/O und Ricardo Villalobos

Einige der Figuren dieser Zeit sind im Roman sehr leicht zu erkennen, mit dem Charakter Spaka HNO spielst du auf Heiko M/S/O an. Wie hast du Heiko kennengelernt und wie gestaltete sich euer Verhältnis zueinander? Ist Spacko Spaka HNO auch im Film vertreten
Spaka HNO ist einer der beiden Leute (der andere ist Frido), die die Helden in Frankfurt beim Äppler treffen, das ist eine meiner Lieblingsszenen. Frido und Spaka HNO sind sicher durch Ata und Heiko MSO inspiriert, quasi der Horkheimer und der Adorno der Frankfurter/Offenbacher Technoschule. Ich hatte beide vor zwanzig Jahren in einer Frankfurter Äpfelwein-Kneipe kennengelernt, im Kanonesteppel, wo sie mich auslachten, als ich versuchte, Bier zu bestellen. Viel später dann wurden ihre Kreditkarten nicht akzeptiert und ich hatte Bargeld dabei, so gleicht sich alles wieder aus. Die Frankfurt-Szene vom Buch ist davon inspiriert, passte aber in den Film leider nicht mehr rein, da habe ich dann einen Teil davon in den großen Meerschweinchenbeerdigungsmonolog von Karl Schmidt hinübergerettet, immerhin!

Heiko M/S/O war es auch, der aus einer vorgegebenen Auswahl einen Mix für die Clubszene im Film aufgenommen hat. Wie habt ihr die Musikauswahl getroffen und wieso fiel die Wahl auf Heiko M/S/O als DJ?
Die Musikauswahl kam von Charlotte Goltermann [Gründerin des Labels Ladomat 2000, Anm. d. Red.], die den Film als Musikberaterin betreut hat. Sie und Regisseur Arne Feldhusen wollten, dass sich die Leute in den Clubs nicht wie Statisten bewegten, sondern richtig abgingen. Da lag es nahe, daß Heiko MSO dort ein altes Club-Set spielte und so eins hat er für sie produziert. Das funktionierte großartig. Heiko hatte von Charlotte vorausgewählte Musiken, zum Beispiel von Miss Kittin, Isolée oder Egoexpress, mit in sein Set gemixt, und später wurde das dann in die Bilder eingepasst, wie man es brauchte – je nachdem, wer gerade auflegt im Film. Da ist jetzt überall Heiko drin, egal, was man hört!


Stream: Heiko M/S/O – Magical Mystery Mix

01. Losoul feat. Malte – Warriors (Jam) (Playhouse)
02. Soul Phiction – Whizzdom and Understanding (Playhouse)
03. Roman IV – FKK (Playhouse)
04. Forever Sweet – Super Trouper (Ladomat)
05. Rework – You’re so Just Just (Playhouse)
06. Hans Nieswandt – Freaks, I See Life (Jake Bullit Remix) (Ladomat)
07. Bodo Elsel – Discount Baby (H.A.L. 9000 Mix) (Playhouse)
08. Isolée – Beau Mot Plage (Playhouse)
09. Miss Kittin & The Hacker – Frank Sinatra (Disco B)
10. Alter Ego – Rocker (Klang Elektronik)
11. Egoexpress – Telefunken (Ladomat)
12. Supreme Truth – Supreme Truth (Blood Mix) (Ongaku Musik)
13. Marmion – Schöneberg (Superstition)
14. Roman IV – 14x7x4 (Playhouse)
15. Villalobos – The Contempt (Last H. of Porto Mix) (Playhouse)
16. Ongaku – Mihon #3 (POD Communication)