Fotos: Richard Luerzer (Lighthouse Festival)

Wer heutzutage verreist, fährt nicht mehr einfach nur in den Urlaub, sondern trifft eine Lifestyle-Entscheidung. Tauchurlaub auf Madeira, Backpacking durch Myanmar, Eisangeln in Finnland: möglichst abenteuerlich muss es sein, gerne unkomfortabel und vor allem nicht so wie alle anderen. Einfach nur mit dem Handtuch die Liege besetzen, Cocktails am Strand schlürfen und sich von sexy Animateuren Lambada beibringen lassen, zieht auf Instagram doch sowieso nicht mehr. Es sei denn aber, man verbringt den Cluburlaub mit 3500 anderen Ravern und einem fetten Line-Up Ende Mai an der adriatischen Küste.

Das Lighthouse Festival ist der All-Inclusive-Urlaub, von dem wir alle heimlich träumen und den wir uns aber niemals gönnen würden. Bereits zum fünften Mal verwandelte die Wiener Crew das verschlafene Urlaubsressort im kroatischen Porec in einen Hotspot der elektronischen Musikszene. „Electronic Music on Vacation“ haben sich die Veranstalter Hennes Weiß und Stefan Hiess buchstäblich auf die Fahnen geschrieben, die vor dem Hotel sanft in der Meeresbrise wehen und genauso fühlt es sich an. Hier gibt keine Zeltplätze, alle schlafen im Hotel oder in Apartments mit eigenem Bad und Kühlschrank – perfekt für diejenigen, die ein Festival ohne die Unannehmlichkeiten wollen. Dass das Publikum auch aufgrund des damit verbundenen höheren (aber immer noch fairen) Preises eher etwas älter ist und dank angebotener Kinderbetreuung teilweise mit der ganzen Familie anreist, ist Teil des Konzepts. Wenn die Crowd altert, muss das Festival eben mit erwachsen werden.

Mit Headlinern wie Jeff Mills, KiNK, Helena Hauff, DJ Tennis und den Pachanga Boys wird an großen Namen nicht gespart. Auch wenn das Booking besonders auf den beiden Hauptbühnen gendermäßig leider wie so oft noch Lichtjahre von einer 50:50-Aufteilung entfernt ist, merkt man an Events wie der „Berlin Queer Bootparty“ sowie an Acts wie Minimal-Größe Margaret Dygas oder dem All-Girl DJ-Kollektiv Etepetete, dass sich um Vielfalt bemüht wird. Das kann man vom Publikum leider nicht gerade behaupten. Das exklusive Ticket-System, das bewusst nur „Friends-of-Friends“ an die begehrten Karten kommen lässt, sorgt zwar einerseits für familiäre Festivalstimmung, andererseits aber auch für ein ziemlich homogenes Gesamtbild.

Dass sich das Lighthouse Festival von den zahlreichen Festivals in der als das „neue Ibiza“ gehandelten Partyregion Kroatiens abhebt, zeigt sich besonders in dem alternativen Festivalprogramm. Yoga-Sessions am Meer, Rollerdisco-Workshop in einer ausrangierten Autoscooter-Arena, Vintage-Festivalmode im Pop-Up-Store oder Kinoabend mit Musikdokus – man hätte fast den ganzen Donnerstag abseits der Tanzfläche verbringen können. Allerdings hätte man dann auch Erobiques Melodica-Solo beim „Heart of Glass“-Cover, eine fette Party mit Horsemeat Disco und Dada Disco sowie den Allnighter von Giegling verpasst. Klingt nach Überforderung? Aber bitte doch!

Wer hier versucht, den Überblick zu behalten, scheitert trotz Festival-App kläglich. Ständig ploppt irgendwo eine neue Stage auf, die Rollschuhbahn wird zur Tanzfläche, der Hotelpool zur Hip-Hop-Stage mit Unterwasser-Soundsystem, der Wald für wenige Stunden zur DIY-Hippie-Stage und das Restaurant zur Pizzaparty mit Discodromo umfunktioniert. Dass man aufwacht, weil im Apartment nebenan eine Funktion-One den gerade eröffneten Villa-Floor beschallt und im „eigenen Garten“ über 100 Leute tanzen, kann einem wohl auch nur beim Lighthouse passieren. Wem das zu viel wird, der fährt eben mal zwei Stündchen mit dem Partyboot aufs Meer hinaus und beschallt die traumhafte Bucht von da aus. Abwechslung gibt es erfreulicherweise auch musikalischer Art, denn trotz seinem Fokus auf Techno und House bietet das Programm mit Hip-Hop-Performances, Live-Acts und Disco-Partys Vielfalt fernab der funktionalen Clubmusik.

Dass man für so viel Urlaubs-Feeling schon mal ungefragt sein Gesicht für das emotionale Hipster-Rückblicksvideo von einem Energy-Drink-Hersteller hinhalten muss oder angetrunken ins Spiegelkabinett eines Versandhändlers stolpert, muss man leider in Kauf nehmen. Doch wer sich darüber beklagen möchte, der geht wahrscheinlich auch am nächsten Morgen an die Hotelbar und beschwert sich über den Kater nach zu viel Umsonst-Fusel am Strand.

Für Dezember 2017 hat das Lighthouse Festival eine Rollerdisco-Pre-Party für die nächste Ausgabe angekündigt.