burger
burger
burger

Symbiotikka-Macher Christoph Steinweg über seine Arbeit als Fotograf: „Das ist kein Playboy- oder Vogue-Shooting”

Christoph Steinweg ist Fotograf und Veranstalter der Partyreihe Symbiotikka, einer der wichtigsten sexpositiven Clubnächte, die seit neun Jahren regelmäßig mittwochs im Berliner KitKatClub stattfindet. Steinweg bucht die DJs, sorgt für einen reibungslosen Ablauf und dokumentiert die heißen, schwitzigen Veranstaltungen. An einem Ort zwischen körperlicher Ekstase, sexueller Loslösung und innenpolitischen Kontroversen agiert er im Hintergrund.

BACKSTAGE heißt auch seine neue Fotoausstellung in der Seven Star Gallery in Berlin-Mitte. Im Fokus stehen Aufnahmen mit voyeuristischer Nähe und eindringlicher Verspieltheit, die im Affekt des Augenblicks entstanden sind. Über seinen künstlerischen Anspruch, den eigenen BDSM-Hintergrund und den Vergleich zu anderen sexpositiven Veranstaltungsformaten sprachen wir im Vorfeld der Ausstellungseröffnung im Keller des KitKatClubs.

GROOVE: Mit BACKSTAGE stellst du „intime Einblicke hinter die Szene” aus. Was können die Besucher:innen von der Ausstellung erwarten?

Christoph Steinweg: Die Arbeiten geben Einblicke in eine Welt, die normalerweise nicht öffentlich sichtbar ist – das Umfeld meiner Veranstaltungen und die Menschen, die Teil dieser Community sind. Die Bilder bewegen sich zwischen Dokumentation und Inszenierung und zeigen individuelle Ausdrucksformen, Outfits und Körperbilder – also eine Menge Augenpulver. Es werden auch Videos gezeigt, die rougher sind und eine Backstage-Situation zeigen.

Wie kam die Ausstellung zustande?

Während der Corona-Zeit, als keine Veranstaltungen möglich waren, habe ich zusammen mit dem Fotografen Gili Shani ein großes Projekt umgesetzt. Wir haben rund 270 Menschen aus der KitKat-Community zu Hause fotografiert. Ohne Vorgaben – jeder konnte sich frei inszenieren. Daraus ist ein etwa 500 Seiten starkes Buch, Voyeur. Berlin. Kinky., entstanden, das sehr schnell ausverkauft war und zu einer Art Bibel der Berliner Kink-Szene wurde.

Eine Arbeit für die Ausstellung BACKSTAGE (Sämtliche Fotos: Christoph Steinweg)

Wie bist du zur Fotografie im Kontext des KitKat gekommen?

Ich komme aus der Kunst, habe Kommunikationsdesign und Kunst in Braunschweig studiert und immer fotografiert. Die Bilder sind für mich Erinnerungssplitter aus einem Umfeld, in dem ich mich bewege und arbeite.

Hast du künstlerische Vorbilder?

Mich reizt Malerei, Installation, alles. Aber für meine eigene Fotografie hat mich vor allem die Arbeit von Cindy Sherman inspiriert. Sie hat in den Siebzigern Filmstills gemacht, die an Setfotografie erinnern. Es sind immer Momente, in denen man sich als Betrachter:in die Frage stellt: Was ist davor, was danach passiert?

Wie wählst du die Menschen aus, die für dich posieren?

Das entwickelt sich ganz organisch. Häufig sind es Performende, mit denen ich über den Club bekannt geworden bin und die eh schon wissen, wie sie ihren Körper inszenieren müssen. Es sind ja keine schwierigen Shootings, ich will nur die Situation festhalten, dafür brauche ich meine 20.000-Euro-Fotoausrüstung meist gar nicht. Den Models sage ich immer: Das hier ist kein Playboy- oder Vogue-Shooting. Ich will keine Posen, ich will den puren Moment.

„Wenn sich jemand unwohl fühlt, verwende ich das Bild nicht.”

Ist es dein Anspruch, Wahrheit darzustellen?

Die Frage nach Wahrheit interessiert mich nicht so sehr. Mich interessieren die Story und die Fantasie, die ein Bild auslöst. Was ist davor, was ist danach? Was macht das Bild im Kopf, welches Gefühl entsteht? Das ist für mich spannender als ein Wahrheitsanspruch – das wäre eher Pressefotografie.

Wie hat sich der Umgang mit Bildern im Club verändert?

Heute wollen sich viele Menschen zeigen. Selbstinszenierung hat durch Social Media einen neuen Wert bekommen. Manche kommen mit bestimmten Outfits und möchten auch fotografiert werden. Gleichzeitig gilt: Niemand wird fotografiert, der das nicht möchte. Wenn sich jemand unwohl fühlt, verwende ich das Bild nicht.

Wie funktioniert Fotografie im erklärten Safe Space KitKat?

Bei unseren Partys müssen alle ihr Handy abgeben. Es gibt nur kontrollierte Fotografie durch unseren Hausfotografen Gili (Shani, Anm. d. Red.) und mich. Wir fotografieren mit offenem Visier: Die Menschen bekommen mit, wenn sie fotografiert werden, und können reagieren. Wer nicht fotografiert werden möchte, wird mit seinem Wunsch respektiert.

Warum habt ihr überhaupt Fotos aus dem Club veröffentlicht?

Wir waren die Ersten, die Bilder nach außen gegeben haben. Viele haben nach wie vor falsche Vorstellungen vom KitKat – Swingerclub, reine Orgie. Die Fotos haben gezeigt, dass hier interessante, vielfältige Menschen sind. Das hat das Ganze greifbarer gemacht. Die Leute, die sich ihre Outfits angeschafft haben, wollen sie auch zeigen. 

Wie bist du zum Nachtleben und zu Symbiotikka gekommen?

Ich bin vor etwa 25 Jahren nach Berlin gekommen und habe im Bereich Werbung, Markenberatung und Events gearbeitet. Viele Projekte waren mit Partys verbunden – Fashion Week, Berlinale und ähnliche Kontexte. Ich war außerdem lange im KitKat aktiv, auch im BDSM-Bereich mit Workshops und Vorträgen. Vor neun Jahren ergab sich die Möglichkeit, eine eigene Party mit einem eigenen Konzept zu entwickeln.

Was ist die inhaltliche Idee des Formats?

Es geht um Hedonismus, aber vor allem um Selbstbestimmtheit und Freiheit. Das versuchen wir über Body Art, Performance und die gesamte Atmosphäre auszudrücken.

Welche Rolle spielt die Musik bei Symbiotikka?

Wir haben einen hohen musikalischen Anspruch. Das KitKat war lange nicht unbedingt für starke DJ-Bookings bekannt. Erst mit unserem Format haben sich auch größere Namen interessiert. Viele sind hier groß geworden, wie zum Beispiel A.N.I. oder Stella Bossi. Das Konzept ist Techno, aber letztlich entscheide ich nach Gefühl. Ich brauche eine gewisse Sexyness, also: Vocals und Breaks.

„Wir entscheiden, wer zur Party passt und wer nicht, um das Wohlbefinden aller zu gewährleisten.”

Wie grenzt du dich von anderen Veranstaltungsformaten wie Pornceptual ab?

Ich will mich gar nicht vergleichen. Es gibt Konzepte, die ich gut finde, und solche, mit denen ich nicht so viel anfangen kann. Ich finde es eigentlich nur wichtig, dass Clubs Haltung zeigen. Nicht einmal exklusiv in Bezug auf sexpositive Partys; viele tun so, als wäre Techno nur Friede, Freude, Eierkuchen. Aber ich komme aus einer Zeit, in der Musik auch politische Haltung war. Und mir geht es immer, egal, was ich mache, um Diversität. Es geht mir immer um Freiheitsrechte, um Selbstbestimmungsrechte, Toleranz und Respekt.

Was bedeutet das Thema Awareness für dich?

Beim Thema Awareness lernst du nie aus. Es gibt fast jeden Tag Situationen, die man immer wieder neu bewerten muss. Unser Awareness-Team agiert nicht wie die Security oder die Polizei, sondern eher wie ein fürsorglicher Buddy für unsere Gäste. Es achtet auf unangenehme Situationen, unterstützt Betroffene und sorgt dafür, dass alle sich sicher fühlen. Bereits an der Tür gibt es eine erste Selektion – wir entscheiden, wer zur Party passt und wer nicht, um das Wohlbefinden aller zu gewährleisten. Da hast du immer wieder ein paar halbstarke Jungs dabei, die fragen: Wo geht es zu den Mädels? Das Awareness-Team ist wichtig, um diese Sicherheits- und Wohlfühlkultur während des gesamten Abends aufrechtzuerhalten und zu vermitteln, was Awareness eigentlich bedeutet.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Dieses Jahr werden wir auf zwei Festivals eigene Stages haben: auf dem Echelon und dem Fluidity. Unser Fokus liegt immer darauf, eine besondere Atmosphäre zu schaffen, für die unsere handverlesenen DJs, Performer und Teams bekannt sind. Gleichzeitig lernen wir ständig dazu, wie wir unser Konzept in unterschiedlichen kulturellen Kontexten sensibel umsetzen.

Die Fotoausstellung „BACKSTAGE” läuft vom 11. Februar bis 25. Februar 2026 in der Seven Star Gallery in Berlin-Mitte. Am 11. Februar 2026 findet ab 17 Uhr die Vernissage mit Live-Performances statt.

In diesem Text

Weiterlesen

Features

Mitarbeiterin Luisa* über den Polizeieinsatz im Augsburger City Club: „Wir empfinden den Einsatz als unverschämt, unverhältnismäßig und nicht zielführend”

Am Samstagabend drangen 200 Polizist:innen in den City Club in Augsburg ein und unterzogen Gäste und Team einer Tortur, zu der auch die mutwillige Zerstörung der Einrichtung gehörte. Unser Gespräch gibt einen Einblick in die verstörenden Stunden.

Gregor Tresher zur Wiederbelebung seines Alias Sniper Mode: „Du findest es böse, aber auch geil”

Zwischen Sniper-Mode-Revival und der Arbeit mit Sven Väth erzählt Gregor Tresher, warum er den Zeitgeist nicht bedient.

Mein Plattenschrank: Marc Schneider

Welche Vinyls prägen einen DJ's DJ? Und welche Geschichte steckt hinter ihnen? Marc Schneider verrät es uns.