Die Vorbereitungen für das Feel Festival befinden sich aktuell in den letzten Zügen. Im Interview erklären Kira Taige, Geschäftsführerin des Festivals, und Simon Rahimi, Head of Booking, warum das Festival auf die Veröffentlichung eines Line-ups im Vorhinein verzichtet, und beantwortet die Frage, ob das Feel der inoffizielle Nachfolger des MELT ist – auch weil dessen letzter Betreiber Goodlive Mitgesellschafter des Feel-Veranstalters ist.
Für Kurzentschlossene, die beim Lesen des Interviews Lust auf das Festival bekommen, gibt es noch Tickets für das gesamte Wochenende – oder nur für den Sonntag.
GROOVE: Kira, du bist seit Mitte letzten Jahres die Geschäftsführerin des Feel. Wie fühlt es sich an, dieses Festival jetzt übernommen zu haben?
Kira Taige: Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, meine Ideen und Werte umsetzen zu können, auch weil ich das Festival schon sehr lange begleite. Ich habe vor zehn Jahren tatsächlich als Praktikantin angefangen.
Was sind das für Ideen? Was ist dir besonders wichtig bei der Gestaltung des Festivals?
Ein Wunsch von mir war, dass wir ein Motto haben, das sich komplett durch die ganze Kommunikation zieht. Also vom Design über die Sprache, das sich aber sich auch vor Ort wiederfinden lässt. Dieses Jahr heißt es „Feel des Lebens – Zeit für neue Wege!”. Der Gamification-Charakter, der da mit reinspielt, lässt sich überall wiederentdecken. Einmal auf unserer Webseite, wo man das Spielfeld erkennen kann, aber auch in den Kollektivkarten, die wir entwickelt haben, die ein eigenes Quartettspiel sind. Die Besuchenden bekommen die Karten am Einlass. Die Idee ist, dass sie die untereinander tauschen und sich damit Gewinne abholen können. Ich finde es schön, über solche kleinen Momente zu fördern, dass die Menschen in Interaktion treten.
Eine Besonderheit am Feel ist, dass ihr im Vorhinein kein Line-up veröffentlicht. Warum ist das bei euch so? Braucht ihr keine bekannten DJs, um Tickets zu verkaufen?
Simon Rahimi: Das Line-up veröffentlichen wir bewusst nicht. Wir wollen diesen Überraschungseffekt haben. Das funktioniert seit Jahren. Die Leute vertrauen uns, dass wir kuratorisch eine schöne Auswahl hinlegen. Anders als bei anderen Festivals, wo viele für den Headliner hinfahren, wollen wir, dass die Leute sich treiben lassen, loslassen und Neues entdecken. Damit Raum da ist, um neue Artists und Musik zu erleben, die sie vorher noch nicht richtig auf dem Schirm hatten, auch jenseits der ganzen Algorithmen und der Hypes, die heutzutage rumrennen.

Zumindest die Kollektive, die auftreten, veröffentlicht ihr im Vorhinein. Wie läuft da die Auswahl?
Simon Rahimi: Wir arbeiten sehr viel mit Kollektiven. Viele von denen kenne ich persönlich, oder ich bin viel auf deren Partys unterwegs. Wir wollen viele verschiedene Kollektive, viele Genres und die Leute szeneübergreifend zusammenbringen.
Kira Taige: Wir haben einen Mix aus Kollektiven, die schon etabliert sind, aber uns ist total wichtig, dass wir jungen Kollektiven eine Plattform bieten und die Chance schaffen, sich weiterzuentwickeln, weil wir ganz fest daran glauben, dass Kollektive diejenigen sind, die die Club- und Kulturlandschaft prägen.
Ihr seht also die Wichtigkeit von Kollektiven für die Szene. Stichwort Finanzierung: Bekommen die Kollektive bei euch Geld?
Simon Rahimi: Die kriegen alle Gagen, sie werden natürlich bezahlt.
Kira Taige: Trotzdem muss man sagen, dass es aktuell in der Branche keine einfache Situation ist, weil vor allem Produktionskosten über die letzten Jahre extrem in die Höhe geschossen sind. Auf der anderen Seite haben die Besuchenden durch die Inflation nicht mehr Geld. Heißt: Das Problem gibt es auf beiden Seiten. Wir wollen die Ticketpreise nicht unendlich erhöhen, weil wir der festen Überzeugung sind, dass Kultur einen möglichst niedrigschwelligen Zugang haben sollte. Aber natürlich müssen wir gucken, wie wir unsere Kosten decken können.
Bei euch ist der gemeinschaftliche Austausch, zum Beispiel im Rahmenprogramm, ein Schwerpunkt des Festivals. Wie kuratiert ihr dieses Programm?
Kira Taige: Wir haben verschiedene Bühnen, die einen unterschiedlichen Fokus haben. Einmal haben wir zum Beispiel das Camp Carlowitz, wo sich verschiedene NGOs präsentieren und der Fokus vor allem auf sozialen, ökologischen und gesellschaftskritischen Themen liegt. Dann gibt es zum Beispiel noch die Baumschule, die in Richtung Yoga, Meditation und Einvernehmlichkeit geht. Dann gibt es das Zirkuszelt, wo wieder eine Zirkusshow stattfindet, aber auch Herz an Herz, das ein bisschen in die Richtung von Herzblatt geht [TV-Datingshow zwischen 1987 und 2005, Anm. d. Red.], oder Karaoke. Wir versuchen, einen guten Mix zu finden aus tiefgründigen Themen, aber auch Themen, die Spaß machen.
Mir ist ganz wichtig, dass wir diese tiefgründigen Themen aufnehmen und sie einen Ort finden, weil es ein extremes Privileg ist, dass wir mal abseits von den Normen und Strukturen, die in unserer Gesellschaft herrschen, zusammenkommen und feiern können. Es ist wichtig, dass man in diesem Zusammenhang nicht vergisst, was es für gesellschaftliche Strukturen auf der Welt gibt, und dass man sich mit ihnen aktiv auseinandersetzt.

In der Beschreibung des Festivals ist viel von Zusammenhalt die Rede. Ein Zitat: „Das Feel Festival ist wie ein großer Tisch, an dem alle von uns einen Platz haben.” Es haben aber leider nur Leute einen Platz, die aktuell 180 Euro für ein Ticket bezahlen können.
Kira Taige: Ja, das stimmt auf jeden Fall. Das ist ein Thema, das wir immer wieder diskutieren. Wir wollen für das nächste Jahr ein Soli-Ticket einführen. Zudem haben wir die Möglichkeit, dass Menschen uns unterstützen können, entweder während der Vorbereitung oder während des Festivals, und dafür ihr Ticket erhalten. Aber es ist am Ende natürlich ein total schwieriges Feld. Wir haben extreme Kosten und müssen schauen, dass wir die Mitarbeitenden bezahlen, aber auch Künstler:innen eine Wertschätzung entgegenbringen, die unter anderem natürlich eine monetäre ist. Sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen und den möglichst besten Weg zu finden, ist nicht immer einfach.
Du hast auch gerade schon die schwierige Lage aktuell angesprochen, die in der Festival- und Livebranche gerade herrscht. Wie sieht es bei euch aus?
Kira Taige: Auch nicht perfekt. Wir müssen schauen, dass wir mit all den Gegebenheiten umgehen können. Unser Ticket ist im Vergleich zum letzten Jahr zehn Euro günstiger geworden, weil wir gemerkt haben, dass an einem gewissen Punkt die Grenze erreicht ist, ab der Besuchende sich überhaupt das Ticket leisten können. Wir haben vor allem viele junge Menschen bei uns, die oft noch studieren oder in der Ausbildung sind und nicht so viel Geld haben. Nur das Ticket alleine ist es ja am Ende nicht. Wir haben keine Trennung zwischen Festivalgelände und Campingplatz. Das heißt: Man kann sein Essen oder Getränke mitnehmen, was ein Vorteil ist. Aber trotzdem muss man erst mal hierher kommen und möchte bestimmt mal was an der Bar trinken.

Ihr seid in dem Sinne ähnlich positioniert wie das MELT, dass ihr nicht nur rein elektronische Musik präsentiert, sondern auch Indie- oder Hip-Hop-Artists. Seht ihr euch als der inoffizielle Nachfolger?
Simon Rahimi: Das würde ich nicht sagen, auf gar keinen Fall. Unser Line-up ist genremäßig wirklich sehr durchmixt. Wir haben Live-Indie, Hip-Hop, Rap, House, Techno, Trance, also wirklich sehr viele Genres abgebildet. Das würde ich auf jeden Fall nicht so beschreiben.
Kira Taige: Vor allem weil wir das Line-up nicht veröffentlichen. Das trägt dazu bei, dass wir nicht verglichen werden können.
Simon Rahimi: Wir freuen uns natürlich über internationale Acts, aber unser Fokus liegt schon auf Deutschland.
Zum Schluss würde ich gerne noch auf den Veranstaltungsort zu sprechen kommen. Das ist der Bergheider See in Brandenburg, von dem ihr euch 2022 wegen touristischer Erschließung des Gebietes eigentlich verabschieden musstet. Nach weiteren Gesprächen durftet ihr schließlich doch dort bleiben. Fühlt ihr euch in den Planungen von kommunaler Seite gut unterstützt?
Kira Taige: Wir haben einen richtig, richtig guten Draht zu den Ämtern, vor allem zum Ordnungsamt und dem Amtsdirektor, und ich bin wirklich sehr dankbar für all die Unterstützung, die ich in meiner Position erhalte, weil es für mich als Geschäftsführerin neues Terrain ist. Wir sind in einem guten Austausch, damit wir eine Möglichkeit finden, um den See herumzurutschen, um weiterhin hier bleiben zu können, sodass sich die Location in den nächsten drei Jahren nur ein wenig verändert.
Es ist total schön zu sehen, dass nicht nur die kommunale Ebene, sondern auch die gesamte Region uns offenherzig unterstützt. Unser Nachbar Andreas von Ecosoil hat uns dieses Jahr extrem geholfen, unsere Container zu stellen. Es gibt viele Helfende aus der Region, die hierher kommen und gemeinsam mit uns dieses Festival aufbauen. Wir haben das erste Mal in diesem Jahr eine Bühne, wo wir vor allem die regionale Kunst- und Kulturszene präsentieren: Die verschiedenen Clubs aus der Region haben jeweils Showcases, und es gibt verschiedene Vereine, die sich dort präsentieren. Das ist ein sehr, sehr schöner Moment, um bei unserem zehnjährigen Jubiläum dieses Jahr hier am Bergheider See die Region noch aktiver auch in unserem Programm einzubinden. Die Bühne steht unter dem Besucherbergwerk F60, das ein Symbol für die Region und den Bergheider See ist.
Für Kurzentschlossene, die beim Lesen des Interviews Lust auf das Festival bekommen, gibt es noch Tickets für das gesamte Wochenende – oder nur für den Sonntag.