Foto: Benedikt Ellebrecht

Zwischen 31. August und 02. September bespielt das Pop-Kultur Festival verschiedene Orte in Berlin-Neukölln mit einem geballten Programm aus Konzerten, DJ-Sets, Talks, Lesungen und einer Ausstellung. Neben Diversität und Internationalität schreibt sich das Festival auf die Fahnen, der Berliner Szene mehr Geltung zu verschaffen. Darin geht die Veranstaltung, ein Projekt des Musicboards Berlin, aber manchen nicht weit genug. Emma Czerny, auch bekannt als Musikerin Magic Island, die Veranstalter Kevin Halpin (Shameless/Limitless) und Michael Aniser (Noisekölln) sowie Anton Teichmann vom Label Mansions and Millions haben aus diesem Grund das Festival Off-Kultur ins Leben gerufen. Es findet zeitgleich zu Pop-Kultur statt und will auf Kritikpunkte hinweisen und Alternativen anbieten. Worum es dabei geht, haben die Organisatoren Michael Aniser und Anton Teichmann der Groove-Autorin und neukoellner.net-Redakteurin Regina Lechner erzählt.

 


 

Warum braucht es Euer Festival Off-Kultur?
Anton Teichmann: Wir finden, Pop-Kultur hätte mehr lokale Veranstalter und Musiker aus Berlin ins Programm nehmen sollen, anstatt Bands, die ohnehin gerade auf Tour sind. Bei uns fallen vielleicht einige Namen auf, die ohne Probleme auch bei Pop-Kultur hätten spielen können. Wir versuchen zu zeigen, was das Festival hätte anders machen können. Und wir finden es schwierig, dass Neukölln so groß in der Marketingstrategie benutzt wird, ohne dass es eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Bezirk gibt.

Auf dem Flyer wird zum Beispiel Neukölln in eine Reihe mit Tokio, New York und London gesetzt, auch auf den Plakaten ist der Name des Stadtteils groß zu lesen.
Michael Aniser: Gleichzeitig will Pop-Kultur aber nichts mit Neukölln zu tun haben und kein Stadtteilfestival sein. Als wir das angesprochen haben, hieß es, das sei ja nur ein Witz. Das finde ich bitter: Hier machen Läden zu, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können, und ein Festival mit riesigem Budget kann sich so einen Witz erlauben. Da wird Geld in ein Prestigeprojekt gepumpt, während die Infrastruktur vor Ort langsam wegbricht.

Geht es euch darum, Neukölln anders darzustellen?
Teichmann: Neukölln ist für uns nicht der Kronleuchter im Heimathafen, sondern eher das abgefuckte Klo im Loophole. Sowas sollen die Leute bei Pop-Kultur aber nicht sehen, das zieht die Investoren nicht an. Aber wir wollen uns ganz klar nicht als Sprachrohr der Neuköllner Szene positionieren. Dafür ist der Stadtteil viel zu vielfältig. Wir sind ein Teil der lokalen Szene, der einen gewissen Personenkreis umfasst. Und daraus wurde niemand gefragt, sich an Pop-Kultur zu beteiligen.

Seht ihr Euch als Gegenfestival?
Aniser: Den Begriff finden wir schwierig. Natürlich üben wir Kritik, aber wir verstehen uns eher als Erweiterung. Wir wollen interessante Kombinationen ermöglichen, etwa mit den Events in den Eckkneipen Zauberinsel und Finale Sportsbar oder im Ficken 3000, einer Bar mit Darkroom im Keller.
Teichmann: Uns geht es nicht darum, uns an das Programm von Pop-Kultur ranzuhängen, um unser eigenes Festival zu pushen. Wenn wir uns in Konkurrenz zu einem Festival sehen würden, das einen Etat von wahrscheinlich über einer Million hat, würden wir uns größer machen als wir sind. Off-Kultur ist nicht nur als negative Reaktion auf Pop-Kultur gemeint, sondern auch als Impuls, um neue Leute zusammenzubringen. Es hat schnell eine Eigendynamik entwickelt.

Ihr wart mittlerweile auch in Kontakt mit den Veranstaltern von Pop-Kultur. Wie lief das ab?
Teichmann: Am Tag der Ankündigung unseres Festivals habe ich einen Anruf bekommen. Schon am Telefon war mein Eindruck, dass auf unsere Kritikpunkte nicht eingegangen wurde. Dann haben wir uns an einen Tisch gesetzt, aber auch dabei kam wenig heraus. Wir wollten ja nicht nur kritisieren, sondern einen Diskurs starten, und das findet nun durchaus statt. Welchen Einfluss unser Festival haben wird, können wir aber noch nicht sagen.

Wie ist das Programm von Off-Kultur entstanden?
Aniser: Es war alles extrem kurzfristig. Jeder der vier Organisatoren hat schnell seine Leute zusammengetrommelt. Die einzelnen Promoter konnten dann selbst entscheiden, wie sie ihre Orte bespielen.

Wie finanziert sich euer Festival?
Aniser: Das Finanzielle regeln die Promoter selbst, also sie legen den Eintritt fest und verhandeln Gagen. Die Gewinne gehören ihnen. Jeder von uns vier Organisatoren macht auch eigene Veranstaltungen beim Festival und wir sind koordinierend tätig. Diese Arbeit erfolgt unentgeltlich und rein in unserer Freizeit.

Das Pop-Kultur-Festival wird veranstaltet vom Musicboard, einer Einrichtung, die 2013 vom Berliner Senat initiiert wurde. Diese Konstellation findet ihr problematisch – inwiefern?
Teichmann: Das Musicboards fördert verschiedene Festivals, die aus unserer Sicht bereits den Anspruch von Pop-Kultur erfüllen. Zum Beispiel das Torstraßenfestival, bei dem viele Berliner Bands spielen, und das besser abbildet, was im Moment in der Stadt passiert. Gleichzeitig ist das Musicboard mit Pop-Kultur selbst Veranstalter eines großen Festivals, das in Konkurrenz zu anderen geförderten Festivals tritt.

Off-Kultur findet zur selben Zeit wie Pop-Kultur statt. Erschafft ihr damit nicht auch eine Konkurrenz?
Aniser: Wir sind natürlich auf dem Konzertmarkt eine Konkurrenz zu den Veranstaltungen, die zeitgleich stattfinden. Aber wir versuchen Bands Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen und nehmen keine Künstler vom Markt. Wer bei uns spielt, kann gerne auch eine Woche später woanders spielen. Das macht es uns vielleicht nicht einfach, aber wir wollen den Künstlern keine exklusiven Konditionen diktieren. Anders ist es bei Pop-Kultur, was den Markt schädigt, anstatt ihm zu nützen.

Wie groß schätzt ihr allgemein die Bedeutung und die Macht des Musicboards ein?
Teichmann: Die Situation der unabhängigen Musikwirtschaft ist nicht gut. Da ist jede Förderung willkommen. Wir sehen Anzeichen, dass sich da ein Klüngel bildet und man vorsichtig sein muss, mit wem man sich anlegt.
Aniser: Viele Leute haben sicherlich Angst, dass sie nicht oder nicht mehr gefördert werden, wenn sie Kritik äußern. Das Musicboard ist einmalig in Deutschland und hat Strukturen, die es auch in der Theater- und Filmförderung gibt. Für diese Bereiche gibt es aber eine viel größere Bandbreite an Fördermöglichkeiten. Wenn es in einer Stadt oder einem Bundesland nicht klappt, kann man es woanders versuchen. Das funktioniert im Falle des Musikboards durch die Monopolstellung nicht.