Zur vierten Ausgabe des Stone Techno pilgerten Besucher:innen aus der ganzen Welt in die Essener Zeche Zollverein – ein UNESCO-Weltkulturerbe, das für ein Wochenende zum Schauplatz eines ambitioniert zusammengestellten Line-ups und musikalischer Grenzüberschreitungen wurde.
Mit der Bewahrung von Industriegeschichte und akustischer Innovation bietet das Kollektiv The Third Room weit mehr als Tanzmusik; ein Festival nämlich, bei dem das industrielle Echo der Vergangenheit auf den pulsierenden Herzschlag der Gegenwart trifft.
Dieses Jahr wurde die Festivalkuration durch das Hosting-Konzept nochmal erweitert – mit dabei waren renommierte Kollektive und Labels wie FOLD, WSNWG, Laster, Mutual Rytm und Fuse, die jeweils eine eigene Bühne betreuten. GROOVE-Autor Jacob Hession war vor Ort und teilt seine Eindrücke.
Nach meiner Ankunft in Essen checke ich ins Hotel nahe des Hauptbahnhofs ein. Schon in der Lobby entdecke ich erste Festival-Besucher:innen – manche ganz klassisch in All-Black-Techno-Uniform, andere eher entspannt unterwegs. Essen ist vielleicht nicht die erste Stadt, die man mit Techno assoziieren würde. Doch das Festival liegt ohnehin nicht im Stadtzentrum, sondern ein kurzes Stück weiter draußen: in der Zeche Zollverein.

Umgeben von Grün und Bäumen steht hier, wo einst Europas größte Kohlenzeche war, heute eines der beeindruckendsten Festivalgelände Europas. Mit ihrer vom Bauhaus inspirierten Industriearchitektur, Stahlkonstruktionen und rauchigen Schornsteinen verströmt die Zeche eine Aura von Schwerindustrie – ein perfekter Resonanzkörper für rohen Techno.
Man könnte sagen: Dieser Ort ist verwandt mit den Ursprüngen des Genres, nicht unähnlich den verlassenen Industriehallen Detroits, in denen Techno geboren wurde. Doch das ist nicht die einzige Entstehungsgeschichte, die hier zählt: 2017 gründete Ahmet Sisman The Third Room. Für den ersten Release auf dem zugehörigen Label wurden Klangproben aus dem geologischen Archiv der Zeche entnommen und an Artists verschickt – die Erdgeschichte als Sample-Material.
Halt, Haltung!
Aber zurück zum Festival. Nach zügigem Einlass treffe ich Stone-Techno-Mitarbeiter Erik, als DJ Mola Mola, der mir voller Vorfreude erklärt, was dieses Jahr neu ist. Durch die sorgfältige Kuration wird schnell klar: Hier spielt nur, wer ein Statement setzt oder aktiv zur Weiterentwicklung der Szene beiträgt. Kein Füllmaterial, sondern Künstler:innen mit Haltung und Wiedererkennungswert.

Im vierten Jahr sei man experimentierfreudiger geworden, sagt Erik. Daher die Entscheidung, das Werkschwimmbad am Freitag und Samstag weitgehend zur reinen House-Stage zu machen. Ein sanfter Einstieg, mit luftigem Sound als Kontrast zum restlichen Festival. Mit diesem Wissen im Gepäck mache ich mich auf den Weg zu House-Veteran Ryan Elliott. Sein reduzierter Sound, dieses Mal digital, trifft auf ein begrüntes, überdachtes Setting – eine kleine gemütliche Oase mitten im Trubel des Festivals. Trotz gemächlichem Tempo weiß er genau, wie man Spannung aufbaut.
Nach ein paar Minuten fällt auf: Die Kamera-Setups verraten, dass hier gerade für ARTE aufgenommen wird. In einer Crowd, in der viele eine No-Phone-Policy in Clubs gewohnt sind, wirkt das erst mal befremdlich. Aber hey, Club ist nicht gleich Festival.
Auf in die Kokerei
Mein House-Bedarf ist vorerst gedeckt, ich ziehe weiter zu Ogazón, oft im b2b mit Elliott unterwegs, heute solo und Techno-orientiert. An der Kokerei, einem der größten Floors, schmiegen sich Stahlkolosse an das Gelände. Ogazón spielt nur Vinyl, was den Sound spürbar wärmer und analoger macht. Die Energie steigt.
Nach ein paar Stunden bekomme ich ein gutes Gefühl für das Publikum. Man hört Akzente aus aller Welt, entdeckt verschiedenste Altersgruppen. Einen typischen Stone-Techno-Gast gibt es wohl nicht. Und genau das macht den Charme aus.

Nächster Halt: Die Eisbahn. Hier läuft das WSNWG-Showcase als großes Highlight des Freitags: ein Acht-Stunden-Livejam mit Rødhåd, JakoJako, UFO95, Ignez und Lady Starlight. Von Anfang an energetisch, aber immer mit Raum zur Steigerung. Wie diese Artists so tight im Flow bleiben, hat nicht nur mich beeindruckt.
Ein Liveset hat oft diese spezielle Frische, die fertig produzierte Tracks selten mitbringen. Man hört die Handschrift jedes Künstlers: Rødhåds düstere Fundamente, JakoJakos modulare Synths, Ignez‘ texturierte Vocals, Lady Starlights industrielle Wucht und UFO95s treibende Bässe.
Als sich langsam die Sonne hinter dem Industriepanorama senkt, kommen die Lichtsysteme voll zur Geltung und verstärken die Immersionserfahrung nochmal. Die DJs lächeln sich an, das Publikum jubelt bei jedem Break. In solchen Momenten ist das Festivalgefühl vollkommen.
Mit Schwung und fein justiertem Soundsystem
Akustisch hat sich das Festival seit der letzten Edition hörbar weiterentwickelt: Mehr Schalldruck, aber ohne Übersteuerung. Die Mixe bleiben luftig und klar. Die PA-Systeme sind deutlich gezielter ausgerichtet und liefern selbst an der Kokerei eine homogene Beschallung bis in die hintersten Reihen. Merkwürdig an der Eisbahn ist die erweiterte Tanzfläche, was zu reduzierter Dichte in der Crowd führt. Wohl auch, weil der Klang weit nach hinten dringt. Dafür wohl verantwortlich: ein Team aus Tontechniker:innen, das täglich zwei Stunden vor Beginn alles neu feinjustiert.

Tag zwei startet mit Schwung und macht sofort Lust auf das Mutual-Rytm-Showcase. Am versteckt gelegenen Salzlager spielen Deetron und Tasha druckvoll, perkussiv, mit sattem Bass. Der Floor füllt sich schnell, und auch das Wetter spielt mit: Angenehm warm, perfekt zum Tanzen. Trotz mehr Besucher:innen bleibt es entspannt, mit einem kollektiven Verständnis von Rücksicht. Man lächelt sich an, tippt sich auf die Schulter. Kleine Gesten, die viel bedeuten.
Diese Verbindung reicht über die Crowd hinaus. Auch zwischen DJs und Tanzfläche spürt man sie. Luke Slater alias Planetary Assault Systems erzeugt sie mit Präzision, Druck und Persönlichkeit. Sein Set ist körperlich, ein Wechselbad zwischen Anstieg und Abfall, immer durchzogen von roher Energie.

Was bei Sommerfestivals oft fehlt: Abkühlung. Kein See in Sicht? Nicht schlimm – das Werkschwimmbad bietet Abhilfe. Während aus der Kokerei noch der Bass herüberweht, springen einige ins Wasser. Festivalpause, aber mit Soundtrack.
Blasha & Allatt liefern ein punchiges, UK-induziertes Techno-Set, das die Menge in Bewegung bringt und breit grinsen lässt. Mit einer Mischung aus Vinyl und digital beweisen die beiden nicht nur Geschmack, sondern auch technisches Können: präzise Übergänge, mutige Build-ups und ein Gespür für den Energiefluss.
Vinyl, Zweitausender, Gänsehaut
Zum Abschluss des Tages geht es zurück zum Werkschwimmbad: Marie Montexier baut mit eigener Handschrift die Energie von Blasha & Allatt weiter auf. Eigentlich eher für House bekannt, heizt sie hier mit Techno ein. Schnell, aber mit Groove. Bryan Zentz‘ „D-Clash” bringt später Zweitausender-Rohheit auf den Floor. Zum Closing-Track, Underworlds „Dark and Long”, explodiert die Crowd. Für mich ein Gänsehaut-Abschluss.

Abends geht es in den Räumen der Mischanlage weiter: Imposante Betonwände. Im Zentrum steht Third-Room-Act VNNN., der das Warm-up übernimmt. Ein Nachtprogramm ist bei Tagesfestivals wie diesem ein Muss, und der Vibe in der Crowd stimmt. Einziger Einwand: Es wurde mit der Zeit sehr heiß. Bei all der Energie im Raum vielleicht keine Überraschung, aber ein kleiner Dämpfer inmitten der ansonsten dichten Stimmung.
House hilft
Tag drei, die Müdigkeit setzt ein. Doch House hilft. Soft Crash, das Duo aus Phase Fatale und Pablo Bozzi, bringen melodischen Italo-Drive auf die Salzlager-Stage. Das Set endet mit einem Remix von Bronski Beats „Smalltown Boy”. Kitschig? Vielleicht. Schön? Auf jeden Fall.
Aurora Halal zeigt sich technoid und nerdy zugleich. Introspektiv, mit treibenden Grooves, die psychedelisch wirken. Bei dieser Performance für das Fuse-Showcase gibt es keine wilden Drops, sondern einen Flow, der trägt. Ihr Stil entfaltet sich organisch wie ein subtiler Sog, der Kopf und Körper gleichermaßen fesselt.

Und dann: Helena Hauff. Man merkt sofort: Die Crowd weiß, wofür sie steht. Düster, punkig, aber nie plakativ. Ihre Sets haben Kante. Electro trifft Detroit, rot ausgeleuchtet vom Lightjockey – passend zum Zorn, der auf ihren Platten brennt. War beim FOLD-Showcase das Tempo höher, bringt Helena Hauff die Intensität nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Emotion auf den Floor.
Neue Maßstäbe messen besser
Zum Abschluss zieht es in die Weststadthalle, wo der letzte Teil des Nachtprogramms stattfindet. Das Gebäude vereint als Club-Location industriellen Charme und satten Sound. Die Subs hängen tief von der Decke, und Altinbas b2b Anika Kunst liefern ein Groove-lastiges Set.
Nach drei Tagen bleibt festzuhalten: Das Stone Techno ist mehr als ein Festival. Es ist ein Statement für Sound, für den Ort und für die Gemeinschaft. Die Verbindung von historischer Industriekulisse und zeitgenössischer elektronischer Musik schafft eine Atmosphäre, die gleichermaßen roh und durchdacht wirkt.

Dabei gelingt es dem Festival, sowohl musikalisch als auch kuratorisch neue Maßstäbe zu setzen, ohne dabei das Gefühl für die Kollektivität aus dem Blick zu verlieren, die Techno bis heute zu einer identitätsstiftenden Bewegung macht.