Und auf einmal handelt das Lied von dir. Wie ist es, Gegenstand eines bekannten Songs zu sein? Das erfuhr unsere Autorin Martina Dünkelmann am eigenen Leibe – zumindest ist das wahrscheinlich, denn der Song beschreibt detailliert eine Begegnung in den neunziger Jahren.

Die Journalistin und Musikerin war in dieser Zeit Redakteurin beim Berliner Radiosender Kiss.fm. In diesem Zusammenhang hatte sie eine kurze, aber folgenreiche Begegnung mit einem bekannten Act der Szene, die sie später immer wieder verfolgt hat – mit Karl Hyde von Underworld. Hier erzählt sie zum ersten Mal öffentlich von dieser Begegnung.

Diese Vorfälle sind nicht allein interessant, weil sie unsere Autorin auf eine nachhaltige Weise unangenehm berührt haben. Sie sind auch Dokument aus einer Zeit, in der Machtpositionen im Musikgeschäft eindeutiger als heute männlich konnotiert waren als heute: Musik und Geld machen Männer, Frauen sind Helferinnen, Fans oder Objekte der Sehnsucht und Begierde.

Zum einen möchte unsere Autorin Martina Dünkelmann Nachgeborenen vergegenwärtigen, wie das Leben und Arbeiten unter diesen Verhältnissen aussah. Zum anderen möchte sie nach mehr als 20 Jahren öffentlich machen, wie es für sie war, Gegenstand eines Underworld-Songs und Inhalt der Phantasien von Karl Hyde zu werden. Allerdings gibt es keinen Beweis, dass unsere Autorin die Tina aus dem Song ist. Insofern geht es hier nicht darum, Karl Hyde einen Vorwurf zu machen.


Anderthalb Jahrzehnte lang habe ich nicht darüber gesprochen und hatte es sogar komplett vergessen. Es war mir peinlich, dass dieser Song von mir handeln könnte. Dass jemand meinen Namen stöhnt. Jemand, den ich gar nicht kenne, mit dem ich bloß in einer Nacht ein paar kurze Begegnungen hatte. Und daraus entsteht gleich ein ganzes Lied mit intimen Phantasien? Ich hätte mich niemals öffentlich so entblößt und wollte auch nicht öffentlich so entblößt werden. Ich redete nicht darüber und dachte irgendwann nicht mehr dran.

Dann kamen auf einem Brandenburger Techno-Festival Freunde von britischen Bekannten zu mir, wollten ein Selfie mit mir und mich filmen. Sie stellten mir komische Fragen; ob ich aus Berlin bin und ob ich die Farbe Blau mag. Ich fühlte mich sehr belästigt. Irgendjemand hatte wohl diese Geschichte wieder ausgegraben, aber ich brauchte noch etwas Zeit, um mich wieder daran zu erinnern.

Bis mir ein früherer Radio-Kollege mit den Worten „Tina lives in Berlin” einen Link vom Underworld Konzert 2016 in Berlin schickte. Der Sänger Karl Hyde, dessen Namen ich für diesen Text im Internet suchen musste, wiederholt diesen Satz gut verständlich ein paarmal zu Beginn des Tracks. Als ich das hörte und ihn sah, fiel mir die ganze Geschichte wieder ein: Wahrscheinlich bin ich Tina aus dem Underworld-Hit „Push Upstairs”, dem Song, der es bis auf Nummer 12 der britischen Charts geschafft hat.

Martina Dünkelmann in der Kiss.fm-Redaktion in den 1990ern

OK, jeder fühlt sich von guten Popsongs angesprochen und denkt, sie oder er wäre die Person um die es geht. Oder kranke Stalker-Fans denken, ein Song wäre über sie geschrieben worden. Und manche kleinen Mädchen (und Jungs) träumen davon. Aber auch mein damaliger Kollege Mitri Sirin, heute ZDF-MoMa-Moderator, dachte, ich sei diese Tina, erzählte das mehrmals on Air im Radio und ließ die Plattenfirma nachforschen. Aber von britischer Seite kam keine Antwort, es wurde wohl nicht mal bei der Band nachgefragt. Denn die gingen mit der Single gerade durch die Decke, waren auf Tour und angeblich nicht zu erreichen – wenn ich mich richtig an die Begründung erinnere. Mein Kollege glaubte trotzdem, ich sei diese Tina. Denn die Ereignisse an diesem Tag und Abend sind mögliche Erklärungen des Songtextes.

Unser damaliger Arbeitgeber Kiss FM war der erste Radiosender in Deutschland, der tagsüber DJ-Sets spielte. Wir organisierten auch Partys und führten eine kurze Zeit einen Club in Mitte. Anja Schneider war für all das zuständig, bevor sie DJ und berühmt wurde. Eines Tages stand ein Konzert von Underworld auf dem Zettel. Vor dem Gig kam die Band zum Live-Interview zu uns in den Sender. Sie erzählten, dass sie am nächsten Morgen noch in Berlin ins Studio müssen, um die neue Single fertig zu machen und Lyrics aufzunehmen. Aber sie hatten noch keinen Text und auch kein Thema. 

Ich war zu der Zeit neben meinem Studium Partytipp-Redakteurin und Empfangsdame beim Sender, und half beim Konzert am gleichen Abend gerne ein bisschen vor Ort bei der Organisation. Underworld fand ich cool, Trainspotting hatte ich oft gesehen, der Film war Kult. Vor allem wegen der Musik, es war der erste große Film mit Techno-Soundtrack.

Underworld zu Zeiten von „Push Upstairs”

Am frühen Abend kam ich zur Venue neben der damals neuen Location des Matrix an der Warschauer Straße an, und es herrschte das übliche Chaos. Der Hintereingang führte durch einen Backstein-Flur zum Backstage-Raum und eine halbe Treppe hoch zum Dancefloor. Es gab keine Schilder, und wir hatten weder Stift noch Zettel vor Ort, um der Band bei ihrem Eintreffen samt Equipment den Weg zu weisen. Also stellte ich mich kurz vor dem Soundcheck auf die Treppe und wartete auf sie.

Als sie dann endlich mit großer Verspätung eintrafen, hatte Karl Mitleid mit mir. Er fragte mich sowas wie: „Musst du jetzt die ganze Zeit hier stehen und den Eingang zum Backstage bewachen?” „Nein, ich zeige euch nur den Weg. Hier ist der Backstage-Raum, die Treppe hoch geht’s zum Dancefloor.” „You are pushing everybody upstairs?”, fragte er und lachte. Ich verstand den Witz nicht, weil ich die englische Redewendung nicht kannte: “to ‘push upstairs’ means to promote someone unwillingly or with an ulterior motive”. Es geht darum, jemanden voranzubringen, der*die das nicht will, oder dies heimlich zu tun. Wie passend. 

Später hing ich im improvisierten Backstage-Raum rum und passte auf das Equipment auf. Dort war es extrem ungemütlich, helles Neonlicht, keine Sitzgelegenheiten, nur ein paar Tische standen herum. Karl kam rein und unterhielt sich ein bisschen mit mir: warum ich blaue Smiley-Haarspangen im Haar habe, Smileys wären doch eigentlich gelb. Smileys waren zu der Zeit ein Synonym für Acid und Ecstasy, und chemische Drogen wollte ich nicht unterstützen. Aber blaue Smileys fand ich lustig. „Wenn gelbe Smileys Acid bedeuten, was bedeuten dann blaue Smileys?”, fragte er. Ich antwortete etwas wie: „Auf Deutsch vielleicht: Alkohol”. Er fragte, ob ich Blau mag, meine Weste wäre ja auch blau; ich mag Blau jetzt nicht besonders und antwortete abwertend: „Die ist aus Plastik” (sie war aus Nylon). 

Nach ihrem Konzert kamen die Beiden noch auf die Tanzfläche. Es war ziemlich leer. Underworld war noch nicht bekannt, Trainspotting ein Underground-Film, und ich glaube, es war ein Tag mitten in der Woche. Ich merkte, dass Karl mich anguckte und guckte zwischen Strobo und Nebel auch immer wieder zurück. Sollte ich zu ihm rüber gehen? Ich fand ihn sehr nett und sympathisch. Aber das war mir zu unprofessionell. Ich bin kein Groupie, und habe auch danach immer etwaige Annäherungsversuche von Stars im Rahmen von Interviews und ähnlichem abgewehrt.

Martina Dünkelmann in der Kiss.fm-Redaktion in den 1990ern

Außerdem war mein heimlicher Schwarm da. In den Lyrics wird er als blond beschrieben, aber das war er nicht, das war nur ein Freund von mir. Ich fühlte mich unwohl. Irgendwann sagte Karl etwas zu seinem Partner und machte eine Handbewegung, als würde er etwas in einen Mülleimer werfen. Dann gingen sie und verließen das Gebäude. Fünf Minuten später war der Backstage-Raum leer geräumt. Ja, ich bin nochmal gucken gegangen, um vielleicht doch nochmal mit ihm zu sprechen, in der Intimität des grässlichen Backstage-Raumes. Aber er war weg. Ich fühlte mich elend, weil ich Prinzipien über meine Wünsche gestellt hatte. Und ging dann auch bald nach Hause. Es war nichts passiert. Dieser Gedanke war irgendwie befreiend.

Als ich den Track viele Monate später zum ersten Mal hörte, war er mir peinlich. Meine inneren Konflikte wurden öffentlich dargestellt. Auf einmal war ich so etwas wie ein Sex-Objekt. Wobei der Text nicht im Geringsten sexistisch ist. Trotzdem war ich Gegenstand sexueller Fantasien und hatte ja auch selbst einen Anflug solcher Fantasien. Ich fühlte mich ertappt. Das Ganze war mir unangenehm. Anfang der 90er war ich mal Sängerin in einer Hip-Hop-Crossover-Band und Bassistin einer Punkband. So einen intimen Text hätte ich nie geschrieben und gesungen.

Und was habe ich davon, wenn dieser Text aller Wahrscheinlichkeit nach von mir handelt? Rumlaufen und Allen erzählen „Ich bin die Tina aus ‘Push Upstairs’”? Selbstdarstellung um ihrer selbst willen ist inhaltsleer. Ich stand nie gerne im Mittelpunkt und wollte nie berühmt werden. So kennen noch nicht mal meine Freunde diese Geschichte. Vielleicht hätte ich es auch dabei belassen sollen. Wenn ich den Track auf einem Dancefloor höre, freue ich mich, weil ich ihn mag und gerne dazu tanze. Ich bereue meine Reaktion in dieser Nacht nicht und würde vermutlich wieder so handeln. Warum nicht diese Geschichte jetzt mal erzählen, wo sie mir doch wieder eingefallen ist? Andererseits ist es mir immer noch peinlich, wenn jemand – egal wer und in welcher Situation – meinen Namen lustvoll stöhnt. Zu dieser Scham kann ich stehen, auch wenn sie in dieser hypersexualisierten Welt unpopulär ist. Ob mir so ein Stöhnen vorher auch schon peinlich war, weiß ich nicht mehr. Dafür ist das Ganze zu lange her, und ich habe mir darum nie Gedanken gemacht. Ich hatte es ja vergessen.

Das alles hat nicht viel mit mir zu tun, es hat mein Leben nicht groß verändert. Es wurde nur über mich gesungen; meine Rolle ist passiv. Ich wurde zum Objekt gemacht und unfreiwillig ans Licht gezerrt. Das ist unangenehm. Ich werde lieber für meine eigenen Leistungen anerkannt. Jetzt darüber zu schreiben, befreit mich ein Stück weit davon und ist ein Akt der Selbstermächtigung, der mir hoffentlich hilft, die Scham zu überwinden. Es ist nicht immer positiv, in Liedern besungen zu werden, und es sollte niemals Grund zur Scham sein. Dieser Sänger hat mich an jenem Abend mit großem Respekt behandelt, auch der Song-Text erniedrigt mich nicht: Die Darstellung als Lustobjekt wird kontrastiert von meiner Ablehnung dieser Rolle. Nur die Tatsache, dass ich ungefragt öffentlich als Objekt der Begierde dargestellt wurde, ist übergriffig. Doch im Vergleich zu realen, auch verbal gewalttätigen Übergriffen auf Frauen ist das so harmlos, dass ich es noch nicht mal in die Nähe solcher Angriffe gerückt sehen möchte. Es gibt viele Frauen, die Tina heißen, ich konnte die Geschichte schnell vergessen. Aber es scheint immer noch ein paar Leute zu interessieren, wer diese Tina ist. Im Juli 2019 fragte der Nutzer Harry Kidd unter einem der Youtube-Videos vom Remix „Push Downstairs”: „Who is Tina?”

Der Songtext von „Push Upstairs” findet ihr hier.