Octo Octa – Resonant Body (T4T LUV NRG)

Ein Resonanzkörper ist in der Musik beim Instrument der Teil, der innen hohl ist und durch seine Schwingungen den hervorgebrachten Ton verstärkt. Im Englischen heißt das schlicht sound box oder auch, ganz wörtlich übersetzt, resonating body. Wenn die Produzentin Maya Bouldry-Morrison alias Octo Octa ihr jüngstes Album jetzt Resonant Body nennt, dann meint sie damit vermutlich nicht in erster Linie Musikinstrumente, sondern menschliche Körper, hat aber durchaus ebenfalls die Schwingungen im Sinn, die diese Körper ihrerseits verstärken und weitergeben können.

Was bei Octo Octa ein Spiel auf mehreren Ebenen ist. Da sind zunächst die Körper auf der Tanzfläche, an die sich die Musik des Albums fast durchgehend richtet. Da ist andererseits zugleich der Körper von Maya Bouldry-Morrison, zu dem sie sich seit ihrer etwas stilleren Platte Where Are We Going? von 2017 öffentlich bekennt, als Transgender nämlich, ursprünglich sollte der Titel jenes Albums sogar Trans lauten. Ihr Körper resoniert inzwischen mithin auf andere Weise als zu Beginn von Octo Octas Karriere.

Die Techno-Revolution, wie andere Umwälzungen ebenso, ist längst vorüber, selbst wenn sie die Vorstellung davon, was ein Club ist, gründlich durchgeknetet hat und ihre Spuren bis heute nachklingen.

Resonant Body wurde als spirituelles Werk angekündigt. „Spirituell“ meint in diesem Fall wohlgemerkt nichts explizit bekenntnishaft Religiöses, sondern vielmehr eine Hinwendung zum Körper im weitestmöglichen Sinn, insbesondere im ekstatischen. Denn abgesehen von der Nummer „My Body Is Powerful“, die Ambient-Klänge und Field Recordings von Vogelstimmen zu einem introspektiven Intermezzo kombiniert, ist das jüngste Soloalbum von Octo Octa durchgehend eine Feier des Körpers im Club. Eine Feier, die sich der heroischen Rave-Phase vor rund 30 Jahren in einer Mischung aus affirmativer Aneignung und retrospektiver Melancholie annimmt.

Gleich im ersten Titel, „Imminent Spirit Arrival“, kommt unter anderem der klassische „Woo! Yeah!“-Break zum Einsatz. Das direkt anschließende „Move Your Body“ zitiert sogar den guten alten Hoover-Sound, wie man ihn aus Technohymnen à la „Dominator“ von Human Resource kennt. Bei Octo Octa dienen diese Elemente allerdings nicht als reine Geschmacksverstärker für Dancefloor-Monster, sondern sind oft gebrochen durch kontrastierende Tonlagen. „Imminent Spirit Arrival“ setzt über den verwendeten Technobeat etwa auch elegische Gitarrenklänge, die noch einmal klarstellen, dass die Techno-Revolution, wie andere Umwälzungen ebenso, längst vorüber ist, selbst wenn sie die Vorstellung davon, was ein Club ist, gründlich durchgeknetet hat und ihre Spuren bis heute nachklingen.

Der „Dancefloor“ wird von Octo Octa aus allen erdenklichen Richtungen angesteuert und behutsam neu entworfen, mit Mischformen aus Techno und House, geradem Drumcomputer und gelegentlichem Drum ’n‘ Bass-Breakbeat. So ziemlich alles scheint erlaubt. Stilistischer Purismus ist Octo Octas Sache beileibe nicht. Und die Freude, merkt man, ist am Ende bei ihr immer stärker als die Melancholie.

„Resonant Body“ überzeugt, bei allem konzeptuellen Überbau – dem mit der Platte verbundenen politischen Plädoyer Octo Octas für die Anerkennung von Transgender – und der bittersüß reflektierten Aneignung der Rave-Kultur vor allem als ein Album, das vom Willen angetrieben ist, dass man zu ihm tanzt. Resonanzkörper kann dabei jeder Körper sein, der sich davon bewegen lässt. Und das dürfte bei diesem Angebot nicht allzu schwer fallen. Tim Caspar Boehme