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Mit großem Herzen
 Tensnake
Autor: Thilo Schneider  Fotos: Fotos: Katja Ruge / Assistenz: Yamuna Peters

2010 ist das Jahr von Marco Niemerski. Mit seinem Projekt Tensnake schafft der Hamburger einen eleganten Spagat zwischen spezialisiertem Disco-Kennertum und massenkompatibler Radiotauglichkeit. Sein Track „Coma Cat“ lief monatelang in sämtlichen Clubs auf Dauerrotation und hat sich vor allem in Großbritannien zu einem Konsenshit entwickelt. Niemerskis Leidenschaft für die elektronische Discophase der frühen achtziger Jahre stillt er durch detailgetreue Rekonstruktion – und mit Mut zur großen Geste.

Marco Niemerski befindet sich gerade in der komfortablen Position, Kylie Minogue eine Abfuhr geben zu können. Sie hatte bei ihm einen Remix angefragt, aber er konnte nicht viel mit den Tonspuren ihrer neuen Single anfangen. Also lässt er es lieber sein. Niemerski alias Tensnake hat zurzeit sowieso mehr als genug zu tun. Auch wenn er bereits seit 2005 Platten veröffentlicht, hat er vor allem mit seinen letzten beiden Veröffentlichungen auf Running Back und Permanent Vacation deutliche Spuren hinterlassen. „Coma Cat“ lief im britischen Radio oft auf BBC Radio 1, das Großraum-Dance-Label Defected hat die sommerliche Steeldrum-Nummer mit Wiedererkennungswert lizenziert und veröffentlicht nun Remixe sowie eine Radioversion. Der Erfolg kommt einigermaßen überraschend und ungeplant für Niemerski, einer der wenigen Musikproduzenten, die ausschließlich als Liveact spielen und nie als DJ Platten auflegen. Seine Geschicke hat er seit Anfang des Jahres sicherheitshalber in die Hände eines britischen Managements gelegt. Und das hat alle Hände voll zu tun: Es gibt zahlreiche Remix-Anfragen von Major-Plattenfirmen, anstehende Touren durch die USA und Kanada, dazwischen immer wieder Auftritte in London und Ibiza.

Es ist das erste Juli-Wochenende, und es spielen sich lustige Szenen ab in Petrcane, einem kleinen Ferienort an der kroatischen Küste. Hier findet zum fünften Mal das Garden-Festival statt, ein Treffpunkt überwiegend britischer Partytouristen, die das durchaus ambitioniert gebuchte musikalische Programm mit Schwerpunkt auf Disco, Soul und Deephouse zu schätzen wissen. Die Sonne knallt schon zur Mittagszeit erbarmungslos, Familien und andere Urlaubsreife suchen Abkühlung unter den wenigen Schatten spendenden Pinien oder beim ersten Bier des Tages. Plötzlich steht Minnie Rippertons Klassiker „Lovin’ You“ von 1975 wie der Gesang einer Sirene über dem türkisfarbenen Wasser. Verschlafen dreinschauende Clubkids in derangierter Piratenmontur schälen sich aus ihren Zelten. Von Ferne drückt sich jetzt ein Beat unter Rippertons Stimme. Ein Boot erscheint auf dem Meer, es mischen sich Gejohle und allgemeine Begeisterungsäußerungen in die lauter werdende Musik. An Bord: alle außer Rand und Band. Am Kiesstrand: wundert sich niemand. Auch in den nächsten Stunden wird das ganze ansonsten recht verschlafen wirkende Dörfchen mit Musik beschallt, was sämtliche Einheimische mit stoischer Geduld zu ertragen scheinen. Das Gelände des Garden-Festivals selbst befindet sich auf einer Halbinsel in unmittelbarer Nähe zum Badestrand: ein überschaubares Pinienwäldchen mit einem Nachtclub aus den späten siebziger Jahren, einer Freilicht-Bühne und einem kleineren Dancefloor direkt am Wasser. An zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden werden hier unter andererem Hercules & Love Affair, The Revenge, Horse Meat Disco, Greg Wilson, Henrik Schwarz, Âme und eben auch Tensnake spielen. Ibiza, die große britische Dance-Kolonie, könnte nicht weiter weg sein. In Petrcane geht es weniger um nächtliche Exzesse, flamboyante Kostüme und große DJ-Egos. Das Publikum, das sich hier einfindet, wirkt erstaunlich normal, sportlich, musikalisch interessiert, aber rein äußerlich keinen speziellen subkulturellen Strömungen zuzuordnen. Von Disco als einstigem Eldorado unterdrückter Minderheiten: keine Spur. Der Discotrain scheint mit seinem gefühlten zehnten Revival seit Metro Areas erster EP 1999 in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. Aber vielleicht entsteht dieser Eindruck auch nur durch den basisdemokratischen Einheitslook aus Badelatschen und Shorts.

Die bessere der zwei Welten

Für Marco Niemerski ist dies eindeutig die bessere der zwei Welten: Er kommt gerade von seinem ersten Gig in Ibiza, der so gar nicht nach seinen Vorstellungen gelaufen ist. Das Publikum im Space habe sich desinteressiert gezeigt, stand statisch auf dem Dancefloor herum, die Party kam nicht richtig in Schwung, berichtet er. Auf ihn wirkte die Szenerie ähnlich abgezockt und entseelt wie die routinierten Pornoshows auf der Hamburger Reeperbahn. Beim Garden-Festival dagegen fühlt sich Niemerski besser aufgehoben: Stunden vor seinem Auftritt wird er immer wieder freundschaftlich von vorbeiflanierenden Leuten begrüsst, man kennt und schätzt ihn hier. Auch wenn Niemerski betont, nicht Teil einer Nu-Disco-Bewegung sein zu wollen, hat er in deren Fahrwasser gerade seine größten Fans.

...den vollständigen Artikel findet ihr in der aktuellen Ausgabe!



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