Illustration: Super Quiet
Zuerst erschienen in Groove 166 (März/April 2017). Alle Beiträge des Specials findet ihr hier.

Alles beginnt mit einem gespenstischen 2-Step-Groove. Ausfallschritt, Patina, Hallpanorama. Ein klagendes Mantra rotiert im Loop. Und dann setzen plötzlich diese Streicher ein. Es ist inzwischen ein fast schon ikonischer Auftakt, mit dem William Bevan alias Burial seinen 2007 erschienenen Song „Archangel“ eröffnet. Dass die düsteren Harmonien ursprünglich von einem gewissen Harry Gregson-William stammen, der damit wiederum die Eröffnung des postmodernen Videospielklassikers Metal Gear Solid 2 illustrierte, dürften nur wenige wissen.

Wer hier Zufall oder gar öden Pragmatismus wittert, könnte allerdings kaum falscher liegen. Bevan gehört zu einer Generation von Produzenten, die mit Videospielen sozialisiert wurden: „Ich hab all mein Taschengeld beim Versuch, Silent Scope in der Spielhalle bis zum Ende zu spielen, ausgegeben“, gibt er 2014 im Gespräch mit dem britischen Wire-Magazin zu Protokoll und nennt dort die Klänge der PlayStation abseits musikalischer Einflüsse als seine wichtigste Quelle der Inspiration. Mit der fortschreitenden Historisierung der Gamingkultur halten seit einigen Jahren auch deren Klänge, als Referenz auf die eigene Sozialisation, vermehrt Einzug in die Nischen der Popkultur – und damit auch in die unterschiedlichsten Spielarten der elektronischen Musik.

Versteht man Sampling als eine kulturelle Form der Archäologie, in der vergessene Schätze ausgegraben und in einem neuen Kontext präsentiert werden, dann müsste sich eine Grabräuberin wie Lara Croft eigentlich schon längst zur Ruhe gesetzt haben. Denn völlig gleich, ob man sich in die Katakomben des Jazz-, Funk-, Klassik- oder Soulkanons wagt – die Wahrscheinlichkeit, dass schon jemand vor einem da war, ist dank der fortschreitenden Digitalisierung größer denn je.

Games und deren vielfältige Soundtracks müssten nach dieser Logik schon lange das gelobte Land für Crate Digger jeglicher Couleur sein, warten hier doch tatsächlich noch gänzlich unerschlossene Schätze auf ihre Bergung. Videospielklänge galten lange als trivial und nicht besonders wertig. Erst mit dem Wandel des Samples vom rein funktionalen Aspekt hin zum popkulturellen Statement wurden die Voraussetzungen geschaffen, auch vermeintlich banale Kulturprodukte wie Videospiele als Ausdruck der eigenen Identität zu zitieren.

Dass heute von Flying Lotus über Boys Noize bis hin zu M83 so ziemlich jeder mal die bevorzugt grauen Cartridge-Module auf verwertbare Klänge und Melodien abklopft, dürfte nicht zuletzt auch einem gewissen demografischen Wandel zu verdanken sein. Denn so wie sich viele Künstler etwa gerne auf die heimische Plattensammlung im Elternhaus beziehen, wurden jüngere Generationen eben durch den Sound von Super Mario oder Tetris geprägt.

Ob mit der wachsenden Anerkennung für die Arbeit von Videospielkomponisten auch ein geschärftes Bewusstsein für die musikalische Neukontextualisierung dieser Werke einhergehen wird, steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt. Denn so sehr Sampling gewisse Diskurse anregen kann, so oft werden diskussionswürdige Strömungen eben auch einfach mal desinteressiert durchgewinkt. Schön, dass wir zumindest an dieser Stelle mal darüber gesprochen haben.

Videospiel-Samples in der elektronischen Musik

1. Com Truise – Norkuy (Ghostly International, 2010)


Sample: Masahiro Ikariko & Mutsuhiko Izumi „Tears Stained Eyes“ aus „Snatcher“ (MSX-2, Konami, 1994)

2. Lone – Approaching Rainbow (R&S, 2011)


Sample: Brad Buxer „Launch Base Zone Act 1“ aus „Sonic The Hedgehog 3“ (Sega Mega Drive, Sega, 1994)

3. Flying Lotus – Glendale Galleria (Tectonic, 2009)


Sample: Akira Yamaoka „Fortunate Sleep Cat Scratchism Mix“ aus „Silent Hill 4“ (PlayStation 2, Konami 2004)

4. Samiyam – Super Chronzio Bros. 2 (Brainfeeder, 2008)


Sample: Hirokazu Tanaka „Appearance Fanfare“ aus „Metroid“ (NES, Nintendo, 1986)

5. M83 – Sitting (Goom, 2001)


Sample: Yuki Iwai & Yuko Takehara „Apocalypse Theme“ aus „Marvel Super Heroes vs. Street Fighter“ (PlayStation, Capcom, 1997)

6. Arca – Spira (UNO, 2012)


Sample: Nobuo Uematsu „Hymn of the Fayth – Spira“ aus „Final Fantasy X“ (PlayStation 2, Square Enix, 2001)

7. Boys Noize – Gax (Boysnoize, 2009)


Sample: Tomoko Sasaki „Game Over“ aus „Ristar“ (Sega Mega Drive, Sega, 1995)

8. Burial – Ghost Hardware (Hyperdub, 2007)


Sample: Norihiko Hibino „Freedom to Decide“ aus „Metal Gear Solid 2: Sons of Liberty“ (PlayStation 2, Konami, 2001)

9. Dizzee Rascal – Street Fighter (SHOE1, 2004)


Sample: Yoko Shimomura, Isao Abe, Yoshihiro Sakaguchi & Tatsuya Nishimura „Chun Li’s Theme“ aus „Street Fighter II“ (Arcade, Capcom, 1991)

10. Groundislava – Cool Party (Friends of Friends, 2012)


Sample: Yasunori Mitsuda „Corridors of Time“ aus „Chrono Trigger“ (SNES, Square, 1995)