Foto: Peter Vulchev (KiNK)

Zusätzlich zu unser großen KiNK-Titelgeschichte in der aktuellen Groove-Ausgabe hat sich der Produzent, dessen Playground-LP gerade über Gerd Jansons Running Back-Label erschienen ist, euren Fragen gestellt. Lest hier KiNKs Ask The DJ – das diesmal Ask The Artist heißt.

 


 

Was war das erste Stück Gear, auf dem du gearbeitet hast und benutzt du es heutzutage immer noch?
Es ist etwas schwierig, das erste Stück zu benennen, weil ich schon im jungen Alter viel herumexperimentiert habe und deshalb jedes elektrische Tool in unserer Wohnung als Musikinstrument betrachten würde. Aber ich erzähle euch eine Geschichte über das erste Instrument, das ich selbst in der Absicht, Techno zu produzieren, ausgewählt und gekauft habe. Es war um 1994 herum, als fest stand, dass ich mir gerne einen Synthesizer kaufen würde. Mein Vater gab mir ein wenig Geld und ich suchte die Second-Hand-Läden nach Synthesizer ab. In Bulgarien gab es zu dieser Zeit keine große Auswahl und die Informationslage war ebenso dünn. Ich habe ein extrem günstiges russisches Keyboard namens Polivoks gefunden. Interessiert hat mich daran vor allem das Preisschild, gekauft aber habe ich es trotzdem nicht – es sah mir nicht Techno genug aus. Ich hatte einen moderneren und digitaleren Look erwartet, Screens und Leuchtdioden. Dieser russische Synth sah alt aus. Ich haute meine Kohle stattdessen für einen teureren Casio Rompler auf den Kopf, der mit Preset-Sounds, Rhythmen und eingebauten Speakern daherkam. Er hat eine Menge blinkender Lichter und auf dem Fronpanel stand „Techno Beat, Samba, Disco“ geschrieben. Mir ging schnell auf, dass ich einen Riesenfehler gemacht und mir ein Kinderspielzeug gekauft hatte. Ich ging also zurück, um diesen russischen Synth aufzutreiben. Der Verkäufer sagt mir, dass er den gerade an ein paar Typen von der Kirche verschachert hatte, die auf der Suche nach einem günstigen Instrument gewesen waren, das sie als Orgel verwenden konnten. Er erzählte mir, dass sie stundenlang einen Orgelsound hinbekommen wollten und dass dieses Biest aber nur irre Alien-Sounds von sich gab. Gekauft haben sie ihn trotzdem, weil es der einzige war, den sie sich leisten konnten. Er war genau das, was ich wollte, doch es war zu spät. Den Casio habe ich mit nur wenigem Gewinn weiterverkauft. Der nächste Synthesizer, den ich mir zulegte, war der Vermona, den ich gemeinsam mit meinem guten Freund Konstantin alias KEi im Jahr 1998 im selben Geschäft kaufte. Wir besitzen ihn immer noch und haben ihn in den letzten Jahren immer wieder missbraucht – er steht jetzt im Keller rum und wartet darauf, repariert zu werden. KEi hat sich kürzlich einen zweiten in besserem Zustand zugelegt, der steht jetzt in meinem Studio und hin und wieder jammen wir darauf und gedenken der alten Zeiten.

Was hörst du zuhause oder auf Reisen?
Leider habe ich aktuell kaum Zeit, mir die Musik anderer gründlich anzuhören, weil ich momentan nur selten DJ-Sets spiele und in meiner Freizeit meistens damit beschäftigt bin, mein Live-Set zu perfektionieren, Musik zu produzieren, mich mit neuem Gear auseinanderzusetzen, das ich gekauft, oder aber Wege suche, neue Sounds zu kreieren. Ich renne immer meinem Zeitplan hinterher und habe darüber nicht mal Zeit, richtig zu schlafen, weshalb ich etwas opfern muss. Den Löwenanteil interessanter Musik bekomme ich, indem ich DJs folge, die ich mag. Mein guter Kumpel Phil Banks aus Plymouth spielt einen Mix aus merkwürdigem Electro und Acid, seine Mixe liebe ich. Ein anderer Freund von mir, Olivier, besser bekannt als Mush, der das Sharivari-Label betreibt und den Chez Emile-Plattenladen betreibt, postet immer großartige Musik auf seiner Facebook-Page und da schaue ich immer wieder rein. Ihr könnt da eine Menge an vergessenen Tracks und komischen frischen Releases finden, immer sehr funky. Olivier enttäuscht nie! Außerdem bleibe ich immer an der Macro-Crew dran, die immer Musik parat haben, die edgy und außergewöhnlich ist. Finn Johannsen veröffentlicht ab und an interessante Mixe und Stefan Goldmann – die einzigen Gelegenheiten, ihm zuzuhören, habe ich, wenn wir gemeinsam spielen, was glücklicherweise hin und wieder der Fall ist. Ich verbringe auch viel Zeit damit, mir Synthesizer-Demos auf YouTube anzuhören, meine Lieblingskanäle sind Mootbooxle und Djangosfire. Moot spielt Funk/Soul-Musik auf seinen Keyboard und spricht über Gear und Musik mit einer solchen Leidenschaft, die wirklich ansteckend ist! Djangosfire geht es vor allem um West-Coast-Synthesis und die DIY-Szene, sehr abstrakter Kram, Morton Subotnick auf Steroiden! Auf meinem Telefon habe ich aktuell nur zwei Platten, Arrange and Process Basic Channel Tracks (von Scion) auf Tresor und Elseq 1-5 von Autechre.

Immer mehr House- und Techno-Live-Acts spielen Solo-Shows in Konzertvenues anstatt auf Partys, wie etwa a Bicep oder Kiasmos. Ist das etwas, das du auch in Erwägung ziehen würdest? Warum – oder warum nicht?
Das ist eine Richtung, die mich in Sachen Spaß nicht wirklich interessiert, weil ich Bands nie sonderlich gemocht habe. Seitdem ich denken kann, habe ich Dance Music und das Tanzen geliebt. Von Disco bis Techno und House. Ich liebe es, in Clubs zu sein. Ich liebe die DJ-Kultur. Rustikale Kellergewölbe, schwitzige Dancefloors und Menschen, die tanzen, als würde ihnen dabei niemand zusehen. Konzerte mit großem Produktionsaufwand waren für mich nie interessant, aber ich habe auch gelernt, dass ich niemals nie sagen sollte, denn mir gefiel anfangs auch nicht die Idee, im Vergleich zum Auflegen Live-Performances hinzulegen und das mache ich nun allerdings jedes Wochenende, seit neun Jahren schon. Noch ziehe ich es nicht in Betracht, das Warehouse gegen die Konzerthalle einzutauschen, über die Zeit aber bin ich hinsichtlich verschiedener Ausdrucksformen offener geworden und die Zeit wird kommen, zu der ich die richtigen Inhalte mitbringe – Audio, Visuals, oder beides. Ich habe letztes Wochenende gemeinsam mit Bicep in Manchester gespielt und sie waren fantastisch. Amon Tobins Isam-Show ist sehr beeindruckend, zumindest war das mein Eindruck nach ein paar Online-Videos. Wenn ich irgendwann etwas zu sagen habe, werde ich es tun. Und ich bin mir sicher, dass der Tag kommen wird.

Denkst du jemals darüber nach, ob oder wie du einen Track performen kannst, wenn du daran arbeitest? Oder fühlst du je den Druck, einen „Crowdpleaser“ zu produzieren oder bist du frustriert, dass du deine experimentelleren Stücke nicht spielen kannst?
Ich denke nicht darüber nach, wie ich einen Track aufführen kann, während ich ihn produziere, aber die Live-Auftritte haben meine Arbeitsweise im Studio beeinflusst. Es war ein sehr kalter und mathematischer Prozess, aber in den letzten Jahren hat er sich immer mehr in Richtung von Jam-Sessions im Studio und beim Aufnehmen bewegt. Dennoch finde ich beides sehr unterschiedlich und bin froh darüber, das weiterhin so zu halten. Wenn ich Musik produziere, geht es mir darum, tief in den Sound einzutauchen, mir alle Zeit der Welt zu nehmen, um die Dinge zu erforschen und zu lernen. Live zu spielen ist das genaue Gegenteil: Ich bin in einem Kung Fu-Kampf mit der Zeit verwickelt. Auf der Bühne habe ich nur wenige Stunden in einem Land, in das ich vielleicht nicht so schnell zurück kehre. Ich versuche das, was ich wochenlang im Studio mache, in wenige Stunden zu komprimieren. Je höher der Schwierigkeitslevel, den ich mir selbst setzte, desto größer der Adrenalinrausch und die Zufriedenheit, mit der ich aus der Nummer rausgehe. Das sind zwei verschiedene Arten, durch Musik high zu werden. Ja, ich verspüre schon den Drang, Crowdpleaser zu schreiben. Ich mag simple, eingängige Tracks genauso wie ich Musik mag, die eine tiefere Bedeutung hat. Ich spiele die Musik, die ich auch selbst gern im Club hören würde. Ein Crowdpleaser kann mir in meinen Sets dabei helfen, das Publikum auf meine Seite zu holen, sodass ich mir Experimente erlauben kann, wenn mir danach ist. Was mich allerdings frustriert ist, wenn ich dafür kritisiert werde, angeblich zu funktional und vorhersehbar mit meinen Crowdpleasern zu sein, während mein abstrakter Kram und neue Experimente von denselben Kritikern meistens nicht wahrgenommen werden. Ich sehe das allerdings positiv, egal ob richtig oder falsch, es hilft mir alles dabei, meine Kung Fu-Künste zu verbessern.

Beim ADE hast du kürzlich mitHenrik Schwarz kollaboriert. Wie viel habt ihr dafür geprobt und was interessiert dich an solchen Zusammenarbeiten?
Wir haben uns Anfang des Jahres für ein paar Minuten am Telefon abgesprochen. Ich fragte Henrik, „sollen wir’s machen?“ und er sagte „klar, lass‘ machen!“. Wir haben uns über ein paar Punkte abgestimmt, wie zum Beispiel, dass wir unsere gewöhnlichen Set-Ups verwenden, ein komplett improvisiertes Set zu spielen und unsere Tempi eher per Ohr anstatt über eine automatische Verbindung abzustimmen. Dieser Anruf fand Monate vor der eigentlichen Show statt und eigentlich war mein Plan, Henrik in Berlin zu besuchen, aber das klappte nie, weshalb dieses fünfminütige Gespräch unsere einzige Probe war. Vor dem Gig haben wir außerdem einen richtigen Soundcheck gemacht. Wir haben unsere Set-Ups eingestöpselt und ein paar Stunden gejammt, ohne dabei auch nur ein Wort zu verlieren. Später haben wir dann zusammen gespielt. Es war großartig. Einer von uns fragte, „sollen wir das wieder machen?“ und der andere meinte nur „klar“. Mit anderen zusammenzuarbeiten, war für mich sehr lehrreich. Henrik ist einer der besten Künstler unserer Zeit. Seine Sounds und sein Zugang zur Musik ist ganz anders als meiner und ich dachte, es wäre sehr interessant für uns beide, uns auszutauschen. Das war toll und ich freue mich bereits auf das nächste Mal.

Was ist der Unterschied zwischen deinem Cyrillic-Projekt und dem, was du unter dem Namen KiNK machst?
KiNK ist in Hinsicht auf die musikalische Bandbreite und die Performance sehr abwechslungsreich und bezieht sich aus den KiNK-Platten. Ein KiNK-Live-Set umfasst viele verschiedene Arten von Gear, digital, analog oder DJ-Equipment. Als KiNK beziehe ich das Publikum viel mit ein. Cyrillic ist das Gegenteil. Musikalisch und in Sachen Performance ist es sehr begrenzt und reduziert. Die Idee dahinter ist es, ein komplett improvisiertes Live-Set nur mithilfe eines Standard-DJ-Set-Ups zu spielen. Ich habe eine Library aus sehr basalen und kurzen Loops erstellt, die ich alle auf meinem Modular-Synthesizer eingespielt habe. Ich spiele sie von 3 CDJs. Die Rhythmen kommen alle von einer Roland TR-8 Drummachine. Alles nach Ohr gemixt, ohne automatischen Sync. Diese Musik existiert nirgendwo anders. Manchmal bringe ich noch einen zusätzlichen Synthesizer mit, grundsätzlich aber besteht das Set-Up aus der TR-8, drei Decks und einem Mixer. Es zieht eine sehr intensive Performance nach sich, wenn du nur mit solchen basalen Inhalten Musik macht. Im Vergleich zu KiNK bleibt mir da weniger Zeit, mit der Crowd zu interagieren und ich danach doppelt so durchgeschwitzt. Die Musik ist purer Techno. Sehr spontan und voller Überraschungen, aber auch anders als KiNK sehr repetitiv. 2018 werde ich erstmals mit diesem Projekt Musik veröffentlichen und die Schreibweise in Kirilik ändern, lasst euch überraschen!

Gibt es junge KünstlerInnen, die dich (nicht allein musikalisch) begeistern?
Andrew Morrison, ein junger Mann, der tagsüber medizinische Forschung betreibt und fantastische Musik in seiner Freizeit macht, die er unter den Namen The Cyclist und Buz Ludzha veröffentlicht. Er programmiert seine eigenen Software-Tools und verwendet billige Hardware auf eine echt merkwürdige Art und Weise. Ich liebe seinen Sound und wie er ihn hinbekommt. Außerdem meine Freunde Peter-Jan und Robin, die in den Niederlanden eine Firma namens OWO betreiben. Sie stellen ungewöhnliche Musikinstrumente her, die ich oft in meinen Live-Sets verwende. Eine weitere sehr talentierte Freundin von mir ist Yana Krachunova. Sie beschreibt sich selbst auf ihren Social Media-Seiten als „Visuelle Optimistin“. Sie hat sich mit allem von traditioneller Malerei und statischen Bildern hin zu experimenteller digitaler Videokunst auseinandergesetzt und ich mag ihre Arbeit sehr. Ihr ist anzusehen, dass die eine klassische Ausbildung erhalten hat und die notwendigen Fähigkeiten vorweisen kann, aber ihr Output ist neu und überraschend, egal mit welchem Format sie sich auseinandersetzt.