Fotos: Presse (Kevin Saunderson)

In den Anfangstagen von Detroit Techno während der achtziger Jahre, stach Kevin Saunderson zwischen seinen Mitstreitern heraus. Die Pioniere dieser Musik waren gemeinhin zurückgezogene, rätselhafte Charaktere. Saunderson war der extrovertierteste unter den sogenannten „Belleville Three“, den Erfindern des Sounds. Saunderson war nicht so sehr auf das futuristische Projekt von Techno fixiert wie Juan Atkins und Derrick May. Er verschmolz die Melancholie der Stadt mit traditionellem und doch nicht konventionellem Funk, Soul und House Music. Mit „Good Life“ und „Big Fun“ übertrug er die emotionale Ambivalenz des Detroit-Sounds in ungeheuerliche Pop-Songs und wurde so zum Botschafter der Musik im Mainstream.

Zwischen 1987 und 1998 produzierte Saunderson eine unüberschaubare Anzahl von Platten. Sein Schaffen verteilt sich über zahllose Aliase und Kollaborationsprojekte. Viele der großen Techno-Artists schauen auf durchwachsene Diskografien zurück und hatten vor allem mit Albumformat ihre Probleme. Sein unerhörter Erfolg hielt Saunderson nie davon ab, den Großteil seiner Energie in die Musik zu stecken. Drei Alben schloss er mit abInner City, eines als The Reese Project und Heavenly unter dem Namen E-Dancer. Mit Heavenly durchzog Saunderson die dunkle, fordernde Energie von Techno mit einer sehnsüchtigen, beseelten Qualität. Zwei Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung entschied sich Saunderson nun dazu, das Album neu aufzunehmen. Während das zuerst nach einer merkwürdigen Idee klingt – wer hat sich denn schon je gefragt, wie etwa Internal Empire oder Selected Ambient Works 1985-1992 im 2017er-Gewand klingen würden? -, bringt Saunderson im Gespräch ein paar handfeste Gründe für diese Entscheidung vor. Sein Interview mit dem Groove-Autoren Alexis Waltz erstreckt sich über die gesamte Karriere des Ausnahmeproduzenten.

 


 
Warum hast du dich dazu entschieden, Heavenly Revisited aufzunehmen? Was fehlte in der Originalaufnahme?
Ich habe mir das alte Album angehört, als ich mich gerade für eine Tour vorbereitete und dachte mir dabei, dass ich ein paar Dinge daran noch verbessern könnte. Es ist ein wirklich gutes Album, kein Zweifel. Aber ich dachte mir, dass sich die Technologie verändert hat, im Allgemeinen sehen die Dinge heute anders aus. Es wäre da ganz gut, es etwas aufzupolieren. Zuerst wollte ich ein neues Album aufnehmen und begann, an neuem Material wie „Foundation“, „One Nation“ und „Into The Future“ zu arbeiten. Aber dann dachte ich mir, warum bringe ich den neuen Kram nicht mit dem alten zusammen? Ganze Generationen von Kids fangen gerade erst an, sich mit dieser Musik zu beschäftigen und haben keine Ahnung von der vorigen Platte. Es schien mir ein Weg zu sehen, gleichzeitig den Leuten etwas beizubringen und dabei etwas Neues zu unternehmen.

Wie stehst du zur Entwicklung der Dance-Szene seit der Erstveröffentlichung des Albums?
Als ich das Album produzierte, geschah das alles noch in der analogen Welt, als die Digitalisierung gerade ihren Anlauf nahm. Vinyl dominierte damals offenkundig noch. Klar gibt es das immer noch, aber es ist nicht dasselbe. Wie Leute zur Musik kommen, ist heute viel weiter verbreitet. Damals hattest du nur ein paar Outlets, über die das Publikum Musik auch wirklich hören konnte. Jetzt hingegen hast du all diese verschiedenen Plattformen. Früher haben die Leute wie irre nach Platten gesucht und wussten nicht mal genau, wie sie die finden sollten. In den Läden waren das Vinyl schnell ausverkauft. Ich dachte: Die Zeiten haben sich verändert. Aber ich bin immer noch dabei. Ich bin ein Technik-Typ. Ich komme mir immer noch relevant vor, ich öffne mich gegenüber Musik und der Technologie. Das meine ich, wenn ich sage, dass sich alles verändert hat.

Wie denkst du persönlich über die Musik im digitalen Raum?
Zuerst war ich besorgter. Du kannst immer noch mit der Musik Geld machen, aber das ist schon nicht mehr der Hauptzweck. Damals konnte ich Vinyl veröffentlichen und musste nicht auf Tour gehen. Mit einem Plattenvertrag konntest Monate zuhause an deinem Album werkeln, deine Miete zahlen und auf Tour gehen, wann du es wolltest. Das ist nun umgekehrt. Musik wird nicht mehr für Geld gemacht, sondern für Aufmerksamkeit in all diesen Bereichen und dass du damit auf Tour gehen kannst, um damit Geld zu verdienen. Jetzt können die Leute Musik besser annehmen – das ist schon gut. Es fällt den Leuten im Vergleich leicht sehr leicht, dich zu finden, sie müssen lediglich Spotify anschmeißen. Früher musstest du dafür auf die nächste Underground-Party gehen und hattest keine Plan, welche Platten da eigentlich liefen. Keine Ahnung. Ich schätze die Vergangenheit und dass ich mich in ihrer Mitte bewegt habe und ich schätze meine jetzige Situation. Ich finde das alles gut. Ich versuche, nicht allzu viel zu vergleichen. Das waren tolle Zeiten, tolle Erinnerungen. Ich bewege mich jedoch vorwärts, denn so funktioniert die Zukunft.

Haben dich deine Club-Auftritte zum Heavenly-Rework inspiriert? Die neuen Versionen sind vielschichtig und es gibt darin mehr Breaks zu hören, in den Tracks widmest du dich verstärkt dem Storytelling.
Die alten Tracks sind sehr roh. Digitale Produktion und all der Kram, den du heutzutage mit Filtern anstellen kannst, das gibt dir mehr Möglichkeit bestimmte Bereich anders hervorzuheben. Indem ich auf Tour gegangen bin und neue Platten gespielt habe, habe ich viele Eindrücke und viel Inspiration dafür bekommen, bestimmte Elemente einzubauen, die üblich geworden sind.