Kennengelernt habt ihr euch ja in der Goldenen Krone in Darmstadt, das war ein Indie-Laden von regionaler Bedeutung.
Flügel: Genau. Ich hatte ein paar Demo-Kassetten gemacht. Ich kannte jemanden in Darmstadt, der auch Musik machte, von dem wurde ich an Jörn verwiesen: Gib dem Jörn doch mal deine Tapes, der hat ein professionelleres Studio, vielleicht will er ja mal reinhören. Also bin ich in die Goldene Krone gegangen, nach oben in die Rocky Bar. Dort drückte ich Jörn ein oder zwei Kassetten in die Hand.
Wuttke: In sehr schlechter Soundqualität!
Flügel: Schon am nächsten Tag rief er mich an und meinte, wir sollten uns doch mal treffen. So ging das los.
Wuttke: Ich muss sagen, dass ich mir die Kassette noch am selben Abend anhörte. Aus eigener Erfahrung wusste ich, wie es ist, wenn man Leuten Kassetten schickt. Für mich war das sehr aufregend, ein Tape zusammenzustellen und es jemandem zu geben.
Flügel: Rückblickend kann man sich die Zeit manchmal schwer vorstellen. Wenn man sich überlegt, was da alles gleichzeitig passierte. Die Mauer fiel, gesellschaftlich und politisch war viel los. All die Zeit, die wir hatten, steckten wir in unsere Projekte. Rechts und links hat nichts mehr gezählt. Man wollte einfach teilhaben an dem Neuen, was da gerade passierte. Wie bekloppt arbeiteten wir an dieser Sache. Rückblickend ist das für mich eine Erfahrung, die mit nichts zu vergleichen ist. Zeit spielte keine Rolle, wir endeten in irgendsoeiner Garage mit einem tollen Tonstudio und kamen über Wochen und Monate nicht mehr heraus.

Das Tonstudio war in einer Garage?
Flügel: Genau, in der Garage von Jörns Opa. Auf der Platte ist ein kleiner Ausschnitt zu sehen. Die Garage war vollgestopft mit Mischpulten und Instrumenten. Nächtelang saßen wir dort in der Dunkelheit.
Wuttke: Man muss sagen, dass die Garage auch ein Proberaum war. Der Raum war ein bisschen abgedämmt. Es war da drin nicht wie im Folterkeller. Eigentlich war es ganz gemütlich. Ein Kiosk war dort auch.

Wie wurden aus Romans Demos die fertigen Tracks? Roman, hast du dann dein Equipment in diese Garage verfrachtet?
Flügel: Genau, ich schleppte sukzessive immer mehr dort hin. Wir verkabelten das Equipment einigermaßen chaotisch und brachten alles zum Laufen. Das war gegenüber dem, was ich zuhause hatte, ein riesengroßer Sprung. Daheim hatte ich einen Achtkanalmischer und werkelte so vor mich hin. Das klang in keiner Weise schick wie dann in der Garage von Jörns Opa.
Wuttke: Unter hoher Schuldenlast hatte ich mir mein drittes Mischpult gekauft, eine krasse Investition war das. Bis ich aus meinem neuen Mischpult einen Sound herauskam, den man auf Vinyl pressen kann, hatte ich einige schlaflose Nächte verbracht. Aber ich wollte mit aller Gewalt an dieser Geschichte mitschreiben.

Neben der Garage von Jörns Großvater war auch das Delirium-Hinterzimmer des Delirium für die Entstehungsgeschichte des ersten Acid Jesus-Albums wichtig. Was passierte dort?
Flügel: Der Laden war so eine Art Szenemittelpunkt. Wenn man unten Platten gekauft hat, war man noch lange nicht im Hinterzimmer angekommen. Dort waren wir dann irgendwann.
Wuttke: Also im Büro.
Flügel: Genau. Das war vor allem ein witziger Hangout. Dort saß mittags auch mal Derrick May rum. Oder DJ Sneak, der für 740 Mark mit Amerika telefonierte. Das war für uns, die wir aus Darmstadt kamen und in der Großstadt Frankfurt Fuß fassen wollten, schon interessant. Die Leute vom Delirium, also Ata, Heiko und Jörg Henze, waren am Puls der Zeit. Außerdem gab es noch die Verbindung zum Sven. Auf einmal war man näher dran. Du weißt ja, wie es in dem Alter ist, da will man nah dran sein. Sven Väth ist auf uns aufmerksam geworden, Weihnachten 1993 spielten wir im Omen unser erstes Liveset.

Wie war dieser Auftritt für euch?
Flügel: Der war natürlich sehr aufregend für uns. Es existieren auch noch Filmaufnahmen aus dieser Nacht. Damals ist in Frankfurt viel gefilmt worden, was vielleicht in Vergessenheit geraten ist. Es gab einen Kameramann, Pit hieß er, der hatte eine Videokamera und schleppte die überall hin mit.
Wuttke: Ich habe letztes Jahr so ein Videoband digitalisieren lassen und habe mir die Aufnahmen von diesem Auftritt noch mal angesehen. Das interessanteste daran sind die Leute im Omen. Wenn man das mit heute vergleicht, ist es unglaublich, wie die aussahen. Wirklich jeder einzelne machte so ein bisschen seine eigene Show. Jeder tanzte anders, jeder hatte verrückte Sachen auf dem Kopf oder war anders angezogen. Alles ist sehr, sehr bunt in dem Video. Damals kam einem das gar nicht so vor.