Diese Techno-Ursuppe, von der Roman sprach, war zu der Zeit, als ihr mit Acid Jesus angefangen habt, ja noch brandaktuell.
Flügel: Erst mal ist man ja Fan geworden von diesem Sound, der auf einmal in den Plattenläden und Clubs aktuell war. Im nächsten Schritt wollte man wissen: Wie machen die das eigentlich? Das war alles so brandaktuell, dass wir beide unsere Bands hinter uns ließen. Gitarrenmusik war auf einmal nicht mehr aktuell, Schlagzeugspielen war nicht mehr aktuell. Andere Dinge rückten in den Fokus, dieser Sound hatte eine unheimliche Sogwirkung. Das ist für mich auf den ersten Acid Jesus-Tracks ganz klar rauszuhören. Deshalb lohnt es sich für mich, dass wir diese Stücke nun noch mal neu herausbringen. Die Platte ist ein Dokument einer Zeit, die sich in musikalischer Hinsicht wahnsinnig neu und aufregend anfühlte. Wir konnten im besten Sinne auf einer Welle mitreiten, weil diese Welle eine ganze Jugendkultur erwischt hatte. Ich hoffe, dass man diesen Enthusiasmus auf Flashbacks hören kann.

Dass ihr vorher in Bands gespielt habt, verbindet euch. The Sheets, die Band von Jörn, hatte sogar einigen Erfolg unter Spex-Lesern.
Wuttke: Das waren sozusagen meine Frankfurter Batschkapp-Zeiten. Frankfurt ist ja eine relativ kleine Stadt. Man ging dann von der Batschkapp ins Omen oder ins Cooky’s und später ins Plastik. Die Szenen waren recht verbunden. Ich glaube aber, dass auch in der Musik von Acid Jesus eine gewisse Songstruktur noch vorhanden ist. Die Stücke sind nicht reine Dancetracks, die nur aus einem Loop bestehen. Sie setzten sich aus mehreren Parts zusammen. Mit den Arrangements haben wir uns extrem viel Mühe gegeben. Aus heutiger Sicht würde ich kaum etwas verändern oder wegschneiden wollen. Diese Rasanz, mit der Technotrends wechselten, setzte erst später ein. Als ich 1993 anfing, im Delirium zu arbeiten, war ich richtig erschüttert darüber, dass jede Woche zwei- bis dreihundert Maxis rauskamen. Wir mussten uns Woche für Woche durch 150 Platten durchhören, um zu entscheiden, was überhaupt für den Laden bestellt werden soll. Da wurde mir klar, dass wir mit Acid Jesus nicht die einzigen sind, die so einen Sound machten.

Jörn Elling Wuttke

Acid Jesus-Tracks sind besser gealtert als ein Omen-Brett im Belgien-Techno-Sound.
Wuttke: Ja eben, das waren halt diese jeweiligen Trends der Saison. Alle drei, vier Monate kam etwas Neues aus irgendeiner Gegend der Welt.
Flügel: Man muss sagen, dass die Konstellation mit Ata und Heiko M/S/O wirklich toll war. Das mit dem Delirium-Laden ist ja ein ganz verblüffende Geschichte gewesen. Dieser Enthusiasmus der beiden war bemerkenswert. Wenn sie von etwas überzeugt waren, unterstützten sie es mit aller Kraft. Sie waren verrückt genug, Geld in die Hand zu nehmen. Ausgehend von diesen Acid Jesus-Maxis ging das über in dieses Label-Konglomerat mit Klang Elektronik, Playhouse und Ongaku. Das hatte fast 15 Jahre Bestand. Es herrschte so ein bisschen Wahnsinn. Alle hatten das Gefühl, dass man zusammen etwas an den Start bringen konnte. Der eine eröffnet einen Plattenladen, der nächste ein Label, der dritte veranstaltete Partys oder man machte Klamotten. Es war schön, dass wir über die Musik zusammen gekommen sind und das so gut funktioniert hat.
Wuttke: Ata und Heiko hatten ja vorher schon Platten rausgebracht, aber wir wussten ganz genau, was wir stilistisch machen wollten und was nicht. Diese kleine Subkultur des Deliriums war sehr spannend, weil wir Dinge mitlenken konnten, so wie wir über diese Konstellation auch viel entdeckt haben. Wir entwickelten einen gemeinsamen Musikgeschmack, weil wir zusammen eben viel Musik hörten oder ausgingen. Das war für mich in den fünf Jahren schon ziemlich einmalig.