Foto: Presse (Acid Jesus/Roman Flügel & Jörn Elling Wuttke)

25 Jahre ist es her, dass Roman Flügel ins Studio von Jörn Elling Wuttke einzog. Daraus wurde eine musikalische Partnerschaft, die anderthalb Jahrzehnte währte und Hits wie Alter Egos „Rocker“ abwarf. Am Anfang stand aber Acid Jesus. Ein Album und eine ganze Reihe toller EPs brachten die beiden unter diesem Namen heraus. Zu hören ist all dies nun auf der Acid Jesus-Retrospektive Flashbacks 1992-1998. In unserem Interview blicken die beiden auf die ersten Jahre ihrer Karriere zurück.

Acid Jesus war das erste von so einigen Pseudonymen, die sich das Duo Flügel/Wuttke zulegte – Alter Ego, Sensorama, Supreme Truth oder The Primitive Painter nannten sie sich später. Inzwischen gehen die beiden Hessen ihre eigenen Wege. Roman Flügel ist als DJ und recht emsiger Produzent (unter anderem auf dem Hamburger Label Dial) immer wieder im Fokus, während Jörn Elling Wuttke sein Studio betreibt, wo er Leute wie die Minimal Pop-Band Woog Riots produziert oder an eigenen Songs für ein künftiges Post Rock-Projekt schreibt. Auch wenn sich die beiden nun gemeinsam um ihr musikalisches Erbe kümmern – eine Neuauflage von Alter Ego oder Acid Jesus wird es nicht geben.

 


 

Seit fast zehn Jahren ist Alter Ego Geschichte, mindestens so lange dürfte euer letztes gemeinsames Interview zurückliegen. Jetzt bringt ihr mit Flashbacks 1992-1998 eure Zeit als Acid Jesus zurück. Geht nun das mit den Interviews wieder los?
Roman Flügel: Nein, das ist unser erstes Interview.

Beim Zusammenstellen der Compilation musstet ihr wieder tief in eure musikalische Vergangenheit eintauchen. Wie empfindet ihr selbst eure Musik von damals nach so langer Zeit?
Jörn Elling Wuttke: Als es darum ging, die Tracks zusammenzustellen, hörte ich mir all die DATs an. Ich finde, die Stücke klingen heute überhaupt nicht abgenutzt. Wenn ich mir dagegen zum tausendsten Mal „Rocker“ anhören muss, dann finde ich das nicht so spannend. Doch die Acid Jesus-Stücke gefallen mir heute immer noch sehr gut. Sie klingen auch hervorragend. Damals war ich teilweise nicht ganz so zufrieden, weil man in jener Zeit so ein bisschen auf die Bassdrum fixiert war. Ich hatte bei Acid Jesus das Gefühl, dass die Bassdrum nicht laut genug ist. Heute finde ich es schön, dass die Bassdrum so 909-ig und klassisch klingt.

Diese Gründerjahre von Techno sind ja so ein bisschen wie der Rhythm’n’Blues in der Rockmusik, grob vereinfacht, man greift gerne wieder darauf zurück.
Wuttke: Sehr grob vereinfacht… Ich muss sagen, dass ich mir während der Vorbereitung von Flashbacks zum Beispiel die Intergalactic Beats-CD, die damals auf Planet E rauskam, wieder mal angehört habe, ebenso die Pioneers of the Hypnotic Groove auf Warp. In diesem Zusammenhang fiel mir auf, dass die ganzen Acid Jesus-Sachen klanglich schon wieder viel zu gut waren. Unsere Vorbilder waren ja die genau diese Sachen aus Detroit oder das ART-Label von Kirk Degiorgio. Vor allem dieses Plaid-Stück mit dem tollen Oberheim-Sound mag ich auf ART.
Flügel: Das war von Balil…

…was Ed Hanley von Plaid solo war.
Wuttke: Genau. Mir wurde klar, wie schrabbelig und homerecording-mäßig dieses Stück klingt. Unsere Sachen hörten sich dagegen schon sehr sauber und poppig an.
Flügel: Ich schaue letzten Endes sehr ungern zurück. Wenn das Leben gerade spannend ist, wieso soll man dann ständig zurückblicken? Als wir das Album zusammenstellten, fragte ich mich, wieso hörte dieses Projekt nach sechs Jahren auf? Dass andere Sachen plötzlich wichtiger wurden, musste ja einen Grund haben. Vielleicht lag es daran, dass sich Acid Jesus eben auf diese Ursuppe von Techno zurückführen ließ, während sich die Musik dann aber schnell weiterentwickelte, womit andere Projekte von uns in den Mittelpunkt rückten. Die erste LP war ja von relativ vielen Samples geprägt. Damals hat man sich schamlos bedient, keiner machte sich groß Gedanken darüber, ob es jemanden stören könnte. Auf den Acid Jesus-Tracks sind ständig Loops im Hintergrund zu hören, die frech gesamplet waren und mit eigenen Melodien oder Drumpatterns versehen wurden. Doch mit der Zeit hat man eine andere Perspektive bekommen und sich anderen Sachen zugewandt. Der Schlusspunkt für Acid Jesus war die Interstate-Platte. Auf einmal war es das mit diesem Projekt.
Wuttke: Man muss sagen, dass die Interstate-Maxi bereits anders klang.
Flügel: Stimmt, die war schon was anderes.
Wuttke: Man kann sagen, dass Radiations bereits ein Einschnitt war. Die ersten vier Maxis waren mit dem 909-Setup und ihren Stimmensamples sehr klassisch und auch ein bisschen statisch. 1994 waren wir mit Acid Jesus mal in England und spielten auf einer Party von Andy Weatherall. Von dort haben wir wieder ganz neue Musik mitgenommen. Als wir zurück waren, nahmen wir die Stücke der Radiations-Platte auf, die orientierten sich an diesem neuen Sound. Von da an ging es immer weiter weg von diesem klassischen Detroiter Sound. Die letzte Platte, also Interstate, war klanglich schon die ausgeklügeltste Maxi. Die ging in verschiedene neue Bereiche. Damals waren wir schon an Sensorama dran und probierten wiederum andere Sachen aus. Man will ja nicht, dass sich alles überlappt und durcheinander gerät. So ging es mit Acid Jesus halt zu Ende. Alter Ego lief ja auch schon längst.