Foto: Camille Blake (Camilo Tirado & James Holden)

James Holden ist weit gekommen, seitdem er in den späten Neunzigern in seinem Kinderzimmer Progressive House-Tracks produzierte. Nach seinem internationalen Durchbruchmit der Trance-Hymne „A Break In The Clouds“ im Jahr 2004 und seinem epischen Remix von Nathan Fakes “The Sky Was Pink”, die beide auf seinem eigenen Label Border Community erschienen, hat sich der britische Musiker nach und nach Electronica und eigenwilliger Dance Music angenähert. Mit der Veröffentlichung seines dritten Albums, das live mit einer fünfköpfigen Band eingespielt wurde, hat der 38-jährige einen neuen kreativen Höhepunkt erreicht. Im Groove-Interview führt uns Holden durch die Erlebnisse – von einer Reise nach Marrakesch hin zu Live-Shows mit einem Tabla-Spieler -, die das Fundament für The Animal Spirits legten.

 


 

Ein Freund von mir beschrieb mir dein zweites Album The Inheritors mal als rituelle Musik von einem anderen Planeten. Findest du das nachvollziehbar?
Das war tatsächlich ein wichtiger Aspekt dabei, ich habe versucht rituelle Musik zu machen. In dieser Zeit habe ich mich für simple Folk-Melodien und -Skalen interessiert und dabei verstanden, dass alle Musik, die ich jemals geliebt habe, auf Wiederholungen basiert. Klassische Musik, wo immer wieder etwas Neues hinzukommt, finde ich nervig. Du kannst während einer solchen Achterbahnfahrt die Details von dem, was passiert, einfach nicht wertschätzen. Für mich geht es also um den hypnotischen Groove. Außerdem war The Inheritors auf eine Art meine Brexit-Platte.

Was meinst du damit?
Das Album dreht sich um Englishness und hat eine sehr englische Tonalität. Ich stellte mir die Folk-Musik dieser Insel in einer anderen Dimension vor.

Das erinnert mich an Björk, die ihre Songs als Folk-Musik des 21. Jahrhunderts versteht…
Ja, wenn du das Wort Folk verwendest, gehen die Leute davon aus, dass das bestimmte Instrumente einschließt. Es ist dasselbe mit Trance und Jazz. Diese Begriffe aber bezeichnen Arten und Weisen, etwas zu tun. Sie sind keine Musikgenres, sie sind Musikstrukturen. Und nun, da das Equipment zur Produktion von Dance Music so breit erhältlich ist, ist es wie Folk-Musik. Die Instrumente sind billig, die Form ist sehr simpel und die Lernkurve hin zu einem Tech House-Track ist ziemlich kurz.

Denkst du, dass sich diese Folk-Theorie auch auf die Erfahrung der KonsumentInnen erstreckt?
Sicher. Ich bin in einem Drecksloch in der Mitte von England aufgewachsen. Niemand Cooles kam jemals dorthin, um in einer dieser Städte zu spielen. Jetzt kenne ich das Wort dafür, Brexit. (lacht) Meine gesamte Kindheit über hatte ich aber keinen Begriff dafür. Also, Trance war in diesen Provinzen ein großes Ding, und davor Heavy Metal. Und beide Genres sind in London echt nicht angesagt. Am Anfang meiner Karriere spielte ich einen Gig in Coalville, einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung. Drum herum gibt es gar nichts, nicht einmal eine große Stadt. Aber es gab einen großen Club und die Leute fuhren stundenlang, um dorthin zu kommen, tausende Menschen. Eine Pilgerfahrt, und das ist doch Folk, oder?

Nachdem The Inheritors erschien, fragte dich Thom Yorke als Support für die Atoms For Peace-Tour an. Zu der Zeit hattest du noch nie live gespielt, und dennoch hast du zugewilligt.
Als ich seine E-Mail las, dachte ich, das ist das beste Angebot meines Lebens, aber wie kann ich verfickt nochmal live auftreten? (lacht) Glücklicherweise hatte ich ein paar Shows mit Caribou gespielt, als Teil ihres Vibration Ensemble. Ich bin Dan [Snaith] sehr dankbar, mir dieses Erlebnis als Testlauf ermöglicht zu haben. Ich ging als mit einem Modular-Synthesizer auf die Bühne. Vier große Gehäuse, lauter Kabel, und als das Licht angeht, verstimmte sich alles.

Klingt wie ein Albtraum.
Na ja, wenn du melodische Musik mit einer Band spielst, die ihre eigene Pitch-Referenz haben, wird es schwierig, mit einem Modular-System zu performen.

Wie hast du das Problem gelöst?
Ich habe mir ein Gitarrenstimmgerät zugelegt und einen Oszillator reingestöpselt.

Gab es noch andere Schwierigkeiten, als du The Inheritors live gespielt hast?
Ich habe The Inheritors live im Studio eingespielt. Wenn ich einen Part mochte, habe ich ihn wieder und wieder gespielt. Es platzte also aus allen Nähten und war für einen Computer viel zu viel, um es live zu spielen. Das Wichtigste für mich war, meinen Drummer gefunden zu haben, Tom Page. Er stand auf meiner Liste ganz oben. Weil seine Band, RocketNumberNine, die einzige ist, zu der ich je nach einer Show gegangen bin, um ihnen zu sagen, wie großartig ich es fand und dass ich ab jetzt ihr Fan bin. Tom war mit Steve Reid in dessen letzten Lebensjahren auf Reisen und hat viel dabei gelernt. Er kommt aus einem etwas anderen musikalischen Kontext, aber wir sind bei allem einer Meinung, vor allem wenn es um Jazz und Schlagzeug geht.