Neben der Stahlindustrie und einer florierenden Agrarwirtschaft ist die Tourismusbranche eine der Haupteinnahmequellen Apuliens, wo sich während der Saison die Einwohnerzahl zu verdoppeln scheint. Während sich der internationale Tourismus auf Meeresstädtchen wie Bari oder das pittoreske Polignano a Mare verteilen, zieht es vor allem italienische Familien in die Dörfchen, die sich entlang der adriatischen Küste verteilen. Auch das bringt jede Menge Lärm mit sich, und das nicht allein tagsüber am Strand. Des Nachts plärren Worst-of-the-80s-Sets von den Campingplätzen, die Jugend zieht es eher in die auf chic gestylten Strandclubs, wo der Mischpegel nie nicht im roten Bereich steht – Hauptsache, der Bass von gefühlt einem halben Dutzend Rihanna-Edits pro Stunde drückt.

Dagegen scheint es absurd, dass die Organisation der Sagra Elettronica mit sieben Kilometer Distanz zu Lecce eine bürokratische Zitterpartie wurde. Erst einen Tag vor der Veranstaltung wurde das rustikale Landhaus von der zuständigen Kommission inspiziert. Solange stand alles auf der Kippe, derweil die Vorbereitungen auf Hochtouren liefen.

Diese prekären Grundlagen sind es auch, die den Schritt aus der Illegalität zu einem gewagten machen, wie Esposito erklärt. Gut zwei Jahre lang handelte es sich bei den Knick Knack-Events um Privatparties, die zwar vor Regressionen nicht sicher sind und dennoch ein geringeres einkalkulierbares Risiko mit sich bringen. Als bei einem Rave mit Boris, Kr!z und Ritzi Lee im Jahr 2014 die Polizei auftauchte, musste Espositos Vater sie mit einer glatten Lüge beschwichtigen: Es sei sein Namenstag, erklärte er mit Blick auf mehrere Dutzend junger Menschen, die zu hartem Techno feierten, und das sei seine Party.

Es sind Vorfälle wie diese, die in diesem abgelegenen Landstrich die Szene im Keim ersticken, erklärt Esposito. „Ich könnte ohne Ende Regeln auflisten, die die Nachhaltigkeit von Clubs und Partys beeinträchtigen“, sagt er. „Clubs und Bars können zum Beispiel nur bis 2 Uhr nachts Alkohol ausschenken und bis 4.30 Uhr am morgen öffnen. Ich sag mal so: Die Gesetzgebung ist nicht sehr smart, sie nützt nur bestimmten Menschen. Deshalb geben kleine Events schnell auf.“ Auch auf der Sagra dürfte es in dieser Nacht eigentlich nur bis 2 Uhr morgens gehen – was bedeuten würde, dass die Headliner Gamble und Ancient Methods umsonst angereist wären. Wer hier in Apulien als Veranstalter überleben will, muss sich zwangsläufig über die Regeln hinwegsetzen. Die Party geht um 7 Uhr morgens zu Ende.

Tatsächlich verteilt sich die Szene deshalb während der Saison auf Landhäuser wie die Masseria Ospitale. Nicolas Jaar etwa gibt wenige Wochen nach der Sagra Elettronica ein Konzert nicht unweit von hier mitten in der süditalienischen Einöde, das war es auch schon fast. Die brüchige regionale Infrastruktur unterbindet fast komplett die Bildung einer nachhaltigen Szene. Die Labelstände, auf denen während der Sagra Elettronica Vinyl, Tapes und Shirts angeboten werden, fallen mager aus und rekrutieren sich fast ausschließlich aus dem direkten Knick Knack-Umfeld. Da ist zum Beispiel das Label des ebenfalls aus Lecce stammenden Produzenten Simone Gatto, Out-ER, das als neuestes Release eine starke Doppel-LP von Terrence Dixon ausgestellt hat, und Releases von Inkblots und Raw Waxes, die beide von Espositos Bruder Lorenzo betrieben werden, der Berliner ClubgängerInnen unter dem Namen Haiku als regelmäßiger Gast der STAUB-Partys bekannt ist.

Ob Detroit oder Berlin: Fast scheint, als bliebe der Szene nichts anderes übrig, als sich anderswo zu orientieren. Ein Blick über das Publikum scheint das nur zu bestätigen: Diejenigen, die dezidiert der Musik wegen gekommen sind und nicht nur deshalb vorbeigeschaut haben, weil überhaupt etwas passiert, sehen aus, als hätten sie ihr Styling komplett aus Berliner Fotoblogs zusammengetumblrt.

Auch die Sagra Elettronica scheint etwas zusammengewürfelt. Die aufwändign Pappmaché-Krake, die über den Köpfen der Crowd schwebt, die kleine Fotoausstellung in einer Ecke des Hofes, die Vinylstände und die überlaufene Bar – das ergibt nicht unbedingt ein rundes Bild. So setzt auch das musikalische Programm eher auf Vielfalt denn auf eine klar erkenntliche Handschrift. „Wir wollten nie als ’noch so eine Techno-Party‘ bekannt werden“, erklärt Esposito den Ansatz und das Selbstverständnis von Knick Knack. Die Events sollen eine sichere subkulturelle Oase eröffnen und sich zugleich szenefremdem Publikum anbieten. Die Hälfte des Publikums, berichtet er stolz, war noch nie zuvor auf einem Rave dieser Art. Der Preis, den die Veranstalter dafür allerdings zahlen müssen, ist hoch. Und manchmal, so gibt Esposito zu, treibt es sie doch wieder in die Illegalität. Weil es hier, wo andere zum Ausspannen herkommen, ein harter Job ist, zu feiern.