Fotos: Atraz & Emilia Photography (Sagra Elettronica)

Eine sogenannte Sagra, das ist so etwas wie ein öffentlicher Showcase beziehungsweise ein Volksfest und weil es eine italienische Sitte ist, geht es dabei selbstverständlich ums Essen. Nicht aber heute, an einem Julitag mit über 30 Grad im Schatten in der Masseria Ospitale, einem imposanten Landhaus mittendrin im Nirgendwo. Bei der Sagra Elettronica stehen nicht Büffelmozzarella, Panzerotti oder Focaccia im Zentrum, sondern musikalische Spezialitäten aus der Region.

Das Duo Underspreche

Underspreche sind eine davon. Das Duo kommt aus der Gegend und hat mit Releases auf Optimo und Endless Flight auf sich aufmerksam gemacht, am nächsten Wochenende, so erzählen sie gleichermaßen stolz und nervös, debütieren sie in der Panorama Bar. Heute aber spielen sie im Innenhof der Masseria in einem bukolischen Ambiente vor einer langsam eintröpfelnden Schar von Menschen, von denen die meisten mit dem Auto aus 20 Minuten entferntem Lecce angereist sind. Was natürlich niemanden davon abhält, sich kräftig an der Bar zu bedienen. Die Straßen sind des nachts ja sowieso komplett ausgestorben.

Underspreche spielen ein spannendes Hybrid-Set: Halb legen sie auf, halb erweitern sie das Ausgangsmaterial – slammende Chicago Trax hier, minimalistischster Techno dort – mit eigenen Synthie-Lines, extra Percussion oder Vocals, die entweder von der einen Hälfte des Duos durch mehrere Filter gejagt werden oder aus der Sahel-Zone herbeigesampelt werden. Sie teilen sich das Line-Up mit dem deutschen DJ Ancient Methods und dem Briten Lee Gamble, aber auch Valerio Cosi, Max Nocco und Corridoiokraut, anderen Acts aus der Region. Von den sanften Ambient-Jazz-Hybriden des mittlerweile in Berlin lebenden Cosis über Underspreches engagiertes Set, Gambles trockenem Techno mit Bristolischer Note hin zu Ancient Methods, der um kurz vor sieben Uhr im strahlenden Sonnenschein die Nacht in der Masseria abschließt, spannt sich ein sinnvoller, aber auch eigensinniger Bogen.

Das ist hier, wo viele für den Sommerurlaub herkommen, nicht unbedingt selbstverständlich. „Apulien ist tatsächlich nicht sehr offen, wenn es um experimentelle Formate geht“, räumt Ludovico Esposito ein. Er ist eines der Mitglieder des Knick Knack-Kollektivs, die sich vor vier Jahren in Lecce zusammenfanden, um dem eintönigen Allerlei aus Dancehall-Strandpartys und Tech-House-Großraumraves eine subkulturelle Alternative entgegenzusetzen. Für ihr erstes Event luden sie den Briten Inigo Kennedy sowie den aus der Region stammenden Techno-DJ Distant Echoes ein und bewarben es mit Pappmaché-Bomben, die sie an strategischen Punkten in der Stadt verteilten. Guerilla-Marketing, das schnell die Polizei auf den Plan rief.

Ärger mit den Behörden ist in Apulien aber sowieso nichts Ungewöhnliches hier am Absatz des italienischen „Stiefels“, wo erst wenige Tage zuvor bei einem Literaturfestival erst ein örtliches Literaturfestival eine Sperrstunde und dann ein Applausverbot auferlegt bekam. Ja, richtig: ein Applausverbot. Warum? Es gab Beschwerden. Sie kamen, wie sollte es hier anders sein, von Touris, die sich durch die Lesungen gestört fühlten.