Zuerst erschienen in Groove 167 (Juli/August 2017).

Na, auch schon mitbekommen? Das MP3-Format ist gestorben. Zumindest wollte uns eine Armada an Meldungen, die vor einigen Wochen durch unsere Feeds ratterten, dies weismachen. Vom „Ende einer Erfolgsgeschichte“ war dort die Rede, andere haben das Audiodateiformat, das in den 80ern von Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts rund um Karlheinz Brandenburg entwickelte wurde, für tot erklärt und mit hysterischen, schlecht recherchierten Copy-and-paste-Artikeln kurzerhand selbst zu Grabe getragen tragen wollen.

Nun, übertriebene Schlagzeilen sind das eine, die Verbreitung von Fake News das andere. Der ganze Wirbel geht auf eine Pressemitteilung vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen zurück, in der lediglich das Ende des Lizenzprogramms verkündet wurde. Soll heißen, dass für die zeitlich terminierten Patente des Audiocodecs fortan keine Gebühren mehr anfallen. Also im Klartext: Wenn etwas gestorben ist, dann lediglich die Möglichkeit, mit MP3-Lizenzen Geld zu machen. Das Geschäft ist schlichtweg nicht mehr rentabel. Und jetzt, was ändert sich im Detail? Alle mal lachen: eigentlich gar nichts. Mag sein, dass sich das MP3 als vorherrschendes Medium, nicht nur für elektronische Musik, bereits 2015 verabschiedete, wird heute Streaming dem MP3-Kauf ohnehin vorgezogen.

Unter der Leitung von Elektrotechniker Karlheinz Brandenburg (sitzend) entwickelte das Forschungsteam an der Universität Erlangen-Nürnberg, zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS, ab 1987 das mp3-Verfahren (Foto: Kurt Fuchs / Fraunhofer IIS). 

Und gerade in unserer Szene sind die meisten ja sowieso mit Vinyl und WAVs unterwegs. Dennoch bleibt MP3 der am weitesten verbreitete und verwendete Standard. Natürlich gibt es modernere Komprimierungsformate wie AAC (Advanced Audio Coding) und ein langfristiger Wechsel hin zur höheren Klangqualität ist niemals verkehrt. Doch weil auch AAC vom Fraunhofer-Institut mitentwickelt wurde, spekulierten bereits einige Blogger, dass diese ganze Posse ohnehin nur ein publicity stunt sei, würde die AAC-Nutzung doch ebenfalls Lizenzgebühren ansammeln, die ans Institut fließen.

Und die Moral von der Geschicht? Die Hauptnachricht lautet eigentlich, dass die MP3-Erfinder nicht weiter in die Technologie investieren werden, was nun wirklich keine News ist. MP3 ist wirtschaftlich nicht mehr lukrativ und sexy genug, weil die Lizenzen keine Kohle mehr abwerfen. Aber lassen wir uns nicht für dumm verkaufen: Das Verfallsdatum wird letztlich von den Konsumenten bestimmt. Bloß weil die Nutzung nun umsonst, also patentfrei ist, verschwindet MP3 noch lange nicht von der Bildfläche. Das zeigte bereits ein ähnliches Schicksal: 2003 lief das US-Patent der Firma Unisys für das GIF-Grafikformat aus, auch hier wurden die Lizenzierungen der Technologie komplett beendet. Auch die GIF-Datei ist nicht ums Leben gekommen, ganz im Gegenteil: Sie ist quicklebendig. MP3 wurde also nicht getötet, es wurde GIFisiert – nicht mehr und nicht weniger.