Trifft man Steffi und Virginia, beeindruckt ihre Präsenz. Virginia weiß ihre Sätze und Geschichten mit graziler Gestik und strahlendem Lächeln zu erzählen. Steffi nimmt unterdessen während ihrer Ausführungen selten ein Blatt vor dem Mund. Ein Mensch mit einer starken, fundierten Meinung, die auch mal gerne derb ausfallen kann. Vor allem wenn es um Reizthemen wie DJ-Polls und den allgegenwärtigen Selfie- und Smartphonewahnsinn geht. Der Generationswechsel, der zurzeit auch in der Clubkultur in vollem Gang ist, beschäftigt auch die beiden Künstlerinnen, die einst ihre musikalische Karriere starteten, als Szenen noch wirklich lokale Communitys waren, Dancemusik noch nicht zum Mainstream zählte und die Party immer ein Moment gewesen ist, der nur dir und den Menschen um dich herum gehörte. „Man kann es den jungen Leute nicht zum Vorwurf machen, die haben Feiern nie anders erlebt. Für sie ist das Smartphone so etwas wie die dritte Hand“, erläutert Steffi, „aber ich genieße es immer wieder, wenn ich in der Panorama Bar auflegen kann und es fuchteln nicht Dutzende Leute mit Blitzlicht und Smartphone vor deiner Nase herum und wollen Selfies während des Sets mit dir machen. Das produziert eine ganz andere, intimere, musikalischere Atmosphäre. Das verstehen nur wenige, wenn es um die No-Photo-Policy des Ladens geht. Es geht ums Erlebnis, um Energien, die vor Ort stattfinden. Aber auch als DJ ist es stressfreier. Ich erinnere mich an Gigs in anderen Ländern, wo während meiner Vinlyübergänge ein Filmteam hinter mir steht und meint, ein „Recap-Clip“ für den „Aftermovie“ drehen zu müssen, und mich die ganze Zeit anquatscht. Ich bereite mich für meine Sets akribisch vor, möchte eine Geschichte erzählen, eine Reise gestalten, es soll doch um den Moment und die Stimmung gehen. Wenn die ganze Zeit jemand um dich rumwuselt und filmt, wie soll man sich da auf die Musik einlassen und konzentrieren können. Es gibt Leute, die können das. Mich irritiert es noch immer. Uns geht es dabei gar nicht um den Respekt gegenüber dem DJ. Es geht um den Respekt gegenüber der Atmosphäre.“

„Die Mechanismen sind andere geworden. Es geht nicht mehr nur um Musik“, meint Virginia, die das Popgeschäft seit ihrer Kindheit kennt, „man muss als Musiker Social-Media- und Marketing-Profi sein. Das geht ja schon bei den Polls los, wenn DJs um Stimmen betteln und über Facebook ausrufen: Vote for me!“ „Ich finde das schlimm!“, ergänzt Steffi, „Das hat mit Musik doch nichts mehr zu tun. Da sollen die Leute doch in die Politik gehen. Ich äußere mich gerne mal kritisch und sag das in Interviews auch geradeaus. Oft heißt es dann nur: Die frustrierte Alte hat doch nur wieder was zu meckern. Aber weißt du, warum so wenig bekannte DJs kritisch sind? Die schauen am Monatsende auf ihr Bankkonto und fragen sich natürlich, worüber die sich beschweren sollen. Wenn ich 20.000 Euro für zwei Stunden Auftritt bei einem Festival bekomme, poste ich danach doch nicht über Facebook: Wir müssen mal über Techno reden, die Szene hat sich eindeutig zum Negativen verändert. Als Künstler sollte man über die Musik kommunizieren. Aber heute geht es oft nur darum, dass man sich nackt in die Badewanne legt, Privatjet-Selfies mit anderen Star-DJs macht, sich gegenseitig verlinkt, um noch mehr Follower und Fans zu generieren. Das ist doch alles fake.“

Es ist wirklich herrlich, wie aufbrausend und witzig sich beide über die aktuellen Umstände und Herausforderungen beim DJing und Musikmachen echauffieren können. Dabei fühlt man keineswegs frustrierten Kulturpessimismus. Vielmehr meint man, zwei liebevollen Müttern mit großem Herzen zuzuhören, die mitbekommen, wie ihr geliebtes Kind eine schiefe, katastrophenversprechende Drogenkarriere auf Crystal Meth einschlägt – wäre es doch nur Gras gewesen. Virginia und Steffi gehen demütig mit ihrem Privileg als Künstlerin und ihrer Rolle im Komplex Ostgut Ton/Panorama Bar um. Sie haben sich ihre Expertise als Resident über Jahre mühsam erarbeitet und wissen, wie hart und verantwortungsvoll die Arbeit sein kann, wenn man seine Passion als DJ und Producer ernst nehmen will. Das ist das, was sie während des Gesprächs immer wieder beteuern: Leidenschaft, Kreativität, Fokus, Arbeit und immer Qualität liefern. So und nicht anders kann es funktionieren, vor allem wenn man schon so lange dabei ist. Künstlerische Werte, die hoffentlich in Zukunft auch dann noch Bestand haben werden, wenn irgendwann Cyborgs und Drohnen den Headline-Slot beim Burning Man übernehmen sollten. Aber ehrlich: Soll doch kommen was will, so lange aufrichtige Menschen wie Steffi und Virginia weiterhin aufrichtige Musik machen. Alles wird gut.


Stream: Virginia – Fierce For The Night (Snippets)