Zuerst erschienen in Groove 168 (September/Oktober 2017).

Liegt SoundCloud schon auf dem digitalen Friedhof? Das ist keine makabere Frage. Nicht mal schwarzer Humor. Und selbst wenn, die Zukunft der Berliner Plattform sieht eindeutig noch schwärzer aus. SoundCloud kämpft ums Überleben, immer noch. Und nachdem im Juli die Nachricht über die Entlassung von beinahe der Hälfte aller Mitarbeiter durchsickerte, reagierte das Netz – von diversen Backup-Empfehlungen bis zum Reddit-User, der wohl den gesamten öffentlichen Musikkatalog gerippt hat, angeblich schlappe 900 Terabyte. Anstelle panischer Reaktionen könnte man ja mal ungeniert fragen, ob das Ende von SoundCloud denn wirklich so schrecklich wäre.

Zweifelsfrei hat der Dienst mit der kostenlosen Möglichkeit, sich als Künstler selbst zu promoten und mit Gleichgesinnten zu vernetzen, die Industrie verändert – Stichwort: data democratization. Doch je schneller das Berliner Start-up wuchs, desto anspruchsvoller wurde der Balanceakt zwischen dem Aufrechterhalten seines coolen Underground-Images einerseits und der Notwendigkeit einer finanziellen Zukunftsstrategie andererseits. Eine der größten Verfehlungen war es aber, sich gegen einen Teil der eigenen Community zu stellen.

Siehe auch „Streaming Overload. Die Suche nach der eigenen Nische“

Denn sowohl das Hickhack mit den Major-Labels als auch das Urheberrechtsfiasko verärgerte ausgerechnet die plattformimmanente Basis: unabhängige Artists. Zudem konnten die kolportierten 175 Millionen Nutzer im Monat bis heute nicht in Profit verwandelt werden. Fairerweise muss man zugeben, dass das ein systematisches Problem zu sein scheint, denn eigentlich alle reinen Streaming-Plattformen (Pandora, Spotify, Tidal) schreiben rote Zahlen. Ein weiterer Fehler: Trantütigkeit. Denn obwohl der Onlinedienst seit jeher in einer (finanziellen) Dauerkrise war, zögerte das Unternehmen zu lange, seine Musikangebote zu monetarisieren. Drei Jahre zogen ins Land, ehe im vergangenen Jahr ein Abo-Modell à la Spotify eingeführt wurde, das ja bei der Konkurrenz schon nicht den erhofften Befreiungsschlag bewirkte.

Viele Zeichen deuten darauf hin, dass SoundCloud gerade seinen MySpace-Moment erlebt – als Plattform beliebt und dennoch dem Untergang geweiht. Sollte es zum mithin selbst verschuldeten Tod kommen, wäre das hinterlassene Vakuum aber größer als vor zehn Jahren. Gerade die weltweite Podcast-Community sollte angesichts neuer Begriffe wie dem Post-SoundCloud-Zeitalter schleunigst umdenken. Alternativen gibt es bereits. Und wer weiß, vielleicht ist das Ende von SoundCloud unumgänglich, ja sogar notwendig als evolutionäre Brücke für einen neuen digitalen Wendepunkt im Streaming-Bereich.