Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit einem Kopfhörer-Mix von Boris, Einblicken in Helena Hauffs Plattensammlung, aktuelle Favoriten von Kejeblos, Objekts definitiv rewindbarem Freerotation-Set und avancierter Instrumentenkunde von Takeshi Nishimoto. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

1. Boris – Uncover #54 / Smoke Machine

Wer den Berliner DJ Boris kennt, weiß um seinen umfassenden Musikgeschmack. Trotzdem ist dieser Mix für die taiwanesische Techno-Marke Smoke Machine eine Überraschung. Es gibt nämlich weder die Sorte Techno zu hören, für die er seit Jahren als Resident-DJ im Berghain steht, noch sind darauf House oder gar Disco zu finden, Genres, die er bis auf ganz spezielle Gigs im Jahr nicht mehr anpackt. Uncover #54 ist ein 77-minütiger Ambient-Mix geworden. Wobei man Ambient hier nicht als neutrale Klangtapete verstehen darf, dafür sind die Tracks zu ernst und kommunikativ.

Boris mixt die ruhigen und abstrakten (und wohl ansonsten nie gespielten) Ambient-Tracks von Techno-Maxis und Alben von Acts wie Amotik, Dax J, Robert Hood, Relaxer oder Kastil dermaßen wohlüberlegt ineinander, dass man den Mix hört wie das zusammenhängende Album eines einzelnen Künstlers. Dabei werden unterschiedliche, tendenziell gedämpfte und nachdenkliche Stimmungen abgedeckt, oft wirkt es als ob man Zeuge eines musikalischen Selbstfindungsprozesses wäre. Dass er nach über eine Stunde noch ein brachiales Beatgewitter auf den Hörer loslässt, entlässt den Hörer im besten Sinne überrascht. Perfekter Kopfhörer-Mix. (Thilo Schneider)

2. Helena Hauff – BBC Radio 1’s Residency

Im Januar debütierte Helena Hauff mit der ersten Episode ihrer Residency auf BBC Radio 1. Die Gelegenheit an sich spiegelt nicht nur ihren rasanten Aufstieg wider, die Hamburgerin ist auch eine ziemlich geniale Wahl für das Sendeformat. Zwar funktionieren die Shows nicht als klassische, durchlaufende Mixe. Dafür erhalten sie einen zusätzlichen Charme durch Hauffs kurze Anmoderationen und Anekdoten: Wie etwa, dass der Track „Piezo“, der ihre Sendung vom 14. Juli einleitet, eines ihrer Lieblingsstücke von Autechre ist – wen wundert’s bei dieser Mischung aus Synth-Stab-Feuerwerk und melancholischen Pads, die beinahe exemplarisch für die emotionale Dichte des Duos steht.

Von Electro aus Miami (AS1) über experimentellen Noise-meets-Wave-EBM (Denial of Service) und rohen, unterkühlten Detroit Techno (Ross 154) bis hin zu Drexciyas letztem (inoffiziellen) „Storm“ als Lab Rat XL – wie in all ihren Sendungen gewährt Helena Hauff mit neuen, alten und durchweg zeitlosen Stücken einen famosen Einblick in ihre Plattensammlung. „Ich würde jetzt nicht von mir sagen, dass ich komisches Zeug auflege, was man nicht einfach verstehen kann. Es ist ja doch eigentlich einfach Rave. […] Und meistens haben Leute da auch echt Bock drauf“, sagte sie noch im Mai im Groove-Interview. Wie recht sie doch hat. (Sebastian Weiß)

3. Kejeblos – T.P#448

Der in Zürich lebende Kejeblos ist Resident des örtlichen Club Zukunft und tagsüber arbeitet er im Plattenladen HUM-Records. Am Zugang zur Musik fehlt es also nicht, allerdings verbringt er jeweils noch zig zusätzliche Stunden in Plattenläden, um nach verschollenen Schätzen zu suchen. Der Mix für Test Pressing ist ein Mixtape, wie man es sich wünscht. Eine Musikauswahl so persönlich, wie wenn man sie für einen ganz besonderen Menschen zusammenstellen würde.

Mit viel Gefühl, aber ohne Kitsch präsentiert uns Kejeblos seine aktuellen Favoriten. Der DJ und Produzent ist ebenfalls für das Label Phantom Island verantwortlich, zu dem auch Lexx, Foster und Ron Shiller von Drumpoet Community gehören und man kann diese Truppe zweifelsohne als Avantgarde der Zürcher Musiklandschaft bezeichnen. Mit smoothen Beats aus allen Ecken der World Music nimmt uns Kejeblos auf eine einstündige Weltreise und beweist, dass Trackselection essenzielles DJ-Handwerk ist. (Dominik André)

4. Objekt – Live at Freerotation 2017

Liaisons Ds „He Chilled Out“ ist einer der ersten Trance-Platten überhaupt und mit seinen tragenden Flächen und prägnanten Vocals („On the seventh day God chilled out“) auch 2017 noch ein hervorragender Einstieg in ein DJ-Set. Für TJ Hertz alias Objekt ist diese Opener-Wahl jedoch überraschend – zumindest für diejenigen, die den in Berlin lebenden Briten eher als detailversessenen Produzent und Sounddesigner oder ernsthaften Techno-DJ kennen.

Objekts aktueller, anderthalbstündiger Mix ist eine Aufnahme vom Freerotation Festival in Wales. Er spielte eines der letzten Sets in der Sonntagnacht und den Spaß, den er und auch das Publikum dabei gehabt haben dürften, lässt sich hier gut nachvollziehen. Techno-Tracks von Function, EQD oder Neil LandstrummJlins loser Footwork-Track „Hatshepsut“ etwa, auf den die minimalen Bleeps eines Atom TM-Tracks folgen. Oder Jason Nevins Nerv-Remix von Run DMCs „It’s Like That“ der in diesem Kontext in anderem Licht erstrahlt und bei dem man sich vorstellt, dass die kurzen Audio-Aussetzer vom tobenden Publikum verursacht wurden.

Ein Highlight dieses Mixes stammt von Objekt selbst: „Theme Q“ aus seiner aktuellen Objekt #4-EP. So leichtfüßig wie Hertz hier seine Melodien und Breaks über einen 2-Step-Beat legt, kam er bisher noch nicht daher. Der Mix endet so überraschend und gleichzeitig gänzlich anders, als er anfing: mit den dissonanten Klängen des Zeitkratzer Ensembles, die sich unter den Sleeparchive-Remix von Rhythm & Sounds „Dem Never Know“ schieben. Rewind! (Heiko Hoffmann)

5. Takeshi Nishimoto – Filter Tapes 025: Letter From An Old Friend

Clicks, Cuts, reichhaltige Melodien, Downbeat und Jazz-Swing: Typisch japanisch eigentlich, dieser Mix-Beitrag von Takeshi Nishimoto für den Podcast des Online-Magazins Das Filter. Aber das sind nur die ersten Minuten – danach nämlich wandert das Blue Fields-Mitglied, das Techno-Heads vor allem durch seine Zusammenarbeit mit John Tejada bekannt sein dürfte, in Gitarrenklänge aller Art und aus allen Zeitaltern aufgenommener Musik ab.

Flamenco, bluesig angehauchter Jazz, psychedelische Irrgärten von Sounds und meditative Ragas, hier ist alles dabei, was sich mit (un-)konventionellen Saiteninstrumenten so alles anstellen lässt. Ein ungewöhnlicher Mix allemal, mit gut zwei Stunden Laufzeit aber auch eine tolle Geschichtsstunde in Sachen Instrumentenkunde. Jetzt nur bitte keinen Schunkelbeat bei 120bpm und Pathosvocals drunterlegen. (Kristoffer Cornils)