Foto: Camille Blake (Fatima Al Qadiri)

Zuerst erschienen in Groove 160 (Mai/Juni 2016).

Fatima Al Qadiris physische Plattensammlung ist von einem Lagerraum in New Jersey bis nach Kuwait, wo sie aufwuchs, über die halbe Welt verstreut. Bei ihrem nomadischen Lebensstil ist die im Senegal geborene Künstlerin, die seit Kurzem in Berlin lebt, froh über das ortsunabhängige Format der MP3. Ihre Musik spiegelt diese außergewöhnliche transnationale Erfahrungswelt wider. Spielte ihr 2014 erschienenes Debütalbum Asiatisch mit der oft verzerrten Wahrnehmung des asiatischen Kontinents durch den Westen, behandelt ihr neues Album Brute Themen wie Autorität, Polizeigewalt und weltweiten Protest, besonders im Hinblick auf die USA, wo sie ihr Studium absolvierte und mehrere Jahre lebte.

6. Geinoh Yamashirogumi ‎– Symphonic Suite Akira (JVC Musical Industries, 1988)

Das ist der O.S.T. zu einem der wichtigsten japanischen Animefilme. Am musikalischen Prozess waren über 100 Menschen aus diversen Ländern beteiligt. Sie verbinden östliche mit westlicher Musik und kreieren so eine Art „Non-Musik“. Was für ein ambitioniertes Projekt – und das alles „nur“ für einen Score! Ich habe Akira 1992 das erste Mal gesehen, ein Jahr nach der Befreiung Kuwaits. Es geht um Teenager, die eine Apokalypse erleben, eine persönliche und die einer Stadt. Das hat mich Kind sehr berührt. Für mich eines der größten Kunstwerke.

5. Yellow Magic Orchestra – Yellow Magic Orchestra (Alfa, 1979)

2003 fuhr ich mit einem Freund im Auto durch New York, wir hörten diese Platte und drehten voll auf. Yellow Magic Orchestra ist so visionär! Der Sound enthält alles, was ich an Musik liebe: Folk, Videospiele, elektronische Elemente, japanische Musik. Ich bin ein totaler Japan-Nerd! Da meine Videospiele meist nur japanische Bootlegs waren, brachte ich mir als Kind sogar selbst bei, Japanisch zu lesen. Die Platte ist so humorvoll, ich meine, „Yellow“ Magic Orchestra? Und das Cover: eine Geisha, der Kabel aus dem Kopf sprießen – zum Totlachen!

4. Dariush Dolat Shahi – Electronic Music, Tar und Sehtar (Folkways Records, 1985)

Ein iranischer Freund schenkte mir die Platte Mitte der 2000er und ich liebe sie. Die Familie meiner Mutter kommt aus dem Iran, daher habe ich zu Hause schon immer iranische Musik gehört. Die Instrumente Tar und Sehtar, das Wasser, die Vögel, die Verwendung von Rhythmus und Sound ist so einzigartig. Die Verbindung von traditioneller Musik mit elektronischen Elementen zu einem organischen Sound funktioniert selten so gut wie hier. Ob meiner Mutter die Musik auch gefallen würde? Es wäre interessant, ihr die Platten zu zeigen.

3. Ziad Rahbani – Bil Afrah (Voix De L’Orient, 1995)

Rahbani ist der Sohn von Fairuz, der berühmtesten libanesischen Sängerin. „Bis Afrah“ ist arabische klassische Musik und heißt so viel wie „Auf einer Party“. Die perfekte Hintergrundmusik – ich mache sie oft an, wenn mich Freunde besuchen. Das Cover erinnert an Fernsehbänder aus den Fünfzigern. Alle tragen Tarbusch, die traditionelle ägyptische Kopfbedeckung. Die Musik ist panarabisch und wird in der ganzen arabischen Welt verstanden. Die Platte ist sehr bekannt unter Musiknerds, pardon, ich meine: unter Musikaficionados.

2. The Chorus of the Cathedral of St. Gall / The Monks of the Benedictine Monastery of Einsiedeln – Salve Regina: Musique Et Chants À L’Abbaye D’Einsiedeln Et À La Cathédrale De Saint Gall (Editions Jade, 1997)

Enigmas Album MCMXC a.D. war mein erster Kontakt mit gregorianischem Choral. Als uns mein Cousin nach dem Ende des Krieges von Kuwait nach Bahrain fuhr, hörten wir diese Musik, als wir an den brennenden Ölfeldern vorbeifuhren. In Kuwait stieg ich dann immer auf unser Hausdach, hörte diese Chormusik, las Cicero und träumte mich ins alte Rom. Alles war zensiert, sodass die Geschichten meine Art von Pornografie waren. Und ab und zu sang der Muezzin von der Moschee nebenan in meinen gregorianischen Choral hinein. Religiöser Soundclash!

1. Wiley – Treddin‘ On Thin Ice (XL Recordings, 2004)

Wiley ist für mich der wichtigste Grimeproduzent. Als ich ihn zum ersten Mal hörte, war das für mich der aufregendste Musikmoment meines Lebens. Ich bin völlig ausgerastet! Ich saß in Kuwait und dachte: „Wie habt ihr das gemacht, was zur Hölle ist das? Weiß jemand außer mir, dass es solche Musik gibt?“ Meine Ohren haben geglüht! Der Track „What D’You Call It“ fasst dieses Gefühl gut zusammen. Wiley sagt „It’s Not Grime It’s Mine“. Auf einer Grimeparty war ich aber erst viel später, wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte! Das hab ich leider verpasst.