Das Jahr 2017 bekleckert sich weltpolitisch nicht unbedingt mit Ruhm, immerhin aber die Musik ist gut. Gar nicht so leicht, da die Übersicht zu bewahren. Die Groove-Redaktion versucht es zumindest und wählt die zehn Platten aus, die ihr in diesem und im nächsten Halbjahr keinesfalls verpassen solltet. Und obwohl wir uns schon so früh auf zehn Jahresendanwärter festlegen, so bleiben wir doch fair: Alle LPs erscheinen in alphabetischer Reihenfolge.

1. Actress – AZD (Ninja Tune)

Eigentlich hatte Darren Cunningham vor drei Jahren sein Projekt Actress für beendet erklärt. Offensichtlich hat er es sich anders überlegt – und zum Glück: Das im Frühjahr erschienene fünfte Album AZD des Londoner Musikers klingt gewohnt spröde, ideenreich und hektisch, gibt sich aber deutlich zugänglicher und club-orientierter als seine Vorgänger und verweist mit seinen Melodien mitunter sogar auf klassischen Detroit-Techno, wie etwa auf dem Track „X22RME“ zu hören. (Heiko Hoffmann)


Video: Actress – X22RME

2. Clams Casino – Instrumental Mixtape 4 (Not On Label)

Zum Release seines ersten Instrumentals-Mixtape im Jahre 2011 wurde der US-Produzent Mike Volpe alias Clams Casino bereits als der neue DJ Shadow gepriesen, klang sein sampledichter Sound doch wie die Bedroom-Liaison von J Dilla und Aphex Twin. Ein paar Kollaborationen mit dem HipHop-Underground und ein poporientiertes Debütalbum (32 Levels) später schenkt uns der gelernte Physiotherapeut Teil vier der Serie, die viele bereits veröffentlichte Beats versammelt, darunter auch das melodramatische „Time“ von der #savefabric-Compilation. Wenn auch nicht alles originär klingt, so unterstreicht Instrumental Mixtape 4 einmal mehr, dass in Sachen Lo-Fi-Beats und sphärischem Leftfield auch 2017 kein Weg an Clams Casino vorbeiführt. (Sebastian Weiß)

Clams Casino – Instrumentals 4

Stream: Clams Casino – Instrumental Mixtape 4

3. DJ Sports – Modern Species (Firecracker)


DJ Sports heißt eigentlich Milán Zaks. Der junge dänische Produzent ist Teil des Kollektivs Regelbau in seiner Heimatstadt Aarhus und mit Modern Species hat er erst kürzlich sein Debüt-Album veröffentlicht. Die Platte verbindet Techno, Breakbeats und Downbeats mit verträumten Melodien, eine Mischung wie sie mitunter auch auf Warps mittlerweile 25 Jahre alte Artificial Intelligence-Serie hätte passen können. „Natürlich ist der Einfluss von klassischen Ambient-Platten, Drum’n’Bass oder frühen UK-Techno-Acts (…) stets präsent, doch bei DJ Sports klingt das immer nach jugendlichem Enthusiasmus“, schreibt Holger Klein in der aktuellen Groove. Eine Begeisterungsfähigkeit, die ansteckt. (Heiko Hoffmann)


Stream: DJ Sports – Modern Species

4. GAS – Narkopop (Kompakt)


Welcher Produzent elektronischer Musik kann es sich schon erlauben, nach 17 Jahren Pause ein neues Album eines weitestgehend abgeschlossen gedachten Projekts zu veröffentlichen und damit eigentlich nahtlos an den Glanz seiner Vorgänger anzuknüpfen? Klare Sache, Wolfgang Voigt kann es. Der Kölner Kompakt-Betreiber führt einen auch auf Narkopop wieder bilderreich in die Tiefen des deutschen Waldes, wo es zwar etwas lichter zugeht als noch auf den Vorgängerwerken, er aber in Sachen Mystizismus und Hypnotik wieder ganz weit draußen ist. Die Art wie Voigt mit Klassik-Samples und tief pochender Bassdrum eine außerweltliche und schwermütig-romantische Welt erschafft, bleibt beispiellos. GAS setzt auch 2017 wieder Maßstäbe. (Thilo Schneider)


Stream: GAS – Narkopop

5. Jlin – Black Origami (Planet Mu)

Footwork war gestern, heute lässt die Produzentin Jlin ihrem bereits 2015 auf dem Debütalbum Dark Energy vorformulierten Sound schwarzes Origami folgen. Was Jerrilyn Pattons Produktionen so meisterhaft und zugleich unkonventionell macht, ist die Reibung zwischen ihrem extrem reduzierten Sounddesign und ihren komplexen rhythmischen Arrangements. Black Origami klingt wie Musik, die vollkommen aus sich selbst heraus entstanden ist und sich mit jedem Durchlauf ein Stück weiter entfaltet. Dagegen sieht nicht nur herkömmlicher Footwork alt aus, sondern auch alles andere. (Kristoffer Cornils)


Stream: Jlin – Black Origami

6. Lady Blacktronika – Lonely Space Program (Skylax)

In Akua Grants Produktionen schwang schon immer viel Geschichte mit, selten aber klang ihr Sound ausdifferenzierter als auf A Lonely Space Program für das französische Label Skylax. Anders als auf den vielen Lady Blacktronika-EPs der letzten Jahre nimmt sich Grant Zeit für Umwege und große Erzählbögen, die mit gewieftem Sampling die halbe schwarze Musikgeschichte der vergangenen Jahrzehnte aufruft und dabei jungen House-Boys mit Lo-Fi-Leidenschaft zeigt, was eine Harke ist. Eine facettenreich präsentierte Geschichtsstunde und ein klares Statement zugleich – kurzum, eine der besten House-LPs der letzten paar Jahre. (Kristoffer Cornils)


Stream: Lady Blacktronika – Who Doctor

7. Mondkopf – They Fall But You Don’t (In Paradisum)

Nachdem am Abend des 13. November 2015 die französische Hauptstadt von kaltblütigen Attentätern heimgesucht wurde, setzt sich der Produzent Paul Régimbeau an seine modulieren Synthesizer und beginnt die Arbeit an seinem neuen Album They Fall But You Don’t. Waren seine früheren Mondkopf-Produktionen noch mit Postrock- und Black-Metal-Verweisen versehen, ist seine neue LP die Fortführung seines morbiden Sound, der seine Passion für Drone-Eskapaden à la Sunn O))) mit den Dark-Ambient-Elegien eines Alessandro Cortini zusammenbringt. Ein melancholisch-narratives Meisterwerk! (Sebastian Weiß)


Stream: Mondkopf – They Fall But You Don’t

8. Aleksi Perälä – The Colundi Sequence Vol. 2 (DUB)

Der Finne Aleksi Perälä ist alles andere als ein gewöhnlicher Produzent. Seine ersten Releases veröffentlichte er vor gut zehn Jahren auf Aphex Twins Rephlex-Label, dann kam lange Zeit nichts, bevor er ab 2014 seine bisher 16 Teile umfassende Album-Serie The Colundi Sequence startete, das hauptsächlich auf Bandcamp erschien. Für dieses ausufernde Werk hat er ein eigenes, mikrotonales Tonsystem entwickelt. Clone hat für sein Sublabel DUB bisher zwei Compilations mit Tracks aus der Colundi Sequence-Reihe zusammengestellt, und die zweite ist wirklich großartig geworden. Peräläs Tracks haben eine ganz eigene Klangästhetik, die aus kristallklaren Sinusklängen eine so vertraute wie fremde Welt kreieren – ob mit rhythmischer Taktung oder ohne. Noch dazu ist diese Compilation schlüssiger aufgebaut wie so manch auf Format produziertes Album. (Thilo Schneider)


Stream: Aleksi Perälä – UK74R1514160

9. Red Rack’em – Self Portrait (Bergerac)


Nicht mit dem „Wonky Bassline Disco Banger“ anzufangen, ist an dieser Stelle unmöglich. Damit hatte der in Berlin lebende Schotte Red Rack’em einen der Hits des vorangegangenen Jahres produziert. Das hat dann aber etwas zu unrecht sein Album in den Schatten gestellt. Die 10 Stücke entstammen alle dem selben Schema mit vielen Samples, groovenden Basslines und abgehackten Rhythmen. Mit Self Portrait bekommen wir ein Album serviert, zu dem man genau so gut tanzen, wie einfach nur zuhören kann und das sich eigentlich für den Sommer gut eigenen würde. (Dominik André)


Stream: Red Rack’em – Self-Portrait

10. Vermont – II


Das zweite Vermont Album nennt sich schlicht II. Es als das zu bezeichnen, was Danilo Plessow und Marcus Worgull auf ihrer zweiten Veröffentlichung produzierten, wäre jedoch falsch. “Es führt weiter, was sie mit ihrem 2014 erschienen Erstling begonnen haben.” – stimmt nur zum Teil. II wirkt harmonischer und in sich geschlossener, dafür etwas weniger verspielt und experimentierfreudig wie der Vorgänger Vermont. In jedem Fall ist II eines der bisher hervorragendsten Ambient Alben dieses Jahres. (Dominik André)


Stream: Vermont – II