Nicht wenige der Sounds um die es hier geht lassen sich direkt oder indirekt als zeitgenössisches Erbe der Psychedelic Music der sechziger Jahre auffassen. Also Klänge und Tracks, die den Effekt bewusstseinsverändernder Drogen wie LSD, Psilocybin oder Mescalin entweder nachzuahmen versuchen, ihre Wirkung unterstützen, oder in eine angemessene trip-freundliche Umgebung einbetten. Was damals noch hauptsächlich als Sub-Subkultur von Rock und Funk passierte ist heute allgegenwärtig. Die Dehnung und Kontraktion von Raum und Zeit, die Aufhebung der konventionellen Selbstwahrnehmung in einer pulsierenden multimedialen Ganzheit sind nicht nur für moderne Clubmusik fundamental. Rhythmus und einfache Wiederholung sind hier die wichtigsten Werkzeuge um dissoziative Erfahrungen zu provozieren.

Es gibt aber noch viele andere Wege in die Ichvergessenheit, etwa Überforderung und Komplexität, Lautstärke, Dichte und Masse im Zusammenspiel mit der Konfrontation verschiedener nicht trivial zusammen passender Elemente (im neuen Mediendeutsch „Disruption“). Zu dieser Art der klanglichen Psychedelik gehören Industrial und viele seiner Ableger wie Dark Ambient, Noise und Power Electronics, ebenso aber auch die Stotterbeats und Fehlermusiken wie IDM und Glitch der Neunziger und Nullerjahre, oder noch aktueller, der hybride und hyperkomplex-dezentrierte Sound von Footwork, Future-R&B, Post-Dubstep und anderen “Post-Everything“ Genres.

Beginnen möchte ich die Kolumne daher auch mit einer Künstlerin die mit Bewusstseinserweiterung und ähnlichem Hippiekram denkbar wenig zu tun hat, nämlich Gudrun Gut. Sie hat vergangenen Sommer zum zwanzigjährigen bestehen ihres Labels Monika, auf ihrem zusammen mit Thomas Fehlmann betriebenen Landgut/Studio in der Uckermark eine Mischung aus offenem Kreativ-Workshop und Jamsession veranstaltet. Mit AGF, Barbara Morgenstern, Beate Bartel, Danielle de Picciotto, Islaja, Lucrecia Dalt, Pilocka Krach und Sonae versammelte sie Künstlerinnen aus verschiedensten elektronischen Kontexten, von Ambient bis Electro-Pop. Aus dieser heterogenen wie bunten, nicht nachbarschaftlichen, aber freundschaftlichen Mischung entstanden zahlreiche unerwartete Hybride und erhoffte Synergien.

Das Doppelalbum Monika Werkstatt (Monika) gibt die Bandbreite dessen wieder was elektronische Musikproduktion gerade kann, von abstrakt-experimentell über bizarre Lyrik-Experimente zu modernen Beat-Schraubereien in Dubstep, Trip Hop, Abstract Hip Hop und Footwork. Sogar ein Spoken Word Techno-Track ist dabei. Die verschiedenen Zweier-, Dreier- und Bandkonstellationen folgen dabei einer zeitgemäße Definition von Hybridität die dennoch nicht unwesentlich vom psychedelischen Wissen zehrt. Fast zeitgleich hat die wohl am stärksten Clubmusik-affine Werkstattkünstlerin Pilocka Krach mit Sugar Cane & The Lost Amigos (Greatest Hits International) ihr zweites Album herausgebracht und es ist etwas stärker auf Pop und Electro fokussiert was die abstrakteren und formloseren Tracks der Monika Werkstatt perfekt ergänzt.


Stream: Lucrecia Dalt + Werkstatt – Blindholes


Das Moon Duo von Sanae Yamada und Ripley Johnson pflegt dagegen die Psychedelik in ihrer allerklassischsten Form, von monoton sturem fuzzy Space-Rock ohne Anfang, ohne Ende, ohne Bass und mit dem Charme des schon ewig zusammen lebenden Hippie-Altrocker-Ehepaars. Ihre kurz nacheinander erschienenen Alben Occult Architecture Vol. 1 und Occult Architecture Vol. 2 (Sacred Bones) decken ab was traditioneller und nur sacht elektronisch modernisierter Rock heute so kann. Vom tendenziell düster-dystopischen, von Feedback durchzogenen ersten Teil zum eher sanften Shoegaze-beeinflussten zweiten. Nicht ganz so wohlmeinende Stimmen haben dem Moon Duo auch schon mal nachgesagt nur einen einzigen Song zu haben den sie immer wieder und wieder spielen. Das ist aber Quatsch, denn gleichartig transzendierte Langweile ist ja gerade die Essenz von Psychedelic Rock. Und selbst wenn nicht, dann ist dieser eine Moon Duo-Song immer noch mächtig geiler als fast alle anderen da draußen.


Video: Moon Duo – Lost in Light