Foto: Marco Dos Santos (Sascha Funke)

Wenn der Name Sascha Funke fällt, denken die meisten vermutlich zuerst an „Mango“. Das Stück, der einzige nicht von Paul Kalkbrenner produzierte Track auf dem Soundtrack zum Film Berlin Calling, bedeutete für den damaligen Bpitch Control-Künstler den endgültigen internationalen Durchbruch. Seitdem aber konzentrierte sich der Berliner vermehrt auf das von ihm gemeinsam mit Julienne Dessagne begründete Projekt Saschienne und meldet sich 2017 mit dem Album Lotos Land auf Endless Flight zurück, das anders klingt als seine vorige Produktionen. So bietet auch Sascha Funkes Beitrag zu unserem Groove-Podcast einige Überraschungen. DJs können und müssen aber heutzutage, so Funke, mehr riskieren. Hier ist der Beweis, dass er es tut.

 


 

Dein neues Album Lotos Land ist deine erste Solo-LP nach neun Jahren, zwischenzeitlich warst du vor allem als eine Hälfte von Saschienne aktiv. Was hat sich in den vergangenen Jahren für dich als Solo-Künstler verändert?
In erster Linie hat sich meine Arbeitsweise verändert. Ich habe früher ausschließlich mit Samples produziert. Seit Beginn von Saschienne haben Julienne und ich begonnen diverse Synths und Musikinstrumenten zu kaufen. Mit all diesen neuen Soundquellen macht es mir heutzutage mehr Spaß zu musizieren als früher. Des Weiteren haben sich über die Jahre sehr viele Ideen für mein Album angesammelt und ich habe innerhalb von nur einem Monat alle Skizzen für Lotos Land angefertigt. Es sprudelte nur so aus mir heraus.

Schon auf deinen ersten beiden Alben wie auch bei Saschienne hast du gerne mit anderen KünstlerInnen zusammengearbeitet. So auch auf dieser Platte. Was reizt dich am kollaborativen Prozess und wie verlief die Arbeit mit den einzelnen Artists auf Lotos Land?
Ich denke man muss hier differenzieren. Für Saschienne arbeiten Julienne und ich als eigenständige Künstler und sind am gesamten Arbeitsprozess zu gleichen Teilen beteiligt. Bei meinen Soloalben bin ich zu hundert Prozent für die Musik verantwortlich. Die Kollaborationen sind schlicht und einfach darauf zurückzuführen, dass ich kein wirklich begnadeter Sänger bin. The Junto Club zählt seit den ersten Releases auf Optimo Music zu meinen absoluten Lieblingskünstlern. Der Sänger der Band David Wilson hat mit Unterstützung von Emily Evans auf dem Stück „Comala“ gesungen. Der Track war eigentlich schon fertig produziert aber ich hatte den Eindruck, dass noch irgendetwas fehlt. Die beiden haben mir dann die Vocalparts geschickt und ich war beeindruckt wie genau sie die Stimmung des Stücks aufgegriffen haben. Der Name Comala stammt übrigens von einem Buch namens Pedro Paramo von Juan Ralfo. Es ist die Stadt in der der Roman spielt. David hatte, während er die Lyrics schrieb, dieses Buch gelesen und sich davon inspirieren lassen. Autarkic, der auf „Im Feiern Und Feuer“ singt, habe ich letztes Jahr kennengelernt, als er einen Remix für meine In Relationen-EP auf Multi Culti gemacht hat. Sein Album, welches im Mai auf Disco Halal erschienen ist, gehört für mich zu den besten Veröffentlichungen des Jahres. Für seinen Vocalbeitrag hatte ich „Im Feiern Und Feuer“ ausgewählt. Das Stück ist ein bisschen rougher, darker und langsamer. Es bildete den perfekten Rahmen für seine Stimme. Autarkic, der aus Israel stammt, hat bei diesem Stück zum ersten Mal auf deutsch gesungen und den Titelnamen damit selbst kreiert.

Der Titel des Albums bezieht sich auf das Gedicht „The Lotos-Eaters“ von Alfred Tennyson, ein Schlüsseltext für die psychedelische Bewegung. Wie bist du auf den Text gestoßen und inwiefern hat er dich bei der Arbeit beeinflusst?
Einer meiner Lieblingsautoren ist Christian Kracht. Eines seiner Bücher heißt Imperium und handelt von einem „Aussteiger“ namens August Engelhardt. Zu Beginn des 20. Jahrhundert hatte er die Idee Deutschland zu verlassen, um auf einer kleinen Insel in der Südsee ein neues Leben zu beginnen und sich nur noch von Kokosnüssen zu ernähren. An einer Stelle des Buches zitiert Engelhardt aus dem Gedicht „The Lotos-Eaters“ von Alfred Tennyson. Das Gedicht basiert auf der fiktiven Geschichte von Soldaten, die in Spanien für die britische Krone kämpfen. Sie essen Lotosblumen und begeben sich auf ein psychedelischen Trip. Sie beginnen an ihren Idealen und den Sinn ihres Lebens zu zweifeln. Statt weiter zu kämpfen, beschließen sie von nun an ein Leben voller Frieden im Lotusland zu führen. Ich habe während der Arbeit an meinem Album und beim Musik hören generell das Gefühl, genau so ein Lotusland immer wieder zu besuchen. Man möchte sich der Realität entsagen und bei der angespannten Weltlage zu Ruhe kommen, zu sich finden. Darum geht es mir bei dem Albumkonzept.

Wie dein neues Album wagt sich dein Beitrag zum Groove-Podcast über konventionelle Dance-Tropen hinaus. Was war deine Idee dahinter?
Ich wollte mit meinem Mix die Stimmung und die Vielseitigkeit des Albums unterstreichen. Es sind viele Tracks dabei, die zwar erst nach Fertigstellung meines Albums erschienen sind, aber sie repräsentieren doch genau die verschiedenen Einflüsse die bei der Produktion von Lotos Land eine Rolle gespielt haben.

Ellen Allien lobte dich vor Kurzem in der Groove noch für deine zurückhaltenden Sets, „die Leute so mit den Tönen einlullen, dass sie irgendwann durchdrehen“. Ist es in der immer schnelllebiger werdenden Techno-Szene überhaupt noch möglich, so zu spielen?
Ich finde, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Gerade weil unsere Szene so schnelllebig ist, macht es Spaß Musik aufzulegen. Es gibt viele interessante Labels und Künstler, die ihre Inspirationsquellen aus unterschiedlichen Genres und Epochen beziehen. Die Club-Musik, die ich im Moment als meinen Mittelpunkt bezeichnen würde, lebt von diesen Kontrasten. Das klingt dann aber eben nicht mehr unbedingt wie ein Standard-Techno-House-Set wie vor 10 Jahren. Man kann heutzutage als DJ viel mehr riskieren, ich würde sogar sagen man muss. Nichts ist langweiliger als ein DJ, der über Jahrzehnte die immer gleiche Musik anbietet. Das Publikum ist durch das Internet auch viel aufgeschlossener und toleranter für neue Musik geworden.

Zuletzt hast du in der Groove in der Kategorie DJs empfehlen drei Platten vorgestellt, die dir zu dieser Zeit am Herzen lagen. Wie findest du neue Musik und was muss diese mitbringen, damit sie in deine Plattentasche wandert?
Ich höre viel Musik online, hauptsächlich auf Soundcloud und Bandcamp. Man findet immer wieder kleine und unbekanntere Labels und kann sich davon überraschen lassen. Natürlich gibt es auch befreundete Kollegen, die mich immer wieder mit neuen Stücken versorgen. Die Tracks, die in meine Plattentasche wandern, sollten immer etwas zu sagen haben, eine Haltung haben, ein Statement sein.

Last but not least: Wo können wir dich in nächster Zeit hinter den Decks oder auch live erleben – und was sind deine Pläne als Produzent?
Ich arbeite im Moment an ein paar Remixen für andere Künstler und es werden nach dem Sommer auch Remixe für Lotos Land erscheinen. Des weiteren arbeite ich an einer neuen Single. Für Saschienne arbeiten wir auch an einem neuen Album. Multi Culti starten demnächst eine TV/Radio-Show, bei der befreundete Künstler ihre eigene Sendung hosten. Diese werden im Multi Culti-Headquarter in Berlin-Neukölln inszeniert und live übertragen. Ich werde ab August monatlich meine eigene Show haben und ab und zu Gäste einladen.


Stream: Sascha Funke – Groove Podcast 112

1. Smagghe & Cross – Jazz (Offen Music)
2. Fontän – Sen Sen No Sen (Högar Nord)
3. Bullion – Michy Maus (Bahnsteig 23)
4. C Cat Trance – Rattling Ghosts (Die Orangen Remix) (Emotional Rescue)
5. Cluster – Avanti (Bureau B)
6. Superpitcher – Burkina (Hippie Dance)
7. Tuff City Kids – Wake People (Sascha Funke Remix) (Permanent Vacation)
8. Wild Planet – Electron (Warp)
9. Sascha Funke – Shepherd’s Crook (Endless Flight)
10. Capricorn – 20 Hz (Optimo Edit) (R&S Records)
11. Silver Apples – Oscillations (Geffen Records)
12. Ricardo Villalobos – Dexter (Two Lone Swordsmen Remix) (Playhouse)

Sascha Funke auf Tour
23. Juni 2017 Lotos Land Release Party Dj Set im Chalet in Berlin mit Toshiya Kawasaki
24. Juni 2017 Lotos Land Release Party Dj Set im Gewölbe in Köln mit Toshiya Kawasaki und Denis Stockhausen