Foto: Alexa Vochon (Paula Temple)

Zuerst erschienen in Groove 164 (Januar/Februar 2017).

Für die britische Produzentin Paula Temple lassen sich Politisches und Privates nicht trennen – insbesondere nach den Ereignissen im vergangenen Jahr. Neben ihrem Engagement für das Netzwerk female:pressure verfasste sie 2013 ihr Noise Manifesto, in dem sie sich gegen jede Form der Diskriminierung innerhalb der Musikszene und die machohafte Phallusverlängerung diverser Produzenten durch fetischisierten Hardware-Hype aussprach. Ihre pure Liebe zum Sound spiegelt sich sowohl in ihren monumentalen Sets als auch in ihren noiseverliebten Produktionen wider, die einen ganz eigenen Zugang zur Musik offenbaren – eine Tatsache, die vielleicht auch dem Umstand geschuldet ist, dass sie nicht immer so hören konnte wie andere.

6. Kate Bush – Never For Ever (Harvest, 1980)

Ich wurde mit einem Hörfehler geboren, bis ich fünf war, konnte ich praktisch nichts hören. Nachdem ich eine Operation gehabt hatte, schenkten mir meine Eltern Kopfhörer. Die erste Musik, die ich darauf hörte, war Kate Bush. Mich faszinierte der Klang ihrer Stimme, der Sound, die verschiedenen Elemente ihrer seltsamen Musik. Ich liebe ihr Sounddesign, den Einsatz der Synthesizer und ihr unglaubliches Talent, Geschichten zu erzählen.

5. Jeff Mills – Waveform Transmission Volume 1 (Tresor, 1992)

Wenn mich jemand nach einer Definition von Techno fragen würde, ich würde auf dieses Album zeigen. Es ist roh und ungebändigt in der Erforschung des 909 Acid-Bass-Sounds mit seiner Übersteuerung und Verzerrung. Jeff Mills habe ich mit 16 entdeckt, da arbeitete ich in einem Plattenladen in Nordengland. Jedes Mal wenn jemand im Laden in Richtung meiner Abteilung lief, hab ich dieses Album gespielt – und unter Garantie jedes Mal ein Exemplar verkauft.

4. Autechre – Incunabula (Warp, 1993)

Mit 16 war ich ein Riesenfan der Artificial-Intelligence-Serie auf Warp. Autechres Incunabula und auch ihr zweites Album Amber haben meinen eigenen Musikstil sehr geprägt. Auf beiden Alben kristallisiert sich für mich die Bedeutung der düsteren, melancholischen Melodien heraus, zusammen mit den kalten, metallischen Percussions und den weiten Flächen der TR-606. Der letzte Track „444“ könnte einfach ewig weitergehen – wunderschön!

3. Nicolette – DJ-Kicks (!K7, 1997)

Mit 20 habe ich immer bestimmte Mix-Serien verfolgt, als Inspiration. Für mich stach Nicolettes Mix-Album irgendwie zwischen den anderen in der DJ Kicks-Serie heraus. Ich fand die Auswahl ihrer Tracks so erfrischend in einer Zeit, in der die meisten DJ-Mixe sehr genrespezifisch waren. Genauso wie ihre Songs nimmt dich der Mix mit auf eine poetische Reise durch die entferntesten Winkel der elektronischen Musik dieser Zeit, von Industrial Hardcore zu Drum’n’Bass, Techno, IDM.

2. Burial – Untrue (Hyperdub, 2007)

Um 2008 arbeitete ich als Lehrerin in einer heruntergekommenen Gegend. Mein Leben hatte eine Wendung genommen und Musik zu hören erinnerte mich daran und machte mich traurig. Nur dieses Album von Burial, das mir einer meiner Schüler zeigte, konnte ich einfach nicht aufhören zu hören. Es spiegelt den Konflikt wider, den viele meiner Schüler in sich trugen. Die Atmosphäre englischer Städte, minimale lyrische Phrasen, die mitten in den Schmerz schlagen, und der Kampf ums emotionale Überleben.

1. Abul Mogard – Works (Ecstatic, 2016)

Dieses Album hat 2016 für mich definiert. Ich höre diese intensiven, langen Ambientstücke eigentlich immer am Wochenende, wenn ich an belebten Orten sitze, am Flughafen, im Flugzeug, im Zug. Wenn ich dann so die Welt um mich herum beobachte, verwischt Abul Mogards Musik die Realität und enthüllt eine Serie automatisierter Muster, die zeigt, wie wenig wir eigentlich anwesend sind. Manchmal sind diese postindustriellen Landschaften, die diese Musik zeichnet, zu traurig, um sie zu ertragen.