Foto: Hugo Holger Schneider (Perera Elsewhere)

Zuerst erschienen in Groove 166 (Mai/Juni 2017).

„Interviewt ihr immer nur alte, weiße Typen mit Plattensammlung?“, fragt Sasha Perera alias Perera Elsewhere, als wir sie um ein Foto vor ihren Platten bitten. Was sollen denn jüngere KünstlerInnen machen, ihre USB-Sticks präsentieren? Perera ist Gründungsmitglied der Band Jahcoozi, Sängerin, Produzentin, MC und DJ – und alles andere als Vinyl-Fetischistin. In ihrer Kindheit waren Kassetten eine heiße Währung, um Musik aus dem Radio aufzunehmen. Heute besteht ihre Musiksammlung aus einigen Platten, Unmengen an CDs aus den Neunzigern und digitalen Files. Lachend überlegt sie: „Würde ich nicht so viel Geld für Gear und Weed ausgeben, dann würde ich vielleicht auch mehr Platten kaufen.“

6. Alice Coltrane featuring Pharoah Sanders – Journey In Satchidananda (Impulse!/ABC Records, 1971)

Auf die LP kam ich 2003. Wieder total verrückte Hippie-Musik, Jazz mit viel indischer Musik. Früher hörte mein Vater oft Ravi Shanka – natürlich etwas völlig anderes, als Alice Coltrane mit ihrem Kehlkopfgesang zu entdecken. Ein völlig neuer Kontext! Ich denke, Demografie und Klischees machen uns blind für viele Szenen. Diese Mauer der Ignoranz einzureißen und ständig neue Musik zu entdecken macht mich ziemlich glücklich.

5. Jon Hassell & Brian Eno – Fourth World Vol. 1 – Possible Musics (Editions EG/Polydor, 1980)

Diese Platte hier entdeckte ich vor zwei, drei Jahren, weil jemand meinte, dass sie wie meine erste LP klingt. Und ich dachte: „Oh, Brian Eno, dieser weiße Typ, der Ambient macht“ – eine ganz schön ignorante Haltung. Aber als ich sie mir anhörte, merkte ich: Der spielt und pitcht ja die Trompete genau wie ich. Ich habe diese Platte also ausgesucht, weil sie eine weitere Barriere meiner eigenen Ignoranz überwunden hat.

4. The KLF – Chill Out (KLF Communications, 1990)

Als ich 1999 in Brixton wohnte, entdeckte ich diese trippige Ambientplatte. Sie verwendet Sampling auf die verrückteste Weise – mit Elvis-Songs, Kehlkopfgesang und Zuggeräuschen. Sie zeigte mir wohl, wie Sampling funktioniert. Ich liebe auch den kulturellen Kontext der Platte, was du an der Musik siehst, die ich jetzt mache. Ich sample mit Field Recordings quasi die Gesellschaft – so wie ich es auch an der KLF-Platte mag.

3. UK Apachi + Shy FX – Original Nuttah (Sour, 1994)

Mit zwölf schlich ich mich aus dem Haus und ging mit Freunden zum Notting Hill Carnival Festival. Das war total einflussreich für mich: Karnevalkultur kombiniert mit aktueller Musik wie Happy Hardcore und Jungle und Menschen aller Nationen und Rassen, die gemeinsam raven. Ich hatte das Gefühl, das ist eine verdammte Jugendrevolution, und ich bin Teil davon! UK Apachi war damals der Hit des Sommers.

2. Rhythm & Sound w/ Cornell Campbell – King In My Empire (Burial Mix, 2001)

Diese Platte vereint zwei meiner Welten: Brixton und Berlin. Da ist die Dub- und Reggae-Kultur aus Brixton, wo ich damals noch wohnte, und Techno aus Berlin, wo ich kurz darauf hinzog. Ein Klassiker – und dieses Vocal! Eigentlich liebe ich instrumentale Musik. Ich brauche überhaupt keine Vocals, außer sie sind wirklich speziell. Womöglich bin ich die Sängerin, die am wenigsten Vocalmusik von allen hört?

1. Wiley Kat – Eskimo (Wiley Kat, 2002)

Dieser weirde, synkopierte, grimey Beat! Ich glaube, die Platte kam ungefähr zu der Zeit raus, als ich in Berlin meine Grime-Party veranstaltete. Sie vereint wieder viele Dinge, mit denen ich in London aufgewachsen bin. Da steckt eine ganze Generation an UK-ism drin, der einen irgendwie jamaikanischen, synkopierten Vibe mit elektronischer Musik mixt – was du zum Beispiel auch in Dub, Dancehall, Jungle und Garage findest.