Zuerst erschienen in Groove 163 (November/Dezember 2016).

Mr. G verbindet zu Vinyl eine lange Liebe. Der Engländer arbeitete als Teenager in einem Plattenladen, jedes Wochenende fuhr er mit seinem Taschengeld nach London, um sich Platten zu kaufen. Noch heute pilgert der 55-Jährige wöchentlich aus seiner Kleinstadt zum Einkauf in die Metropole. Seine frühe Leidenschaft für Musik und der konstante Zugriff auf Platten ermöglichten es ihm, eine umfangreiche Sammlung zu erstellen: Mittlerweile besitzt er an die 58.000 Platten. In seiner Sammlung sieht er eine Art unterhaltsamere Bibliothek, mit der er sich in seine Jugend zurückversetzt. Seine Auswahl spiegelt die Vielfalt seines Geschmacks wider und erklärt den Eklektizismus seiner Musik, die von unter schiedlichsten Genres – von Reggae bis Soul, von Busta Rhymes über Amp Fiddler bis hin zu Earth, Wind & Fire – geprägt wurde.

6. Yabby You – Chant Down Babylon Kingdom (Yabby You, 1977)

Das ist ein Song aus meiner Kindheit. Diese Platte berührt mich noch immer auf dieselbe Weise wie damals. Das ist eine der ersten Platten, die ich mir kaufte, ich war vielleicht 16. Zu der Zeit habe ich als Box-Boy bei einem Soundsystem gearbeitet. Wir sind mit einem Lastwagen herumgefahren und haben Anlagen aufgebaut. Ich erinnere mich, wie einer der Älteren die Platte auf einer 7-Inch hörte. Ich musste sie sofort haben. Ich liebe diesen Song, weil er ziemlich militant ist. Der Gesang holt mich einfach ab. Yabby You ist leider ein Name, der im Reggae nicht so oft genannt wird.

5. Thomas Dolby – Hyperactive (EMI/Capitol, 1984)

In den Achtzigern gab es eine Fernsehsendung namens Max Headroom. Im Grunde genommen war das eine avantgardistische Sendung mit Kunstinstallationen und digitaler Bearbeitung. Dort habe ich den Track zum ersten Mal gehört und dachte mir: Das ist einfach ein neues Level, so was habe ich noch nie gehört. Ich könnte den Song nicht mal in ein Genre einordnen. Mir gefällt er aber. Er hat so eine treibende Techno-Energie. Diesem Track hört man klar an, wie prägend er für andere Musiker war. Thomas Dolby war ein Genie. Man hört viel Retrokram, aber Thomas Dolby ist selten dabei.

4. Sukia – Feelin’ Free (Nickelbag, 1993)

Witzigerweise fiel mir dieser Song direkt ein. Er hat diese Cocktail-Jam-Atmosphäre, es ist fast schon Loungemusik. Diese wunderschöne Frauenstimme singt „I’m feeling free“. Und aus dem Nichts kommt ein Buzzer und auf einmal ist da diese raue Männerstimme: „Spank me!“ Es ergibt absolut keinen Sinn. Es hat etwas von einer Ying-und-Yang-Dynamik. Ich finde es perfekt. Ich mochte schon immer das Absurde. Dieses Album und insbesondere dieser Song sind wirklich speziell. Komischerweise habe ich seitdem nichts mehr von Sukia gehört.

3. Busta Rhymes – Put Your Hands Where My Eyes Can See (Flipmode, 1997)

Ich reise jedes Jahr nach Jamaika, um meine Mutter zu besuchen. Und dort hört man ziemlich verrückte Sachen aus den Autos, die nachts aus den Bergen kommen. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, fühlte er sich fast an wie Reggae. Als ich herausfand, dass er von Busta Rhymes ist, konnte ich es kaum glauben. Es erinnert mich an Obeah. Das ist eine Art Voodoo-Kult, der in der Karibik weit verbreitet ist. Der Song hat ein sehr düsteres Motiv. Mit seiner Soulfulness und Dunkelheit wirkt der Track genreprägend. Ich dachte ja eigentlich, ich hätte alles gehört, was HipHop zu bieten hat.

2. Amp Fiddler – Love And War (Genuine, 2003)

Ich war schon immer ein House-Fan. Ich habe eine Leidenschaft für richtig süßen Soul. Ich hörte einen Mix mit meiner Frau und auf einmal kam der Track. Ich dachte mir: „“Was ist das?“ Ich musste sie bitten, den Raum zu verlassen, weil ich den Song für die nächste Stunde in Rotation hörte, und ich wusste, dass sie das verrückt macht. Ich drehte die Hi-Fi-Anlage auf und hörte nur diesen einen Song. Für mich ist es der definitive House/Soul-Track, er hat ein- fach alles: das Keyboard, den Gesang, das Tempo. Aber noch wichtiger ist, dass er eine Botschaft hat: Er ist gegen Krieg. Ich verliere mich einfach darin.

1. Earth, Wind & Fire – Show Me The Way feat. Raphael Saadiq, Illumination (Sanctuary, 2005)

Earth Wind & Fire habe ich Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger bestimmt fünf Mal live gesehen. Damals waren sie auf ihrem Zenit, sie hatten eine tolle Show mit Lasern und riesigen Keyboards. Ich habe aber bewusst einen neueren Song ausgewählt. Die Mischung aus der gesamten EWF-Besetzung und Raphael Saadiq, einem jungen Produzenten und Sänger, war einfach unfassbar passend. Man hört hier immer noch das EWF-Ethos heraus – das große Horn, schöne Harmonien, toller Gesang. Gleichzeitig hört man genau, was Raphael Saadiq gemacht hat, es gibt klare Linien, aber doch eine schöne Fusion.