5. Harmonious Thelonious – Argwohnischer Rhythm (Kontra)


Seit einigen Jahren verfolgt Stefan Schwander (den Älteren unter uns noch mit seinem eleganten Poptechno-Alias Antonelli Electr. vertraut) als Harmonious Thelonious einen ziemlich besonderen Ansatz: radikal eigenwillige Tanzmusik aus einer Kombination von reduzierten, seriellen Strukturen amerikanischer Minimal Music, afrikanischen Ryhthmen und europäischen Sequencing zu kreieren. Nach mehreren Alben auf Italic und Maxis auf seinem eigenen Asafa, erscheint mit Argwohnischer Rhythm die erste EP seit vier Jahren auf Kontra-Musik. Der EP-Name verspricht nicht zu viel: selten klang Schwander so zickig und gleichzeitig tanzbar wie auf diesen drei Tracks. Die Bassdrums sind wuchtig und von Verzerrung aufgepumpt wie ein steroidgetränkter Muskel kurz vor dem Riss, die Percussion wie auf rostigen Metalldosen geschlagen.

4. Pearson Sound – Robin Chasing Butterflies (Pearson Sound)


Die 12“ ist David Kennedys natürliches Revier. Sollte man meinen, nach gut 40 Releases in den vergangenen zehn Jahren, anfangs noch unter seinem Ramadanman-Alias, später dann, als der namentliche Bezug zum Islam erklärungsbedürftiger wurde, hauptsächlich als Pearson Sound. Als Vielproduzent wurde er jedoch nie angesehen, seine Qualitätskontrolle hat also einwandfrei funktioniert. Robin Chasing Butterflies macht da auch keine Ausnahme und zeigt, wie man auf drei Tracks drei komplett unterschiedliche Tempi fahren kann und trotzdem eine schlüssige EP hinbekommt. Der Titeltrack besticht durch ein sweetes, Glocken-ähnliches Synth-Thema, das vom Quirrligkeitsgrad durchaus Vergleiche mit Plaid standhält, dazu ein liebevoll geshuffleter Rhythmus und ein ewig langes Break. „Eels“ ist eine beatlose, verträumte Ambient-Meditation und „Heal Me“ schließlich kommt als Midtempo-Breakbeat-Track mit verwaschenen, warmen Sounds.

3. Vatican Shadow – Rubbish On The Dancefloor (Ostgut Ton)


Dass die Booking Agentur des Berghains den New Yorker Underground-Experimental-Künstler Vatican Shadow unter Vertrag nimmt und er nun mit Rubbish On The Dancefloor auch seine erste EP auf Ostgut Ton veröffentlicht, wäre bis vor kurzem nicht die naheliegendste Idee gewesen. Dabei bereichert der Multimediakünstler und Betreiber des über 500 Veröffentlichungen starken Labels Hospital Productions Ostgut Ton um genau die Facette konzeptstarker Experimentalmusik, wie sie außerhalb der Klubnacht ja schon seit vielen Jahren in der Großraumdiskothek am Wriezener Bahnhof läuft. Das Coverartwork von Rubbish On The Dancefloor ist eine Arbeit aus der Softex-Reihe des Fotografen Christian Vagt, eine Dokumentation über die von Militär und Polizei betriebenen Flüchtlingsunterkunft nahe Athen. Mit „Weapons Inspected“ und dem Titeltrack gibt es auch eher düstere, eindringliche Klänge zu hören – die endlosen Hallräume und grollenden Basslines funktionieren sowohl als künstlerisches Statement wie auch als Clubtool.

2. Marco Shuttle – Systhema (Spazio Disponibile)


Gleich der erste Track des neuen Album von Marco Shuttle, „Adrift“, verführt mit einem in diesem Kontext ungewöhnlicher Flötenmelodie. Erst mit dem zweiten Track „Thebe“ setzt behutsam eine Bassdrum ein, es rumpelt bedächtig die Percussion und eine Melodie setzt ein, die sich über sich selbst zu wundern scheint – ein super Einstieg in Systhema, auf dem der Italiener Marco Shuttle so stark wie nie zuvor zwischen Clubmusik und akademischer elektronischer Musik pendelt. Teils klingen seine Tracks nach dem hypnotischen, abstrakten Techno seiner Landsmänner Donato Dozzy oder Dino Sabatini, teils gibt es Soundscapes ohne großen rhythmischen Bezug. Sehr gute Doppel-12“.

1. Mystic Bill – Tracks From The Vault (Mint Condition)


Natürlich ein super Name für ein Reissue-Label, so naheliegend, dass man sich fragt, warum nicht jemand bereits zuvor darauf gekommen ist. Mint Condition jedenfalls haben innerhalb von 18 Monaten acht Wiederauflagen von bekannten oder übersehenen House- und Techno-Classics herausgebracht, angefangen mit den Pépé Bradock Remixes von Iz & Diz‘ „Mouth“, über die 1990er NYC Tribal Nummer „Can’t Stop“ von Plez, „Classic Herbert“ und nun eine EP von den US amerikanischen DJ und Producer Mystic Bill, die bis vor kurzem noch für 90 Dollar auf Discogs gehandelt wurde. Die Tracks From The Vault-EP (oder Tracks From The Vault Vol. 1, wie sie im Original hießen) erschienen 1997 auf Relief und zählen damit zu den eher späten Platten des Chicagoer Kultlabels, alle vier Tracks sind aber von genau der freakigen Sexyness und dem unwiderstehlichen Groove beseelt, für die der Labelmacher Cajmere / Green Velvet damals ein solch gutes Händchen hatte. Wie man so schön sagt: essentiell.