Fotos: Daniel Mayer (DJ Hell)

Zuerst erschienen in Groove 166 (Mai/Juni 2017).

Vor 25 Jahren erschien Helmut Josef Geiers erste Platte, vor sieben Jahren sein letztes Album. Nun meldet sich DJ Hell mit Zukunftsmusik zurück. Musiker, Schriftsteller, DJ und Ex-Groove-Kolumnist Thomas Meinecke sprach mit ihm über die neue LP und die Bedeutung der schwulen Subkultur für sein Schaffen.

 


 

Mit deinem neuen Album Zukunftsmusik betonst du, was für eine immense Bedeutung die Kulturtechniken aus dem schwulen Underground generell und auch für Heteros wie uns beide haben.
Ja, der Film Cruising war zum Beispiel ein ganz starker Impuls für das Album. Er spielt gegen Ende der Disco-Ära in den späten 70ern mit Al Pacino als Hauptdarsteller und hat mich schon als junger Hetero Boy total fasziniert. Da waren Ledernächte und Police-Nights in illegalen Nachtclubs im New Yorker Meatpacking District zu sehen. Der Soundtrack war aber interessanterweise weniger Disco, sondern mehr rocklastig, unter anderem mit Willy Deville und John Hiatt. Da gab es eine Nummer, die hieß „Spy Boy“ und die hat mich total fasziniert. Ich war zum einen fasziniert von der Musik, von der Art der Kommunikation zwischen den Männern und zum anderen natürlich von der Performance von Al Pacino. Dieser Film ist nicht nur mein Lieblingsfilm, sondern hat mich bis heute am meisten beeinflusst in meiner Kunst, in meinem Arbeiten, in meiner musikalischen Ausdrucksweise. Und das habe ich jetzt zum ersten Mal auf diesem Album versucht, auszuarbeiten. Ich denke auch schon im Studio und vor der Albumproduktion darüber nach, wie das Ganze visuell aussieht, vom Video bis zur Covergestaltung. Hier kam mir der Gedanke an die Kunst von Tom of Finland [ein finnischer Zeichner, der für seine homoerotischen Illustrationen bekannt wurde und 1991 starb; Anm. d. Red.] und ich bin nach L. A. gefahren und habe die Tom of Finland Foundation gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, eine Kooperation mit mir einzugehen. Das hat sofort funktioniert, wir haben Verträge unterschrieben und ich habe die Rechte an allen Tom-of-
Finland-Bildern lizenziert.


Video: DJ Hell – I Want U

Ah, das wusste ich gar nicht! Ist das Album dann eine richtige Kooperation mit der Foundation?
Es wird schon promotet auf deren Website. Die Kooperation ist jetzt gestartet und wird sich auch durch verschiedene Projekte weiterziehen. Ich war schon immer fasziniert von dieser Pop-artigen Zeichnungstechnik von Tom of Finland. Also habe ich mir überlegt, dass ich für den Song „I Want U“ die gezeichneten Bilder gerne zu einem Video animieren lassen würde. Dieses Video ist für mich auch eine künstlerische Aktion, so was wie eine Warhol-artige Pop-Art-Idee, die ich irgendwie zusammenmische und daraus dann ein sehr sexuell angehauchtes Video produzieren lasse, von dem es auch eine Pixelversion gibt. Das ist geschehen und schon gibt es auf YouTube über 750.000 Klicks, so viele hatte ich nicht mal zum Video von „You Can Dance“, meinem Song mit Bryan Ferry. Und das Video wurde jetzt auf die Oberhausener Kurzfilmtage eingeladen.

Hat die Tom of Finland Foundation sofort verstanden, um was es dir bei deiner Anfrage geht? Kannten die dich überhaupt?
Nein, die haben ein wenig recherchiert. Für mich war das eine wahnsinnig interessante und witzige Begegnung. Ich lernte Durk Dehner, den Exfreund von Tom of Finland, kennen und bekam von ihm die Informationen aus erster Hand. Tom of Finland hatte damals in den 60er-Jahren die Zeichnungen zuerst für Bodybuilder-Magazine angefertigt, zu einer Zeit, als Schwulsein noch ein absolutes Tabu, sogar kriminalisiert war. Und das ist es ja in manchen Ländern auch heute noch. Es ist mir ein großes Anliegen, das zu thematisieren und darüber zu informieren.