Als Mitbegründer des Label-Kollektivs NON Worldwide hat Chino Amboi eine Plattform für Künstler*innen aus Afrika und der afrikanischen Diaspora geschaffen, um denen Raum zu geben, denen immer noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. „Non“ im Sinne von „nicht“ bezieht sich dabei nicht nur auf die Weigerung, in einem musikalischen Kanon zu denken und Musik herauszubringen, die Grenzen sprengt. Es umfasst auch den Kampf gegen Zuschreibungen von außen – ob in rassistischer, sexueller oder geschlechtlicher Hinsicht. Chino Amobi und seine Mitstreiter*innen wollen diskriminierende Strukturen und ihre Wirkung erkennbar machen und überwinden. Häufig klingt das sperrig, erschütternd, brachial, beklemmend.

So entwickelt das Album Paradiso die Dynamik eines dystopischen Hörspiels. Stimmen und Geräusche formen zusammen mit der Musik ein intensives Klangbild. Immer wieder erklingt eine Art Jingle wie für eine Radiosendung, die von Amobi präsentiert wird. Der Produzent wurde bei der Arbeit an dem Langspieler unter anderem von Fernsehnachrichten inspiriert. „Es war, als ob ich als Journalist durch diese klanglich gestaltete Fiktion der Stadt Paradiso wandere“, rekapituliert er. Musikalisch hat diese fiktive Welt eine vielseitige Form bekommen. Harte Beats schlagen wie Eisenstangen auf Beton, mal schubweise, mal in Form eines Hip-Hop-Beats, mal streng geordnet als Four-to-the-Floor. Ausfransende Bässe fegen mit überwältigenden Vibrationen klare Klangkonturen hinweg.


Stream: Chino Amobi – Antikeimenon

Zwischendurch schimmern aber auch vertraute, harmonische Klänge und Songstrukturen auf. Der Beginn von „Antikeimenon“ etwa verweist auf den Musikstil Son Cubano, der sich im 19. Jahrhundert auf Kuba aus der Verbindung afro-kubanischer Rhythmen und der Gitarrenmusik spanischer KolonisatorInnen entwickelte. Zum Auftakt von „Antikeimenon“ erklingen Akkorde von Piano, Gitarre und Bongos, was stark an „Chan Chan“ erinnert, ein bekanntes Son-Stück des kubanischen Musikers Compay Segundo, das in Europa vor allem durch die Neuaufnahme durch Buena Vista Social Club Ende der 1990er bekannt wurde. Die anfängliche Idylle bei „Antikeimenon“ währt aber nicht lang. Eine Stimme setzt ein: „You want democracy. You want freedom. You‘re crazy. That‘s why you‘re here. So take your final rest. Unrest.“ Begleitet wird das von metallenen Geräuschen, die sich in das Ohr fräsen. Sie reißen heraus aus einer Einfühlung, die sie zusammen mit Worten der Unterdrückung als Illusion entlarven.

„Der Einsatz von Noise ermöglicht mir, in den Körper einzudringen“, erläutert Amobi und fährt fort: „Dissonanz bricht für mich die aristotelische Illusion eines Vorhangs, durch den das Publikum von der fiktiven Realität getrennt ist. Sie kann verhindern, dass Menschen passiv konsumieren. Ich möchte, dass sie dadurch merken, dass auch sie bestehende Formen und Bereiche ihres Lebens verändern können, mit ihrem Narrativ durchdringen können – so, wie ich es gegebene Strukturen in meinen Stücken mit neuen Formen überlagere.“ Dieses Vorgehen führt zu keiner Katharsis, die die eigene Existenz innerhalb der bestehenden Ordnungen erleichtert. Vielmehr ergreifen die Klangkonstruktionen den Körper, erzeugen Herzrasen und machen spürbar, dass gesellschaftliche und politische Gewalt alle angeht, dass wir alle Teil davon sind – ob als Menschen, die sie erleiden oder die, die sie ausüben. Und dass wir etwas dagegen tun können.

Obwohl sich Chino Amobis Album Paradiso in weiten Teilen wie eine dystopische Überzeichnung unserer Welt anhört, gibt es auch Momente der Leichtigkeit, der Zuversicht. „Die Musik reflektiert, wie ich mich fühle – auch mit Blick auf die weltpolitische Entwicklung. Es passieren üble Sachen und die möchte ich nicht ausblenden“, sagt Amobi. „Gleichzeitig habe ich Hoffnung, mit der ich die Musik durchdringen möchte, weil ich immer noch das Licht, die Schönheit, die Farben, die Menschen und die Vielfalt sehe. Ich möchte, dass Leute spüren, dass es inmitten von alldem noch Freude gibt, dass Menschen trotz allem aufblühen.“