Fotos: Presse (Chino Amobi)

Manchmal tut Musik weh und manchmal soll sie das sogar. Auf seinem Debüt-Album Paradiso konfrontiert Chino Amobi sein Publikum mit intensiven Erfahrungen. Paradiesisch im konventionellen Sinn – harmonisch, traumhaft schön, freundlich – klingen die experimentellen, elektronischen Tracks allerdings kaum. Stattdessen erzeugt der Produzent mit zertrümmerter Clubmusik auf eindrucksvolle Weise Irritation und Gänsehaut.

Am Anfang des Albums aber aber stehen Worte. Über den Klängen von Regen, Donner und tiefen Synthesizern trägt die Experimentalmusikerin Elysia Crampton das Gedicht „The City In The Sea“ von Edgar Allan Poe in leicht abgewandelter Form vor. Die Stadt, in welcher der Tod als König regiert und die in Poes Version von 1845 namenlos ist, erhält hier erstmals einen Namen: Paradiso.

Neben dem Gedicht tauchen im Verlauf des Albums immer wieder Stimmen auf – von Crampton, Amobi selbst und einer Reihe von Gästen wie dem Rapper Haleek Maul und der Sängerin Embaci. Sie singen, sprechen, rappen oder schreien. „Die Worte haben etwas Raues und Ungeschliffenes. Sie sind wie ein Wegweiser durch das Album“, erklärt Chino Amobi. „Worte spielen für mich eine große Rolle, weil sie viel Macht haben. Ihre Bedeutungen sind formbar und es ist möglich, sie neu zu definieren. Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, das zu tun – Worte zu hinterfragen und in einen neuen Kontext zu stellen.“


Video: Chino Amobi feat. Embaci – Hard Stacatto

Amobis Musik und die darin verwendete Sprache sind Teil seines politischen Programms. Der 32-Jährige will denen eine Stimmen geben, die sonst nicht gehört werden und Menschen sichtbar machen, die in der Geschichte immer wieder ausgeblendet und an den Rand gedrängt werden. Weil sie nicht in Kategorien wie männlich/weiblich passen oder weil sie nicht weiß sind.

Mit der Veröffentlichung Airport Music For Black Folk rückte er 2016 beispielsweise in den Blick, wie die Erfahrungen von People of Color vom weißen Mainstream ausgeblendet werden. Der Titel spielt auf Brian Enos Album Ambient 1: Music For Airports von 1978 an, das dem Genre seinen Namen gab. Den entspannenden Flächenkompositionen von Eno setzt Amobi ein Amalgam aus irrlichternden Melodien und verstörenden Geräuschen entgegen. Er beleuchtet dadurch, dass Flughäfen insbesondere nach den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001 weltweit Orte sind, an denen auch Gewalt erfahren wird – insbesondere, wenn Menschen nicht weiß sind.