Haben wir etwa Wetter? Ja, wir haben Wetter! Der längste Winter seit dem Letzten neigt sich also dem Ende zu, die Open-Air-Saison und Moscow Mules nach Feierabend sind also nicht mehr weit. Trotzdem will sich ein Teil der Office Charts in der Kalenderwoche 20 gerne im Keller verkriechen: Truncate zum Jacken und Woo York mit dystopischen Tönen etwa. Dagegen halten die schwebenden Töne von Norken und das ebenfalls neu aufgelegte, fulminante Debüt von Theo Parrish sowie ein versöhnlicher Sommerhit von Boris Dlugosch & Cassara. Handselektiert wie immer von Review-Redakteur Thilo Schneider.

5. Truncate – Terminal 5 (Blueprint)

Terminal 5 ist die erste Platte von Truncate, die auf dem von James Ruskin betriebenen britischen Label Blueprint erscheint. Mit seinem Truncate-Alias veröffentlicht der in Los Angeles lebende David Flores seit 2011 technoide Jack-Tracks – oder auch Techno, der sich viel von dem crazy Chicago-House-Sound der 90er Jahre einverleibt hat, die gleichen stumpfen Claps, der gleiche immer etwas eiernde Groove und immer schön auf die 12. Und so erinnert auch „Terminal 5“ mit seinem markanten Rave-Signal an frühe Meisterwerke von Robert Armani, Armando oder Lil Louis – wenn auch in einer zeitgemäß voluminöseren Version. Sehr gute Tools, die auch gar nicht mehr sein wollen.

4. Woo York – Alien Worlds EP (Dystopian)

Woo York ist das in Kiev lebende Techno-Duo Andrew Vanzhula und Dennis Andriyanov. Zusammen haben die beiden seit 2009 gut 30 Maxis auf überwiegend ukrainischen Labels veröffentlicht, bei uns konnte man vor allem wegen ihrer Maxis auf Life and Death und Soma auf sie aufmerksam werden. Die Alien Worlds EP ist ihre erste Veröffentlichung seit fast zwei Jahren und ihre erste auf dem Berliner Label Dystopian. Alle drei Tracks kreisen um jeweils einen Loop und formulieren mit beeindruckender Ruhe und Gelassenheit einen bestimmten nächtlichen Trance-Zustand. Viel passiert hier nicht, aber das ist gerade auch die Stärke dieser Tracks. Der The Advent-Remix brettert den Titeltrack dann leider jegliche Subtilität aus den Knochen.

3. Norken – Southern Soul (Delsin)

Eine Reissue-Platte auf Delsin. Norken ist das Projekt des Briten Lee Norris, mit dem er vor allem ein paar Jahre vor und nach der Jahrtausendwende sehr sensible, schöngeistige UK Techno-Tracks veröffentlicht hat. Der Titeltrack „Southern Soul“ erschien 1998 auf REEL Discs, einem Sublabel des absolut fantastischen, leider längst nicht mehr existierenden Labels Clear. Alles hier schwelgt in großzügig angelegter Schönheit, die Synth Pads klingen ausladend, weich und pastellfarben. Das Tempo ist gemäßigt, die Stimmung von freundlicher Erschöpfung und zartem Glücklichsein geprägt. Man versteht schon, warum Norken sich mit so einem Debüt („Southern Soul“ war seine erste Maxi-Veröffentlichung) gleich ein solch gutes Standing verschaffen konnte.

2. Boris Dlugosch & Cassara – Traveller EP (Running Back)

Überraschendes Artist-Signing für Running Back. Die Hamburger House-Eminenz Boris Dlugosch lässt zusammen mit seinem Produktionspartner Cassara auf der Traveller EP alle Erwartungshaltungen, die man eventuell noch aus Dlugoschs US Garage- und Pop House-Phasen mit sich herumschleppt, an einem Strauß bestens gelaunter Italo Disco- und French House-Tracks abperlen. „Traveller“ wird man mit seinem überschäumendem Synth-Thema in diesem Jahr wahrscheinlich auf jedem Open Air-Floor hören, und das zu Recht. Auch „Intervox“ fällt mit seinem Vocal-Manipulationen angenehm aus dem Raster.

1. Theo Parrish – First Floor Pt. 1 & 2 (Peacefrog)

Wohl eines der wichtigsten Reissues des Jahres bisher. Das zweiteilige Debüt Doppel-Album First Floor erschien bereits vor fast 20 Jahren auf Peacefrog, nach zwei Handvoll Maxis katapultierte es damals den Detroiter DJ und Produzenten Theo Parrish auf einen Schlag ins Bewusstsein der internationalen House- und Techno-Szene. In seinem sehr eigenen Soundentwurf war von dem Hedonismus des 90er Jahre House nichts mehr zu spüren, in seinen langen, minimalistischen Tracks lies er Jazz-Samples um traurige Basslines kreisen – das war damals radikal anders als ein Großteil der Veröffentlichungen seiner Kollegen und hat bis heute nichts von seiner Kraft und Persönlichkeit eingebüßt.