Foto: Martin Lovekosi (Neele)

Neele will was bewegen und das nicht nur auf dem Floor, sondern auch hinter den Kulissen. Seit Jahren setzt sich die Bookerin des Conne Island als Teil des DJ-Kollektivs Girlz Edit nun proaktiv für mehr Gleichberechtigung hinter den Decks und darüber hinaus ein und hat auch schon beim nächsten großen Ding ihre Finger mit im Spiel: Das Featuring Females* Project bringt sich den Mai über mit einer Filmvorführung, mehreren Paneldiskussion und natürlich Clubnächten in die Diskussion ein und liefert dabei genauso viel Stoff zum Tanzen. Neeles Beitrag für unseren Groove-Podcast macht’s vor: Von deepem House geht es über scharfkantigen Electro hin in Richtung Hardcore Continuum. Zeigt sich mal wieder: Mehr Abwechslung hinter den Decks ist in jeder Hinsicht besser.

 


 

Was hat dich überhaupt zum Auflegen gebracht?
Interesse an Musik – ich war schon immer eine Person, die nie in nur einem Genre fest hing. Schon als Jugendliche habe ich mich nahezu an allen Genres abgearbeitet und das Interesse dabei nicht verloren. Als ich dann älter wurde, wurde ich zum aktiven Partygast und hab auch schnell angefangen mich im Conne Island zu engagieren – ein Ort an dem viele Genre und Szenen vertreten sind. Mein langjähriger Freund und mittlerweile auch Arbeitskollege Heiko Wunderlich (alias DJ Onetake) hier im Island hatte den Braten gerochen und mich einfach auf einen Flyer von einer Party geschrieben, sodass ich keine Wahl hatte und auflegen musste! Tatsächlich fand ich das, für mich persönlich, eine sehr schlaue Taktik von ihm. Ich weiß nicht, ob ich damals den Mut gehabt hätte selbst zu fragen. Das ist jetzt fast 10 Jahre her.

In deinen DJ-Anfängen hast du vorwiegend Dubstep aufgelegt, warst aber zwischenzeitlich unzufrieden mit der Leipziger Bassmusik-Szene. Wie beurteilst du den Status Quo mittlerweile?
Es ist kein Geheimnis, dass die Bassmusik-Szene weit mehr männlich-dominiert ist, als Techno oder House. Das fällt nicht nur hinterm DJ Pult auf, sondern auch in der Crowd auf dem Dancefloor. Ich habe diese Szene viel kritisiert und versucht dem entgegenzuwirken – beispielsweise mit der Gründung der Girlz Edit Crew. Leider muss ich retrospektiv sagen, dass es nur bedingt etwas in dieser doch etwas festgefahreneren Szene gebracht hat. Es hat auch eher dazu geführt, dass ich mich zeitweise sehr davon entfernt habe. Allerdings gibt es mittlerweile sehr viele neue Crews und junge Leute, die Bock haben etwas aufzubauen und etwas neues zu machen. Das find ich sehr gut! Und spätestens mit der Eröffnung des Instituts fuer Zukunft hat die Bass-Szene in Leipzig wieder neuen Aufschwung bekommen. Seit ein paar Jahren gibt es echt wieder coole neue Sachen – in coolen Locations mit einer coolen Crowd! Seitdem verstauben meine Platten auch nicht mehr.

Deine Mixe kennzeichnen sich durch ein verspieltes Miteinander von Breakbeats, geradlinigen Grooves und sogar Indietronica aus. Wie gehst du im Gegensatz zu einem DJ-Set einen solchen Mix an?
Mixe geh ich generell erstmal so an, dass ich alles raussuche, auf das ich Lust habe. Dabei spielt es erstmal weniger eine Rolle, ob die Platte Klub- oder eher Podcast-tauglich ist. Dann fang ich an zu sortieren, suche raus, überlege, nehme auf, verwerfe alles wieder, rauche, ordne neu, verzweifle, rauche wieder, sortiere wieder und schlag mir Nächte um die Ohren, bis es passt. Die Kunst – und das ist wirklich nicht einfach – ist, die richtige Anordnung von Songs zu finden. Gerade wenn Podacsts, wie bei mir sehr oft, genreübergreifend sind, sollten diese gut durchdacht und angeordnet sein, sonst verlieren die einzelnen Songs und der Podcast als Ganzes ihre Wirkung und das wäre wirklich sehr schade.

Beim Conne Island bist du als Bookerin tätig, das neben einem breiten Rahmenprogramm auch musikalisch viel abdeckt. Nach welchen Kriterien buchst du Artists?
Das klingt vielleicht etwas naiv, aber ich versuche immer sehr viel Ideal ins Booking zu stecken. Gerade bei einem Laden wie dem Conne Island ist das sehr wichtig. Hier gibt es sehr viele Komponenten, auf die man beim Booking achten muss und auch sollte. Ausgewogenheit bei den Veranstaltungen, politische Haltung, ideeller Wert, was wollen die Leute, die das Conne Island tagtäglich mitgestalten – neben 12 Festangestellten noch über 150 Ehrenamtliche -, Konkurrenz in der Stadt… Um nur einige Faktoren zu nennen. Es wäre also falsch, als BookerIn im Conne Island zu sagen, dass ich nur das mache, worauf ich Lust habe. Der Laden ist, was Booking angeht, doch sehr speziell. Daher denke ich, dass ich ganz gut fahre, wenn ich mich an einem ideellen Wert halte, den ich gemeinsam für das Conne Island in allen Genre und Veranstaltungen vertreten kann und möchte.

Du bist Teil des DJ-Kollektivs Girlz Edit, welches nicht allein hinter den Decks aktiv ist. Welche Aufgabe habt ihr euch gesetzt und worum geht es euch mit euren Partys sowie den von euch organisierten Workshops?
Das Girlz Edit Kollektiv hat sich aus einer starken Unzufriedenheit über die hiesige weitgehend männlich-dominierte DJ-Landschaft gegründet. Es gab hier zwar schon immer auch Female DJ-Kollektive wie Caramba! oder Propellas, die auch bis heute wirklich gute Arbeit leisten. Allerdings waren diese mehr auf House/Techno bezogen und andere Genres wie Hip Hop oder generell Bassmusik wurden dabei wenig bedacht. Dort haben wir uns dann anfangs einfach breit gemacht. Abgesehen davon kann es nie zu wenig von solchen Kollektiven geben. Später haben wir dann auch im House und Techno angeknüpft und die bereits geleistete Arbeit von den Kollektiven weitergeführt. Mit den Workshops, die wir ja immer noch regelmäßig organisieren, wollen wir bezwecken, dass wir nicht mehr die einzigen Frauen sind die auflegen – getreu dem Motto „each one, teach one“. Mit der Zeit haben wir uns auch einen eigenen Freiraum hier im Conne Island geschaffen: seit mehr als 3 Jahren besteht der Frauen-DJ-Proberaum! Dieser ist nahezu jede Woche ausgebucht, ebenso die Workshops fürs DJing. Das zeigt erstmal auf, wie viel Potential hier in der Stadt schlummert. Außerdem feiern wir immer einmal im Jahr den Proberaumgebburtstag. Dabei organisieren wir in Kooperation mit dem Kulturraum e.V. eine Diskussionsveranstaltung mit Themen wie „Frauen in der elektronischen Musik“ oder „Sexismus im Club – Awareness Konzepte“.

Das Featuring Females* Project scheint an eure Arbeit mit Girlz Edit anzuknüpfen. Welche Idee steckt dahinter und was ist euer Ziel?
Ja, das Featuring Females* Project – kurz: feat. Fem* – knüpft direkt an das Konzept von Girlz Edit an. Bei Girlz Edit passiert sehr viel auf ehrenamtlicher Basis. Das ist zum einen schön, weil es auch sehr niedrigschwellig ist und den Zugang für viele erleichtert, aber auf der anderen Seite hat ehrenamtliche Arbeit leider immer Grenzen. Meine DJ- und auch Arbeitskollegin Anne-Kathrin Bergner aka Buzy A betreut nicht nur den DJ Proberaum mit, sie gibt auch einmal im Monat im Conne Island einen 1×1-DJ-Crash-Kurs. Das ist schon unglaublich, dass so etwas ehrenamtlich passiert und nicht entlohnt wird. Bei einem intensiveren DJ Workshop, wie es ihn derzeit Carina Posse im Rahmen des Projektes gibt, weigere ich mich, diesen nicht zu entlohnen – das geht wirklich nur bis zu einem gewissen Grad. Mit dem Feat. Fem* Project wollten wir – im Kern sind das bisher IfZ Resident Sarah Lauer, Emilia Miguez vom IFZ und dem Kulturraum e.V. und ich – die Arbeit auf eine professionellere Ebene heben. Wir haben auch eine Teilförderung dafür bekommen. Generell war es uns wichtig, einen hohen Grad an Professionalität von Frauen in der Klubkultur aufzuzeigen. Ich finde es sehr wichtig, dass Mädchen oder Frauen auch sehen, was man alles erreichen kann und das Booker oder DJs nicht nur Männer sind. Das Projekt widmet sich dem Thema Frauen in der Klubkultur auf verschiedenen Ebenen. Dazu gehören niedrigschwellige Angebote schaffen in Form von kostenlosen Workshops, Visibility von Frauen in verschiedenen Positionen, gesellschaftlich geprägte Rollenbilder im Clubkontext aufzeigen, hinterfragen und aufbrechen und natürlich auch einen anderen vielleicht auch coolen Zugang zu Feminismus schaffen.

Im Kern der Veranstaltungsreihe stehen zwei Panel-Diskussionen am 12. Mai. Worum wird es in denen gehen?
Genau genommen sind es sogar 3 Diskussionen, da wir am 04. Mai im Institut für Zukunft den neuen RAW CHICKS.BERLIN Film über Berliner Produzentinnen zeigen und anschließend ein Gespräch mit der Filmemacherin stattfindet. Am 12. finden dann 2 Panels im Conne Island statt mit anschließender Proberaum Party! Das erste Panel um 18 Uhr ist eine Kollaboration mit der im IfZ ansässigen Balance-Crew, welches sich der Frage um (nonkonformen) Identitäten im Club widmet. Das Podium ist mit Vertreterinnen der Londoner SIREN-Crew, Hannah Christ von Femdex und Ande. Co-Programmer of Ableton Loop Summit, international aufgestellt. Daher wird dieses Panel auch auf Englisch stattfinden. Die Diskussionsveranstaltung im Anschluss befasst sich eher mit dem Veranstaltungsbereich der elektronischen Pop- und Clubkultur und stellt dabei eine genderbezogene Rollenverteilung im Musikbusiness auf den Prüfstand. Genauer gesagt: Welche Rolle nehmen Frauen bei Agenturen, im Booking und im Bereich der Organisation von Veranstaltungen ein.

Last but not least: Wo können wir dich in nächster Zeit hinter den Decks erleben und was sind deine Pläne für Girlz Edit oder gar das Featuring Females* Project? 
Für Girlz Edit wage ich die Frage gar nicht so recht zu beantworten, da das ein female DJ-Netzwerk ist, bei dem ich auch nur ein kleiner Teil bin. Ich freue mich sehr, was daraus gewachsen ist und dass es eine Struktur gibt, die auch neue Leute zu lässt. Girlz Edit wird immer mit dem Inhalt von den female DJs gefüllt, die sich aktuell dabei engagieren – ähnlich wie beim Conne Island. Über das Feat. Fem* Projekt kann ich sagen, dass wir dies auch in Zukunft als Plattform für einen feministischen Austausch im Club nachhaltig nutzen wollen. In diesen vier Wochen können wir gefühlt viel zu wenig Themen anschneiden. Es wäre schön, wenn auch dieses Projekt wächst und auch noch andere Komponenten, wie Kunst, Design, Layout beleuchtet werden können. Der Plan ist das Projekt jährlich weiterzuführen und zu etablieren mit wechselnden Themenschwerpunkten. Aber erstmal müssen wir dieses Jahr über die Bühne bringen. Ich hoffe wirklich sehr, dass es vielen Frauen – egal an welcher Stelle sie sich im Club sehen – zu mehr Selbstbewusstsein verhilft und man zukünftig auch ein ausgewogeneres Verhältnis spürt. Am 13. Mai findet als Abschlussveranstaltung ein Electric Island mit einem All-Female-Line-Up statt, welches schon ab 18:00 mit einem BBQ auf unserem Conne Island-Freisitz startet. Und wir würden uns sehr freuen, wenn sehr viele female DJs unserem Aufruf folgen würden und sich an dem Tag blicken lassen. Dann kann auch niemand mehr sagen, dass es kaum Frauen gibt! Als nächstes spiele ich mit The Black Madonna am 20. Mai im Institut fuer Zukunft.


Stream: Neele – Groove Podcast 104

01. Logan Takahashi – Coral D (Ghostly International)
02. Little Hado – Untitled A (Original Mix) (Moscow Records)
03. Yalessa Hall X Malin – Second Carol (Asusu Remix) (Will & Ink)
04. John Horton – Illume (Kudos Records)
05. Credit00 – Curse Of The Medusa (Uncanny Valley)
06. Jayda G – Listen Closely (1080p)
07. Byron The Aquarius – Space In Time (Wild Oats)
08. Igor Tipura – Dwams (Lauer Remix) (Unknown To The Unknown)
09. Illum Sphere – Second Sight (Ninja Tune)
10. Marco Zenker – Lubiana (Ilian Tape)
11. AM Unit – Raw Jam (9300Records)
12. Kowton – Glock & Roll (Whities)
13. JD Twitch – JuJu (Autonomous Africa)
14. Carmel – DOC 2 (R.A.N.D. Muzik)
15. DJ Plant Texture – Meeafi (1O PILLS MATE)

Featuring Females Project*
04. Mai, Institut fuer Zukunft: Film & Gespräch: RAW CHICKS.BERLIN, SPAZZ mit s.ra & Neele
06. Mai, Conne Island: Ableton Producing Workshops mit supaKC (noisy answer), zweiter Teil am 20. Mai
12. Mai, Conne Island: Diskussionsverantaltungen & Open Decks
13. Mai, Conne Island: KLUB: Eletric Island x Featuring Females* mit VIOLET, Olivia, Kaput uvm.