Foto: Crystalmafia (Ellen Allien)

Der Londoner Verkehr hat Ellen Allien einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als sie an diesem gräulichen Samstagnachmittag im Printworks ankommt, ist sie spät dran. Die zwischen Mittag bis spätabends laufende Veranstaltung bietet einen Vorgeschmack auf das Vorprogramm des diesjährigen Melt! Festivals, das 2017 seinen 20. Geburtstag feiert, bei dem wie fast jedes Jahr zuvor auch Allien dabei sein wird. Es ist ein Nachmittagen mit Hindernissen. Für eine halbe Stunde etwa pluckert verspielter Minimal aus den Boxen, die Crowd in der beeindruckenden Industriekulisse des noch recht neuen Clubs wippt etwas unschlüssig mit. Alle warten auf Allien.

Kurz bevor es zu zu unruhig wird, taucht sie hinter den Decks auf, stellt geschäftig ihre Plattentasche ab. Es geht los, Allien beginnt das verkürzte Set mit einer oldschooligen Acid-Nummer und zieht von da an das Tempo stetig an, sogar einen Track ihres neuen Albums Nost probiert sie auf dem Floor aus, der mittlerweile in Bewegung gerät. Es ist die Art Track, die wie Alliens DJ-Sets zwischen dem klassischen Sound der Neunziger und der Gegenwart vermitteln – jackend, auf den Punkt und keineswegs rührselig. Damit ist der Raum endgültig für sich gewonnen, den Rest erledigt Alliens eigene Präsenz im Spotlight der Bühne. In der ersten Reihe hält eine junge Frau ein Smartphone nach oben, auf dem Display blinken die Lettern L-O-V-E. Von der schlägt der Bpitch Control-Betreiberin hier am heutigen Tag eine Menge entgegen.

Rund zwei Wochen vorher erzählt sie beim Interview im Berliner Soho House noch, dass gute DJs für sie immer das gewisse Etwas brauchen. Charisma schlage ich als Begriff dafür vor, aber nein. Allien redet von Energien, die sich von dem einen Menschen hinter den Decks auf die hunderte vor ihm übertragen. Klingt ko(s)misch, ist aber so. Wie das funktioniert, zeigt sich nicht allein beim musikalischen Vorspiel fürs Melt! Festival an einem gräulichen Londoner Nachmittag, wo Allien wie gewohnt nicht nur mit Kopf und Händen, sondern scheinbar mit dem ganzen Körper auflegt. Sondern auch in Ellen Alliens Beitrag für unseren Groove Podcast, der 100. seiner Art. Space Techno, front to back. Viel Spaß!

 


 

Ellen, was war die Idee hinter deinem Jubiläumsmix für den Groove-Podcast?
Es ist Techno, wie ich ihn mag – sehr spacig und hypnotisch. Ich dachte zuerst dran, einen Ambient-Mix zu machen, aber da hatte ich keinen Bock drauf. Ich höre gerade kaum Ambient, sondern Clubmusik. In den letzten zwei, drei Jahren habe ich zuhause unglaublich abstraktes Zeug gehört. Aber ich mag das Gefühl von Körperlichkeit, wenn mich etwas vom Rhythmus her bewegt, gerade sehr gerne. Für mich ist das aber zugleich Listening-Musik für Zuhause! (lacht)

Wie gehst du so einen DJ-Mix denn eigentlich an? Deine Sets leben für gewöhnlich von ihrer Spontaneität.
Stimmt, das ist Freestyle! Bei Mixen für Podcasts geht es mir um die Atmosphäre. Ich zeichne die meisten meiner Clubsets auf und höre mir die an – einfach, um zu wissen, was meine Spontaneität denn da gemacht hat. (lacht) Und um zu gucken, welcher Track cool ist und welchen ich aussortieren kann. Für euch wollte ich kein Clubset aufnehmen, sondern stattdessen mit einer Atmosphäre beginnen und langsam aufbauen, bevor es sich wieder abbaut. Eine Schwingung. Space Techno!

Warum nimmst du deine Sets auf und hörst sie dir nochmal an?
Um zu reflektieren, was ich da technisch mache und ob ich nicht vielleicht einen Sprung zum nächsten Track zu schnell gemacht habe. Ob ich konzentriert genug war oder nicht. Ob die Anlage schlecht war und ich es trotzdem noch geschafft habe, gut aufzulegen. Außerdem hörst du oft genug von Leuten, wie sie deine Sets wahrnehmen. Wenn ich sie selbst nochmal höre, weiß ich, was sie meinen. Wenn es aber wirklich die Anlage war, dann würde ich da nicht noch mal auflegen. Oder wenn der Plattenspieler eiert.

Du legst immer noch viel mit Vinyl auf. Warum eigentlich?
Als Beatport und andere auftauchten, fand ich das ganz toll. Es hat mich davon befreit, in den Plattenladen zu gehen und dann ist die Platte, die haben wollte, vielleicht nicht da. Da aber bekam ich alles. Ich habe ganz viele Sachen nachgekauft und war 30 Stunden pro Woche im Internet unterwegs, um zu recherchieren. Nachts. Ich gucke abends kein Fernsehen, ich suche nach Musik. Es war eine echte Sucht, aus allen Webshops rauszufiltern, was geht. Dann habe ich begonnen, meine Sammlung zu digitalisieren. Das war interessant, denn meine Lieblingsplatten von damals hatten alle ein kleines Kreuzchen. Das waren dann auch genau die Tracks, die ich digitalisiert habe. Ich habe keines von diesen Stücken übersehen und empfinde sie immer noch genauso wie damals. Das fand ich richtig abgefahren. Dann aber fehlte mir irgendwann die Zeit, alles zu digitalisieren und dann habe ich mir gesagt: „Ey, Platten! Pack zusammen, die musst du jetzt spielen.“ Als habe ich mir Turntables hinstellen lassen und mit Platten gespielt. Dabei habe ich gemerkt, wie cool das eigentlich ist. Allein, weil ich dann anders auflege. Es ist schwieriger, denn die Turntables können eiern oder es wackelt oder ich kann mich nicht richtig bewegen. Ich muss spüren können, was ich da mache. Meine Musik ist sehr Bassline-lastig und wenn die Monitore auf meinen Körper gerichtet sind, dann spüre ich das und bewege mich dazu. Ich habe gemerkt, dass es Spaß macht, weil es komplizierter ist. Ich mag anscheinend komplizierte Sachen. (lacht) Ich schleppe die Platten mit mir rum, ich habe keinen Tourmanager.

Wenn du wie in Kürze für zwei Wochen auf Tour bist, nach welchen Kriterien suchst du dir eigentlich deine Platten zusammen?
Ich habe eine mittelgroße Plattentasche, die ich in den Flieger mitnehmen kann, da passen etwa 60 bis 80 rein. Ich nehme meine Lieblingsplatten mit. Ich nehme die Musik mit, die ich richtig geil finde und nur auf Platte habe. Manchmal sogar welche, die ich auch digital habe, aber auf Platte lieber spiele. Es gibt da so ein paar Oldschool-Platten, die ich einfach lieber auf Vinyl spiele – eben weil’s oldschool ist! Das ist bei mir im Kopf so drin.

Vor Kurzem hast du beim Boiler Room anlässlich des Filmstarts von T2 Trainspotting ein reines Neunziger-Set gespielt. Ist es dir wichtig, dass deine Sets Geschichte in sich tragen?
Ich spiele immer einen Mix aus Oldschool und New School. Wenn ich aber so ein altes Stück auflege, wird mir ganz heiß. Ich bekomme Gänsehaut. Es ist ein Flashback. Ich merke auch, dass die Crowd extrem auf diese Trackauswahl reagiert. Vermutlich, weil es auch einfach starke Stücke sind, die sehr dynamisch und sehr emotional sind. Es macht einfach was, auf dem Dancefloor und mit mir. Die jüngeren Generationen fragen mich nach genau diesen Oldschool-Tracks. Ich habe letztens im Watergate gespielt, was ich gerne mache, weil da eine junge Crowd ist. Da stehen zwanzig junge Mädchen vor mir und schreien nach diesen Oldschool-Platten. Weil die sich damit beschäftigt haben. Das ist total cool. Die sind 20 oder 21 Jahre alt, haben recherchiert und feiern diese Stücke. Gerade Frauen. Ich habe gehört, dass bei Beatport Frauen nur 5% der Musik kaufen. Ich war total geschockt davon, dass sich Frauen angeblich nicht mit Musik beschäftigen – denn warum schreien sonst diese Mädchen nach diesen Platten?

Es gibt allerdings auch Gegenstimmen, denen das alles zu nostalgisch ist und die Revivals für abgeschmackt halten.
Total. Aber das ist bei mir so nicht, weil ich das heute noch genauso leidenschaftlich wie früher lebe. Ich habe immer noch die passion. Ich gehe in Berlin auch auf andere Partys, um mir die anzuschauen. Weil ich neugierig bin. Ich gehe nicht nach der Party nach Hause mit meinem Geld und lege mich ins Bett. Ich finde es voll spannend, die Musik von früher, die ich immer noch toll finde, mit den neuen Sachen zu vermischen. Und die neuen sind alle nachgebaut von Joey Beltram, Jeff Mills und wie sie alle heißen. Da ist gar nichts anders, nur dass sie alle lauter sind. Das, was heute im Berghain läuft, haben wir früher unten im Tresor gespielt. Jetzt sind es vielleicht neue Namen, aber es wird immer noch mit denselben Mitteln gemacht. Da musst du auch mal das Original spielen. (lacht) Ich habe noch nie nur neue Sachen gespielt. Als ich 1994 angefangen habe aufzulegen, habe ich auch noch Electro-Platten von 1982 gespielt. Ich spiele heute noch Kraftwerk. Ich versuche, aus allen Zeiten das Beste herauszufiltern. Nicht in jedem Set, in manchen spiele ich fast nur neue Sachen aber. Wenn ich mich kreativ öffne, kommt von überall was rein.

Gibt es DJs der jüngeren Generation, die dich in letzter Zeit begeistert haben?
Johanna Schneider! Die finde ich super und wir haben sie auch zur We Are Not Alone (im Rahmen des Amsterdam Dance Events, Anm. d. Red.) eingeladen. Ihr Label heißt Boss, das finde ich super. So ein kleines Mädchen und dann spielt die da mit Vinyl so ein tolles Set. Kobosil auch, der legt darken Techno auf und auch die Platten sind super. Die haben eine Struktur, da kann ich mich reinfühlen. Präzise. Finde ich mega! Den haben wir auch für eine We Are Not Alone in Barcelona eingeladen. Dasha Rush geht in eine sehr künstlerische Richtung und wählt genau aus, was sie macht. Sie ist sehr artistisch für Techno. Techno ist oft sehr konservativ, das sehe ich bei Dasha Rush über nicht, sie ist sehr kreativ. Molly aus Paris hat früher beim Rex das Booking gemacht, eine tolle Deep House-Künstlerin, die viel mit Vinyl auflegt und sehr ausgewählte Musik spielt. Sie schafft es, mit sehr zurückhaltender Musik die Leute zu greifen. Wie Sascha Funke das früher gemacht hat, ein zurückhaltendes Set, das die Leute so mit den Tönen einlullt, dass sie irgendwann durchdrehen. Ohne auf die Fresse zu hauen, ohne Hits aufzulegen. Das ist sehr spannend! Ich finde auch toll, was FJAAK mit ihrem Album auf Monkeytown gemacht haben. Das sind welche, die’s wissen wollen, die erfolgreich sein wollen und von allen Seiten musikalische Referenzen haben und das trotzdem so toolig bauen, dass es ein DJ gut auflegen kann. Ich finde Artists toll, die Lust haben. Das spürst du bei denen. Die wollen groß werden.

Es wird allerdings oft lamentiert, dass gerade junge DJs bereits als totale Business-Menschen anfangen.
Das stimmt. Es gibt viele, die haben einen Plan und sagen dir genau, was sie wollen. Das sehe ich auch als Labelbetreiberin. Es gibt Künstler, die basteln sich bestimmte Referenzen zusammen, weil sie wissen, dass sie damit erfolgreich werden. Finde ich langweilig. Für ein Label ist das aber gut, solche Leute wachsen schnell. Ich selber finde Artists Aerea Negrot oder Dillon auf Bpitch viel spannender, die machen noch ganz andere Sachen. Negrot redet nicht über ihre Business-Pläne, sondern über ihre Musik und Kunst. Das finde ich als Künstlerin natürlich wesentlich interessanter. Es ist allerdings momentan ein lukrativer Beruf und dann springen einige deswegen ran. Es gibt ganz viele Künstler, die emotionale Musik machen und damit total erfolgreich sind – obwohl sie überhaupt nicht emotional sind und einfach nur wissen, wie man das macht. Das ist richtig krass. Dass die so intelligent sind und sich das zusammenbasteln wie mit Bausteinen und wissen: „Das kann ich jetzt verkaufen“. Das sind Major-Projekte, die im Underground rumwuseln, weil die Underground-Netzwerke so ausgeprägt sind, dass dort fast Major-mäßig gearbeitet wird. Es gibt aber immer Handwerker und Emos. Wenn du beides auf einmal hast, dann ist das toll!

Das Geschäft ist vielleicht lukrativer, damit aber auch anstrengender geworden. Wie geht es dir damit nach mehr als zwei Jahrzehnten als DJ? Ist es anstrengender geworden, mental wie physisch?
Physisch ist es leichter geworden, weil die Clubs professioneller sind. Man fliegt einfacher – früher bin ich noch mit dem Auto gefahren und hatte kein Hotel. Ich habe in Clubs aufgelegt, in denen ich mich kaum gehört habe, weil die Monitore… Naja, es gab teilweise gar keine. Das war viel schlimmer und auch kriminell. Das ist viel einfacher allein vom Auflegen her. Was anstrengender ist, dass es Business-Gruppen gibt und wenn du so arbeitest wie ich, hast du kaum eine Chance, da reinzukommen. Deswegen wird sich auch mein Konstrukt verändern, weil ich kaum noch überleben kann, wie ich’s zuvor gemacht habe. Viel zu spielen schon, aber in bestimmte Bereiche komme ich nicht mehr rein. Früher waren alle Freaks, die sich um den Slot gestritten und einander bekämpft haben. Das ist nicht mehr so.

In den nächsten Wochen wirst du allerdings auch wieder alleine auf Tour sein.
Ich muss es ja nicht machen. Ich mach’s, weil es mir wirklich Spaß macht. Ich habe überall Leute, die ich kenne. Die freuen sich, wenn ich komme. Ich bleibe auch manchmal ein, zwei Tage länger, um mit denen Zeit zu verbringen. Es ist natürlich anstrengend, wenn ich viele Gigs habe und nach zwei Stunden Schlaf schon wieder los muss. Dann schlafe ich überall, wo ich schlafen kann – im Flieger, auf dem Flughafen, überall. (lacht) Aber ich muss es nicht machen, ich will es aber. Ich habe in meinem Leben schon so viele Phasen durchlaufen, dass ich vor nichts Angst habe. Ich könnte morgen sagen, dass ich mit dem Auflegen aufhöre und hätte keine Angst davor. Im Gegenteil: Ich wäre total neugierig, was ich dann mache.


Stream: Ellen Allien – Groove Podcast 100

Ellen Allien auf Tour

07.04.2017 – Hamburg, PAL – Bpitch Boogy w/ Ellen Allien, Aérea Negrot, DJ T-1000 a.k.a. Alan Oldham, BPitch Boogy
08.04.2017 – Bologna, Link – We Are Not Alone w/ Ellen Allien, DJ T-1000 a.k.a. Alan Oldham
28.04.2017 – Cologne, Gewölbe
29.04.2017 – Munich, MMA
30.04.2017 – Berlin, IPSE: BPitch Boogy / „Nost“ Record Release w/ Damian Lazarus, Kiki, Alinka, Phon.o & Aérea Negrot