Ruhe gehört zu den verschwindenden Ressourcen. Sie ist zum Luxusgut geworden. Letztlich ist es in einer Situation in der Stille und Aufmerksamkeit in der elenden Form von „Achtsamkeit“ zur Ware geworden sind, nur folgerichtig wenn Ruhe durch Musik und Geräusch gezielt hergestellt werden muss. In Zeiten in denen die Konkurrenzlogik noch die intimsten Lebensbereiche kontaminiert, können Klänge, die nicht an Größe, nicht an Stärke und nicht an maximaler Heftigkeit orientiert sind, vielleicht noch eine kleine und sicher nur vorübergehende Nische eröffnen, die sich zumindest teilweise einer unmittelbaren Vermarktungslogik entzieht. Das mag eine allzu optimistische Annahme sein, aber es gibt immer wieder Musik die eine solche Hoffnung zu nähren vermag.

Etwa die heiter in sich gekehrte Electronica von Ezekiel Honig. Sein jüngstes Album A Passage Of Concrete auf seinem eigenen Label (Anticipate, VÖ 17. März) nutzt alle von seinen früheren Arbeiten bekannten Werkzeuge um Stressoren in Entspannung umzuorganisieren: sanfte Slow-House Beats, wärmste Rhodes-Basslinien und feinknusprige Field Recordings. Ein kontinuierliches Knacken, Rauschen und Schneestapfen im Hintergrund einer ultimativ unaufdringlichen Bewegung im Rhythmus des Flaneurs. Straße und offene Fenster spielen auf jedem Track entscheidend mit. Den Lärm der Großstadt, die aufreibenden Lebenszeichen von Nachbarn, von Verkehr, von Maschinen, von hitzigen Diskussionen und plärrenden Smartphone-Lautsprechern fügt Honig so stilsicher wie souverän zu friedlicher Koexistenz.


Stream: Ezekiel HonigApartment Workshop

Oder der digitale Kammerpop der britisch-französischen Chanteuse und Motherboard-Königin Olivia Louvel. Auf Data Regina (Cat Werk Imprint), einem ausschweifenden, vom Schicksal der Königin der Schotten und Herzen Maria Stuart inspirierten Konzeptalbum, faltet sie eine weitere Wendung in ihren kunstvoll verdrillten Ambient-Glitch-Hop. Ihre vielfach gespiegelte und vervielfältigte Stimme ist dabei das wichtigste Instrument, die kargen, superlangsamen Beats und Bässe fragiles Rückgrat. Die Referenz zu ihrer hochglänzenden aber von allerlei Brüchen und Zerrbildern durchsetzen Produktion ist wohl Björk in ihrer experimentellsten Laune, nur dass Louvels Stimme immer klar und strahlend bleibt, nie ins krötig quengelnde lappt. Auch Louvel kultiviert sich als hochartifizielle Kunstfigur, und doch ist sie eine nahbare Underground-Diva geblieben. Diesen Status pflegt sie auf Data Regina. Das Album hechelt keinem der jüngeren Minimal Wave oder Dark Techno Trends hinterher, biedert sich nicht dem neoklassischen Mainstream an sondern fügt Ambient und Avantgarde so nahtlos in Pop wie es sonst kaum jemand kann oder will.


Video: Olivia LouvelGood Queen Bee

Oder der „Oldschool Meets Newschool“-Ambient des immer noch superjungen, kürzlich von Los Angeles nach Holland übersiedelten Diego Herrera alias Suzanne Kraft. Seine entspannte Album-EP What You Get For Being Young und die formidable Split-7” mit Jonny Nash Cristina And Carolina / Roberto And Giovanni (beide: Melody As Truth) verbinden den Noir-Jazz und den aufwendig auskomponierten „Adult-Oriented“ Siebziger-Mainstreamradiosound seiner alten Heimat mit den klaren, einfachen New Age Texturen, wie sie in den achtziger Jahren von Gigi Masin und natürlich Brian Eno definiert wurden. Darüber und daneben schwirren immer wieder futuristische, polyrhythmisch komplexe Stolperbeats und asiatisch exotisierende, pentatonische Arpeggio-Einschübe, die aber nie zur Hauptsache werden und den zurückgelehnten Vibe nicht im geringsten stören, höchstens ein wenig auffrischen und bunt einfärben.


Stream: Suzanne KraftWhat You Get For Being Young

Oder der organische Spieluhrsound des amerikanischen Duos Visible Cloaks, der auf Reassemblage (RVNG Intl.) die Nervosität der digitalen Gegenwart in freundschaftliche Entspannung wendet. Die im ersten Hördurchgang noch unzusammenhängend und collagiert wirkenden Sounds von Spencer Doran und Ryan Carlile basieren auf komplexen generativen Algorithmen, auf Zufall und Kontingenz einbeziehende Software-Patches klingen nach einer (wirklich sehr kurzen) Gewöhnungsphase aber wie handgespielter und mundgeblasener Kammerfolk. Die Visible Cloaks schaffen so eine kleinteilige Electronica ohne Beat aus ungewöhnlicher aber naturbelassener Instrumentierung mit viel Holz (geklöppelt und geblasen), die ihren zugrundeliegenden digitalen Futurismus nicht verleugnet. So klingen sie gleichzeitig ein wenig nostalgisch, hin und wieder sogar wie Jörg Follerts bahnbrechendes „Wunder“-Projekt vor über fünfzehn Jahren, aber auch absolut gegenwärtig.


Video: Visible CloaksTerrazzo (feat. Motion Graphics)