Fotos: Wolfgang Tillmans

Zuerst erschienen in Groove 158 (Januar/Februar 2016).

Alejandro Ghersi hatte als Arca gerade mal drei EPs veröffentlicht, als ihn Kanye West für Yeezus engagiert. Und als sein Debüt Xen gerade erschien, hatte ihn Björk schon für Vulnicura verpflichtet. Als Künstler hat Arca zusammen mit seinem kreativen Partner Jesse Kanda einen morbide-düsteren Kosmos erfunden, der mit klassischen Genrebezeichnungen nicht mehr einzufangen ist. Als der Xen-Nachfolger Mutant erschien, nahmen wir das zum Anlass, einen Blick zurück auf seine Karriere zu werfen und nach den Gründen zu suchen, die Arca zu einem der interessantesten Produzenten unserer Zeit machen. Sonja Matuszczyk porträtierte den Produzenten, der im April sein drittes Album auf XL Recordings veröffentlicht, in unserer Januar/Februar-Ausgabe des Jahres 2016.

Arca ist komplex. Will man ihn erklären, muss man ihn verstümmeln. Seitdem er 2012 auf der Bildfläche erschienen ist und durch Kollaborationen mit Kanye West oder Björk einem breiten Publikum zugeführt wurde (nicht dass er das nicht von allein geschafft hätte), versuchen alle zu ergründen, woher diese radikale Andersartigkeit, diese Konstruktionen, dieser Sound eigentlich rühren. Sie wirken vertraut und doch so wenig in Vertrautem, Erkennbarem verankert. Irgendwie Glitch, in seiner DNA Hip Hop, die Denke eines Iannis Xenakis, die Sinnlichkeit einer Foxy Brown und schrill wie Chip Tunes. Natürlich bilden Vergleiche die Wirklichkeit nie erschöpfend wieder. Wenn man auf YouTube die Begriffe „Arca“ und „Interview“ eingibt, dann findet sich dort ein einziges Video, das den öffentlichkeitsscheuen Alejandro Ghersi im Gespräch zeigt. Es ist 54 Sekunden lang und behandelt Yogahosen und Kokoswasser. Da sitzt, grinst und spricht derselbe Mann, der seit Jahren mit düster-futuristischen Metallabgründen die angsterfüllte Wirklichkeit unserer modernen Welt nachzeichnet, die er zusammen mit seinem kreativen Partner Jesse Kanda in dystopische Bilder verwandelt. Arca ist keine extravagante Kunstfigur und der Typ im Video eventuell der „wahre“ Ghersi. Nein, Alejandro Ghersi ist viele, und Arca ist dementsprechend das Labyrinth seiner musikalischen Persönlichkeiten. Wenn man diese ein wenig aufbröselt, bringt man vielleicht das sprichwörtliche Licht in Arcas verschlingende Dunkelheit.

Xen: Alias die Weiblichkeit

Einen Monat bevor Arca sein Debütalbum Xen im Oktober 2014 via Mute veröffentlichen sollte, macht ein absonderliches Video im Internet die Runde. „Thievery“ zeigt eine nackte, computergenerierte, haarlose Cyborg-Frau, die mit dem Rücken zum Zuschauer in einem kahlen Raum tanzt. Sie rollt ihre voluminösen, leicht deformierten Kurven zu ausgefransten tropikalischen Beats. Lässt ihren monströsen Hintern wackeln, ist reizvoll und abstoßend zugleich. Das ist Xen, eine pangeschlechtliche Projektion Ghersis, die ihn seit früher Kindheit begleitet. In Berichten wird häufig gesagt, sie sei sein Alter Ego, was Xen aber zu einer reinen Maske reduzieren würde, in die Ghersi hinein- und aus der er wieder herausschlüpfen könnte. Xen war vielmehr der Versuch des achtjährigen Alejandro, seine grenzenlose Faszination für das weibliche Geschlecht und seine aufkeimende Homosexualität in Charakterform zu begreifen.


Video: ArcaThievery

Xen entwickelte sich ganz natürlich, bis er sogar anfing, Tagebucheinträge in ihrem Namen zu unterschreiben. „Es war aber nicht so, als sei sie all die Jahre bewusst in meinem Kopf gewesen. Sie war meine Kindheitsflucht.“ Kanda übersetzt Ghersis lose Ideen von Xen punktgenau in bildliche Form, womit er erneut beweist, dass er das Auge zu Arcas Ohr ist, der Chris Cunningham zu Arcas Aphex Twin. Natürlich steckt er auch hinter dem „Thievery“-Video, die Tanzbewegungen von Xen hat Kanda an Ghersis Körper maßgeschneidert. Xen ist so voller Widersprüche wie das Album, dem sie seinen Namen verleiht. Der Sound von Arca entsteht genau in dem Spalt, wo die Gegensätze miteinander kollidieren. „Dann entsteht ein Funke, auf den ich mich stürze.“ Nicht nur innerhalb der Tracks. Er glaubt, dass sich die Sinne schärfen würden, wenn man sanfte und roh zimmernde Stücke hintereinandersetzte. Und zwar in der Millisekunde der Umgewöhnung des Hörers.