Foto: Lukas Gansterer (Sam Irl & Patrick Pulsinger)

Mit Patrick Pulsinger und Sam Irl haben sich zwei gefunden, die erst auf den zweiten Blick viel gemein haben. Während Pulsinger sich vor allem in der virilen Wiener-Techno-Szene der neunziger Jahre einen Namen machte, emigrierte der Bayer Irl rund ein Jahrzehnt später in die österreichische Hauptstadt, wo er sich hauptsächlich mit MPC-basierter Electroncia mit Jazz-Sprengseln widmete. Was die Beiden letztlich vereint, ist allerdings nicht nur eine Liebe zu analoger Hardware, sondern auch das Experiment und vor allem der Dub. Gemeinsam als Pulsinger & Irl veröffentlichten sie im vergangenen Jahr ein Album, das seiner stilistischen Bandbreite zum Trotz einen Hauptohrenmerk auf die Erkundung von satten Texturen legte. Bevor sie Anfang März beim Grazer Elevate Festival für ein gemeinsames Live-Set den Gerätepark heißlaufen lassen, haben Pulsinger und Irl für uns einen Mix aufgenommen, der so gut wie alle Klangfacetten des Dub durchläuft – und uns ein paar Fragen zu ihrer gemeinsamen Arbeit, dem Elevate Festival und politischer Musik beantwortet.
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Sam, du kommst ursprünglich aus dem eher beschaulichen Hengersberg in Bayern. Was zog dich Mitte der Nuller-Jahre nach Wien und wie hast du die dortige Musikszene erlebt?
Sam: Ursprünglich bin ich relativ spontan nach Wien gezogen um Musikwissenschaft zu studieren, habe aber dann zum Tonmeister-Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst gewechselt und das abgeschlossen. Da ich auf dem niederbayerischen Land aufgewachsen bin, war Wien für meine Verhältnisse groß und aufregend genug und mir als Stadt im Allgemeinen sehr sympathisch. Wien ist eine entspannte, kleine Großstadt mit einer soliden, vielseitigen Musik-Szene.

Patrick, du gehörst neben Electric Indigo und anderen zu den Urgesteinen der Wiener Szene und warst mittendrin im Geschehen, als Techno an der Donau ankam. Welche maßgeblichen Veränderungen hast du in den letzten zwanzig Jahren dort beobachtet?
Patrick: Seit der letzten großen medialen Aufmerksamkeitsphase Mitte der Neunziger, die die Stadt damals genoss, gab es immer wieder spannende und weniger spannende Zeiten. Heute ist bereits die dritte Generation an MusikerInnen und ProduzentInnen am Start und die Szene hat sich einerseits grundlegend verändert, andererseits sind viele Dinge hier auch gleich geblieben. Die Hochkultur spielt in Wien immer noch die erste Geige, was dazu führt, dass sich eigenständige Strömungen zunächst unbemerkt entwickeln können. Das ist meiner Meinung nach ein grosser Vorteil in Wien. In den frühen Nuller-Jahren war bei einigen der Oldschool-Protagonisten der Neunziger eine wenig die Luft draussen. Es hat sich in der Clublandschaft der Stadt damals einiges verändert. Neue Läden haben aufgemacht und wieder zugemacht, neue Crews haben eine grössere stilistische Vielfalt in die Stadt gebracht. Viele kleine leidenschaftlich agierende Labels und Kollektive haben international beachtete Künstlerinnen hervorgebracht. Wien dünstet nicht mehr nur im eigenen Saft.

Schon bevor ihr 2016 die gemeinsame LP Mud veröffentlicht habt, erschien 2014 ein erster gemeinsamer Track auf Pomelo und Sam arbeitet als Tonmeister in Patricks Studio. Wie genau kam das gemeinsame Projekt dabei zustande und wo trefft ihr euch eigentlich musikalisch?
Patrick: Wir haben uns über den gemeinsamen Musikerfreund Richard Eigner von Ritornell kennengelernt, als er bei mir im Studio eines ihrer Alben aufgenommen hat. Sam war damals spontan als Recording-Assistant dabei. Letztlich hat er dann anderthalb Jahre später ein Praktikum bei mir gemacht, als ich die Filmmusik für Stefan Ruzowitzkys Dokumentarfilm Das Radikal Böse produziert hab. Für den Abspann produzierten wir dann unsere erste gemeinsame Nummer. Seitdem arbeiten intensiv zusammen.
Sam: Mein Background liegt vor allem im Jazz und Sample-basierter Musik, ich hab aber auch eine langjährige Roots-Reggae und Dub-Leidenschaft.
Patrick: Ich hab in Achtzigern auch sehr viel englischen Digi-Dub und Ähnliches gehört, im Prinzip ist Dub unser musikalisches Fundament, aber genauso auch Jazz, Detroit Techno, Sampling und House. Wir beide experimentieren immer schon gerne mit unterschiedlichen Aufnahmemedien, vor allem im Bezug auf Hardware.

Euer Mix in Vorbereitung auf das Elevate Festival wandelt durch viele verschiedene Genres, setzt aber klare Akzente auf Reggae und Dub, die wiederum in euren gemeinsamen Produktionen eine große Rolle spielen. Welches Konzept hattet ihr bei der Aufnahme und wie habt ihr den Mix überhaupt aufgenommen?
Patrick: Das Konzept war im Prinzip verschiedenste Arten von Dub-beeinflusster Musik zu kombinieren. Den Mix haben wir ganz klassisch live mit Vinyl und Digi-Files aufgenommen und danach noch mit Soundeffekten und ein wenig Federhall bearbeitet.

Beim Elevate Festival werdet gemeinsam live auftreten. Was genau werdet ihr dort zur Aufführung bringen und wie sieht eure Rollenverteilung bei Live-Gigs aus?
Patrick: Wir spielen im Prinzip recht ähnlich zu unserer Studio-Arbeitsweise, das heißt ohne Computer und mit einem vielschichtigen aber kompakten Hardware-Setup bestehend aus Analog-Drumcomputern, einem MPC-Sampler, Analog-Synthesizern und einem Haufen Echos und anderem Effektkram. Wir improvisieren unser Set auf einer Handvoll vorbereiteten Grundstrukturen und Melodien. Dadurch wird jedes Set anders, abhängig von Location, Rahmen, Vibe etc.
Sam: Patrick kümmert sich in erster Linie um die ganzen Drums, also TR-909 und weitere Drumcomputer, zusätzlich auch um alle flächigen Dub-Effekte und rhythmischen Echos. Ich spiele die Samples auf der MPC, die analogen Bass- und Chord-Synthesizer, weitere Echos und packe auch manchmal eine Melodica aus, das hat erstaunlicherweise sogar in der Panorama Bar funktioniert. Arrangiert wird bei uns beiden spontan auf Zurufen!

Das Elevate Festival zeichnet sich einerseits durch ein Miteinander von internationalen und österreichischen Acts sowie einem stilistischen Eklektizismus aus, der eure jeweiligen Interessen widerzuspiegeln scheint. Welche Verbindung habt ihr zu dem Festival und was schätzt ihr daran?
Patrick: Es ist eine tolle Sache, dass es in Graz so ein spezielles Stadt-Festival gibt, welches kein klassisches „Sommer“-Musikfestival darstellt. Clubmusik und Diskurs begegnen sich völlig natürlich auf Augenhöhe in einer erstaunlichen Vielfalt. Das Programm ist seit Jahren musikalisch wie kulturpolitisch immer absolut relevant. Diskurs über Musik- und Clubkultur findet mittlerweile fast ausschließlich im digitalen Raum statt. Daher ist es wichtig, dass man sich Menschen aus verschiedenen Interessenbereichen vor Ort austauschen können.

Eines der Merkmale des Elevate Festivals ist der Schwerpunkt auf „Diskurs & Aktivismus“, wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Dieses Jahr geht es um „Big Data, Quantifizierung und Algorithmen“. Spielen gesellschaftspolitische Ideen eine Rolle in eurer Musik und wenn ja, welche? Dub und Techno, die beiden Eckpfeiler eures Sounds, sind zumindest implizit politische Musikrichtungen.
Patrick: Gerade Dub und auch früher Techno waren in ihrer Entstehung immer einer Art Gegenentwurf zum bestehenden Mainstream. Es geht einerseits um Demokratisierung der Produktionsmittel und andererseits um eine kreative Zweckentfremdung bestehender Technologien und eine sich daraus entwickelnde Eigenständigkeit. Es ist erstaunlich wie umfassend sich gewisse Sound- und Studio-Techniken der jamaikanischen Dub-Musik der siebziger Jahre wie zum Beispiel King Tubby, Lee „Scratch“ Perry und andere in quasi allen elektronischen Musikrichtungen der heutigen Zeit wieder finden. Da wir ja beide in ländlicher Gegend aufgewachsen sind, spielt musikalische Gegenkultur für uns noch immer eine sehr wichtige Rolle. Unsere Musik transportiert vordergründig keine politische Message, wobei wir persönlich stark politisch interessiert sind und Politik in unserem Alltag von großer Bedeutung ist.

Last but not least: Wo werdet ihr außer auf dem Elevate Festival zu sehen sein und was sind eure weiteren Pläne für 2017?
Patrick: Am Tag vor dem Elevate-Gig spielen wir in der Zukunft in Zürich, im Sommer in der Grellen Forelle in Wien und wohl auch wieder bei einigen Festivals. Unsere neueste 12″ ist gerade im Presswerk und wird im Mai auf unserem eigenen Label Big Beak Recordings veröffentlicht. Parallel dazu arbeiten wir gerade an einem neuem, separatem Live-Projekt, welches den Fokus noch stärker auf die Verwendung vermeintlich obsoleter Studiotechnik legt.

 


Stream: Patrick Pulsinger & Sam IrlElevate Festival 2017 Mix

01. Chris Wayne – Don’t Worry Yourself (Black Victory)
02. Okko Bekker – Umberto’s Groove (Selected Sounds)
03. Quantic pres. Flowering Inferno – A Life Worth Living Dub (Tru Thoughts)
04. Modeselektor – Fake Emotion (Dabrye Remix) (Bpitch Control)
05. Sam Irl – Prime (Interlude) (Sampling As An Art)
06. Feater – Birds (International Major Label)
07. Golden Teacher – Like A Hawk (Optimo)
08. Jesse – Terminator (Stiletti-Ana’s Video Dub) (Haista)
09. Pulsinger & Irl – Bills (Big Beak)
10. Markus Wormstorm – Siona Runs (Card On Spokes Remix)
11. Stiletti-Ana – Time We Left This World Today (I’m A Cliché)
12. DJ Sotofett – Tribute To „Sore Fingers“ (FIT)
13. Patrick Pulsinger – Future Back (ft. Fennesz) (Disko B)
14. I:Cube – Bionic Ears (Versatile)
15. Bartellow – Saba (ESP Institute)
16. Pulsinger & Irl – Crumb (Big Beak)
17. Jam Earl – Tribute
18. Riddim Research Lab – Give Love! (GAMM)
19. Rhythm & Sound w/ Paul St. Hilaire – Never Tell You (Burial Mix)
20. Escapism Refuge – The Cure Destroys
21. Grace Jones – Strange
22. Electric J – Varispeed (!K7)
23. RSD – Pretty Bright Light (Punch Drunk)
24. Kromestar – Thru The Blinds (Antisocial Entertainment)


Groove präsentiert: Elevate Festival 2017
01. bis 05. März 2017

Line-Up: A Made Up, Ancient Methods, Eclair Fifi, Patrick Pulsinger & Irl, Jenny Hval, Juan Atkins, Jung An Tagen, Mumdance & Logos, Lorenzo Senni, Paranoid London, Radian, Shackleton, Stephen O’Malley, Tropic of Cancer u.v.m

Tickets: ab 50€

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