Carsten Jost

Perishable Tactics (Dial)

Den Jüngeren ist Carsten Jost (bürgerlich David Lieske) vielleicht nur als Macher des Labels Dial ein Begriff und nicht mehr als Musiker. Denn er hat seit zehn Jahren so gut wie gar nichts veröffentlicht. Sein Dial-Partner Peter Kersten alias Lawrence ist bis heute als DJ und Producer aktiv, während Lieske hauptsächlich als bildender Künstler tätig ist.

Lieske und Kersten entwickelten ihre reduzierten, verhaltenen Clubsounds in einem engen Dialog. Es gab aber immer einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden. Lawrence fand mit der Zeit eine eigene Definition von Clubmusik. Lieske reagierte auf das, was ihn begeisterte. „Die Motivation, Musik zu machen, kam immer aus der Fanperspektive. Ich wollte immer exakt so sein wie verschiedene andere Leute“, sagte er 2010. Seine Tracks sind aber nicht bloß Liebeserklärungen. Dazu geht er auf zu spezielle Weise mit dem Material um. Seine monotonen Grooves erzeugen zugleich Distanz und Nähe. Lieske stellt seine Fundstücke in einen neutralen Rahmen und arbeitet so ihre Klanggestaltung und ihre Emotionalität heraus. Indem er auf Arrangements verzichtet und mit Loops arbeitet, entsteht gleichzeitig eine besondere Nähe zu den Klängen. So war Lieskes Musik nie durch einen Stil zu definieren, sondern eher durch eine bestimmte Haltung.

Perishable Tactics hat einen dramatischen Anfang: Aus einem tiefen Hallraum erklingen Chöre und tiefe, schwere Streicher. Dieses Intro mündet ziemlich unerwartet in einen anmutigen Housetrack. Die metronomartige Bassdrum früherer Stücke ersetzt Lieske durch einen upbeatigen 2Step-Groove. Die melancholischen Chords werden von einem Erdungsrauschen und einem Gewitterschauer gebrochen. „Atlantis II“ knüpft eher an den alten Carsten Jost an, die housigen, gefühlvollen Klänge fallen aus den Melodiefolgen heraus und stehen ein wenig verloren als einzelne Töne da. Sie gewähren keine Aufmerksamkeit und Zuneigung, sondern sind selbst bedürftig. Bei dem Titeltrack sind wieder die Streicher aus dem Intro da. Sie scheinen sich zu verneigen, der Groove klingtmatt. „Vielleicht habe ich mein Album auch deswegen Perishable Tactics genannt, weil es sich tatsächlich so anfühlt, als wäre die Basis der Musik doch ein wenig verwelkt. Aber vielleicht trägt dieser Zustand auch eine ganz besondere Spannung und Schönheit in sich, an der es sich lohnt weiter zu arbeiten“, schreibt Lieske aus New York.

Nach diesem Track wird der behutsame, brüchige Housesound von Rick Wade oder Theo Parrish Bezugspunkt. Bei „Army Green” fransen weiche Chords ambientartig aus, eine gesamplete Snaredrum fixiert einen Punkt im Hier und Jetzt. Bei „Atlantis“ verankert ein Klatschen eine orientierungslose Orgelmelodie in der Gegenwart. Bei „Platoon RLX“ und „Platoon RLX II“ samplete Lieske Dialoge aus Kriegsfilmen. „How did you get the nickname: Killer?“, fragt ein Soldat einen anderen. Mit zarten Streichern und einer entrückten Bassline nimmt die Musik keine individuelle Perspektive mehr ein. Sie handelt von der Tragik, die entsteht, wenn das Schicksal über das Leben eines Einzelnen bestimmt. Das trancige, hymnische „Love“ ist der Höhepunkt des Albums, ein gewaltiges Synthie-Riff verschmilzt Schwermut und Sehnsucht, die Streicher bilden einen entrückten Ruhepol. Ganz schön viel Melancholie und Traurigkeit steckt in diesen Tracks. Dennoch ist Perishable Tactics kein melancholisches und trauriges Album. Mit der ihm eigenen Ehrlichkeit lässt sich Lieske auf diese Gefühle ein und nimmt sie ganz und gar als solche an. So entwickeln sie eine Poesie. Und aus dieser Poesie entsteht eine Energie, eine Bewegung, ein Groove.


Stream: Carsten JostPlatoon RXL II

01. Intro
02. Ambush
03. Atlantis II*
04. Perishable Tactics
05. Army Green
06. Atlantis*
07. Platoon RLX
08. Love*
09. Platoon RLX II
10. Dawn Patrol
11. Outro

Format: CD, digital
VÖ: 10. Februar 2017