Illustration: Vina Ćurčija

Clubs und Festivals sind hedonistische Orte. Schwitzende Körper auf engstem Raum, Rausch, Drogen, Promiskuität oder auch nicht. Orte, an denen jeder sich frei und wohlfühlen soll. Soll, wohlgemerkt. Denn auch auf Techno- und Housepartys finden sexuelle Belästigung und Übergriffe statt. Das ist vielen erst 2016 ins Bewusstsein gerückt. Laura Aha, Felix Hüther, Cristina Plett und Alexis Waltz haben sich zu Sexismus in der Techno-Szene umgehört.

Festivals richten Awareness-Teams ein. Die Fabric rief männliche Besucher auf Bannern zu respektvollem Verhalten auf. Das Streaming-Angebot vom Boiler Room sah sich nach beleidigenden Chat-Kommentaren gegen die Musikerin Nightwave zu einer Klarstellung gegen jegliche Form von Sexismus veranlasst. Diese Ereignisse in der Technoszene spiegeln nur die gesellschaftspolitische Großwetterlage wider. Im Zuge des zunehmenden Populismus und der öffentlichen Hassrednerei scheinen elementare Umgangsformen aufgegeben worden zu sein. Die gewalttätigen Übergriffe gegen Frauen in der Silvesternacht 2016 in Köln stellten Polizei und Politik vor Probleme ungekannten Ausmaßes. Gina-Lisa Lohfink wurde vom angeblichen Opfer sexueller Gewalt zur Feminismusheldin, später zur Schlampe, die es eben nicht anders gewollt hatte, und letztlich zur falschen Verdächtigen, die im Zuge dessen eine längst überfällige Reform des Sexualstrafrechts auslöste. Der widerlichste Wahlkampf in der Geschichte Amerikas setzte dem Ganzen die Krone auf. Für offenen zur Schau gestellten Sexismus wurde man 2016 nicht mit Verachtung gestraft, sondern gar zum wichtigsten Staatsmann der Welt gewählt.

Erfahrungen aus Berlin und der Welt Zum Thema von sexueller Belästigung und sexueller Gewalt in der Technoszene gibt es keine Erhebungen oder Statistiken. Wir haben Leute im Bekanntenkreis und in Berliner Clubs befragt: Welche Bedeutung haben Sexismus und sexuelle Belästigung in deiner persönlichen Feiererfahrung? Zuallererst wurde deutlich, dass Frauen, Schwule und Trans*Personen einen anderen Erfahrungshorizont haben als die meisten Hetero-Männer. Diese gaben an, kaum sexuelle Gewalt oder brisante Situationen beobachtet oder erfahren zu haben. Bei den anderen gibt es fast immer ein deutlich stärkeres Bewusstsein für das Thema. So erzählt Annika aus Amsterdam: „Ein Freund von mir ist Transgender. Sie ist jetzt ein Er. Er erlebt ständig, dass Leute ihn anfassen. Vielleicht weil er sehr androgyn aussieht. Ich möchte nicht mit ihm tauschen. Die Leute verstehen das nicht.“ Hinzu kommt, dass Belästigung für jede Person etwas anderes ist. Für den Freund Annikas ist es das Angefasstwerden, für andere bereits ein Kommentar über das Aussehen. Das macht das Thema schwieriger zu fassen und schwerer zu bekämpfen.

Berlin ist dabei wie auch in anderen Aspekten des Nachtlebens eine Oase. Frauen und Gays berichten nur von vereinzelten schlechten Erfahrungen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass sich die Berliner Technoszene ursprünglich von den normalen Diskotheken auch in dem Punkt absetzte, dass es um Musik, Rausch und Kollektivität gehen sollte und weniger um Sex und Paarbildung. Gleichzeitig gibt es in der Berliner Szene mehr als in anderen Städten Überschneidungen zum linken Milieu, das die Raver feministisch und in Bezug auf alle Formen von Ausgrenzung sensibilisierte. Im Vergleich dazu sieht es zum Beispiel in New York durchaus prekärer aus. In Mainstreamclubs sind Gratisdrinks und -eintritte für Frauen gang und gäbe. „Das macht die Frau zu einem Objekt, zu einer Ware. Die Mädchen werden zur Ausstattung des Clubs“, beobachtet eine New Yorkerin, die wir in der Schlange vor einem Berliner Club ansprechen. „Manche Männer haben das Gefühl, dass sie für die Party bezahlen und dass die Frauen ihnen deshalb etwas zu bieten haben.“

Das findet sich so eher nicht in Clubs für elektronische Musik, aber auch dort gibt es nervige Anmachen. „Dort konnte ich niemanden auch nur einen Wimpernschlag lang anschauen, ohne dass er gleich rübergekommen wäre. Ich bin dann irgendwann nur noch auf den Boden starrend durch den Club gelaufen“, sagt Anna aus Berlin. Dass sie in einem Club den Türsteher rufen musste, weil ein Typ keine Ruhe gegeben hat, sei in Berlin erst einmal bei ihr vorgekommen.

Der Fall Conne Island

Dass auch linke, vermeintlich sichere Räume nicht vor den Herausforderungen einer globalisierten, sich immer stärker durchmischenden Gesellschaft gefeit sind, zeigten die Ereignisse im Leipziger Kulturzentrum Conne Island. Die Betreiber boten einen reduzierten Eintritt für Geflüchtete an. Trotz mehrsprachiger Schilder mit Verhaltenshinweisen kam es zu sexistischen Kommentaren, Handgreiflichkeiten und penetranten Anmachversuchen besonders gegenüber Frauen.

Ferner wurde der „Refugee-Fuffziger“ (50 Cent als symbolischer Eintrittspreis) von anderen jungen Männern mit Migrationshintergrund missbraucht. Durch Sprachbarrieren und unterschiedliche kulturelle Sozialisation verunsichertes Security-Personal, verärgerte Gäste, die dem Club in der Folge fernblieben, die Infragestellung der eigenen Toleranzgrenzen waren die Folge. Über allem schwebte die Frage: Wie soll man als linke Organisation nun reagieren, ohne „in die rassistische Kerbe von AfD und CDU/CSU“ zu schlagen, wie es in dem offenen Brief des Kulturzentrums hieß? Als Lösung wurde etwa das Einstellen von arabischsprachigem Personal vorgeschlagen.

Unter dem Mantel des Schweigens?

Einen anderen Lösungsansatz verfolgt die Nation of Gondwana. Auf dem vergangenen Festival war ein Awareness-Team mit 36 Leuten im Einsatz. Betroffenen wird Aufmerksamkeit und Schutz geboten, Nichtbetroffene werden aufgeklärt. Wenn eine Frau sagt: „Das ist gerade nicht cool. Der Typ lässt mich nicht in Ruhe. Könnt ihr mir bitte helfen?“, macht das Awareness-Team die betreffende Person auf ihr Fehlverhalten aufmerksam. Darüber hinaus konnten der Polizei ein Spanner und ein Mann, der pinkelnde Frauen begrabschte, übergeben werden. Jenseits von Awareness-Teams, einer klugen Selektion durch die Tür und der Aufklärung von Clubs und Festivals liegt die Lösung des Problems auch auf der individuellen Ebene. Elias aus Salzburg bringt den inneren Konflikt, wenn er eine Frau im Club ansprechen möchte, auf den Punkt: „In meinem Kopf ist das ein kompliziertes Szenario. Wo ist die Grenze, wenn du mit jemandem flirtest? Wann bist du ein Eindringling?“ Jede/r muss selbst für sich herausfinden, was sie oder er will, was sie oder er tolerieren kann und was sie oder er inakzeptabel findet. Maria aus Barcelona erklärt: „Mit 16 war ich viel naiver und habe eine Anmache fast nie als eine solche erkannt und mir ist trotzdem nichts passiert. Heute bin ich eher auf der Hut und aggressiver abweisend. Dennoch begegnen mir mehr unangenehme Anmachen. Nimmt das inzwischen Überhand oder wird einem das Unangenehme erst richtig bewusst, wenn man dafür sensibilisiert wurde?“

Wie geht frau/man mit dem Übergriff um, egal wie geringfügig oder schwerwiegend er war? „90 Prozent der Frauen sagen: ‚Lass mich in Ruhe‘, und gehen weg“, beobachtet Annika aus Amsterdam. Der Weg des geringsten Widerstandes mag am einfachsten für alle Beteiligten sein. Aber übergriffige Menschen werden dabei nicht zur Rechenschaft gezogen, das Problem verschwindet unter dem Mantel des Schweigens. Vielleicht war sexuelle Belästigung in der guten alten Technozeit kein Thema. Das ist heute anders. Deshalb müssen sich die Betroffenen trauen, den Mund aufzumachen. Zeugen sollten schnell und beherzt eingreifen. Clubbetreiber und -mitarbeiter müssen sich den Opfern gegenüber solidarisch zeigen und deutlich machen, dass sexistisches Verhalten in ihrem Laden inakzeptabel ist. Denn um Grenzen zu überschreiten, müssen diese erst einmal respektiert werden.

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