Vorschaubild: Aniela Wochner

Bereits zum vierten Mal innerhalb kürzester Zeit in Island zu sein hat den Vorteil, dass man sich voll und ganz auf das kulturelle Geschehen konzentrieren kann. Sich nicht ablenken lassen muss von den Naturspektakeln auf der Insel. Dass beides in Island auf begrenztem Raum international einzigartig ist, hat sich inzwischen auch bis ins letzte Eck herumgesprochen und zu einem ebenfalls international einzigartigen Tourismusboom geführt. Der ist zwar gut für das Bruttoinlandsprodukt der Insel, führt aber leider auch zu unschönen Entwicklungen und stößt nicht bei allen auf Gegenliebe. Wenn sich der Touristenstrom innerhalb von fünf Jahren fast verdreifacht – von unter 500.000 Touristen in 2010 auf 1.3 Millionen in 2015 – werden es ja leider nicht nur einfach mehr Touristen, sondern auch die Klientel verändert sich, was zu gelegentlichen Missverständnissen gerade im Umgang mit der unvermindert rauen Natur Islands führt und die Inselbewohner in Erklärungsnot bringt.

Mit 9000 verkauften Tickets und 70.000 Off-Venue Gästen (zum Verständnis: das entspricht 1/3 der Bevölkerung Reykjavíks) trägt das Iceland Airwaves hier natürlich zum Ansturm bei, wobei die Gäste in dieser ersten Novemberwoche etwas vom gemeinen Jack Wolfskin-Touristen abweichen, der normalerweise die Laugavegur bevölkert. Das Iceland Airwaves ist neben dem Secret Solstice im Sommer und Sonar Reykjavík im Februar ein etablierter Fixpunkt im sowieso üppigen Kulturprogramm der Hauptstadt. Während aber bei Sonar und Secret Solstice vor allem die Headliner den Appeal ausmachen, ist beim Airwaves traditionell der Event als solcher, die Stadt und die eng miteinander vernetzte Szene Islands im Allgemeinen der eigentliche Star. Darüber können auch teils internationale Headliner wie Björk, PJ Harvey, Dizzee Rascal oder Múm nicht hinwegtäuschen. Und auch wenn die Bandbreite beim Iceland Airwaves traditionell von Kammermusik über Shoegaze bis zu isländischem Punk reicht, liegt mit Acts wie Kiasmos, Ben Frost, Sin Fang oder Projekten aus dem GusGus-Umfeld natürlich auch wie immer ein großer Fokus auf elektronischen Acts.

Als Herzstück des fünf-tägigen Festivals finden sich vor allem drei Gigs im großen Eldborg-Saal der Harpa, die wie auch in den letzten Jahren als Festivalmittelpunkt fungiert. Während Ben Frost am Donnerstag Abend die Künstler seines Bedroom Community-Labels zu einer einzigartigen Performance um sich schart, stehen am Folgeabend Múm und das ausnahmsweise nicht isländische Kronos Quartett auf der gleichen Bühne. Deren Streichervirtuosität verschmelzt mit der Komplexität von Múms folkloristischer Elektronika zu einem eigenständigen Gesamtkunstwerk, bei dem sich im Laufe der Performance eine Intimität und emotionale Verbundenheit einstellt, die unter die Haut geht und von begeisterten Standing Ovations belohnt wird. Am Freitag dann, nach einiger Iceland Airwaves-Abstinenz, auch ein lang erwarteter Auftritt von Björk, deren Stimme in ausschließlicher Begleitung der Streicher des Iceland Symphony Orchestras eine ungeahnte Kraft, Intensität und Drama entfaltet. Das hat eine herzzerreissende Authentizität, wodurch sich vor der Kulisse der wunderbaren Harpa, Epizentrum isländischen Kulturschaffens, schnell das Gefühl einstellt, hier etwas Besonderem beizuwohnen.


Stream: Valgeir SigurðssonMixtape (Iceland Airwaves Edition)

Um diese vielbeachteten Shows herum findet sich ansonsten ein farbenfrohes Programm: zusammengenommen fast 1000 offizielle und Off-Venue Shows, von 220 zumeist isländischen Künstlern. Deren familiärer Umgang und Vernetzung gibt einem wie bei keinem anderen Event das Gefühl, Teil eines sympathischen jährlichen Familientreffens zu sein. Während sich zum Beispiel der Berndsen, sympathische Kreuzung aus Synth-Nerd und isländischem Wikinger, in der einen Minute noch gemeinsam mit der schillernd charmanten Thorunn Antonia im Nasa in schillerndem 80er-Disco-Pop aalt und sich zum allgemeinen Jubel den Rentier-Pulli vom Leib reisst, steht er eine Stunde später schon als Gast-Vokalist von Hermigervill auf der Bühne der Harpa. Letzterer ist nicht nur Theremin-Virtuose und Tanzunterhalter vor dem Herren, sondern geht gut als isländische Antwort auf Erobiques Danceloor-Glückseligkeiten durch und holt den nun wieder bekleideten Wave-Nerd Berndsen für eine kurze Vocal-Einlage zu 80er-Referenzen und beherzten Kung-Fu-Moves auf die Bühne. Ein Wiedersehen mit Rampensau Hermigervill gibt es wiederum zu späterer Stunde als Side-Kick von FM Belfast.

Ähnlich umtriebig ist auch Jófríður Ákadóttir, die gemeinsam mit ihrer tollen Elektronika-Band Samaris im Reykjavík Arts Museum trotz technischer Schwierigkeiten wunderbar atmosphärischen Elektronika-Pop unter die Leute bringt, und tags zuvor noch mit ihrem neuen Projekt jdfr auf der gleichen Bühne stand. Und nebenbei macht sie als Teil der ebenfalls sehr auf dem Iceland AirwavesA präsenten Gangly Musik, veröffentlicht im Duo Pascal Pinon wunderbare Kammermusik auf Morr oder taucht auf Releases von Morr-Kollege Sin Fang auf. Berndsen und Ákadóttir seien hier nur mal stellvertretend erwähnt, um ein Gefühl für den Grad der Genre-übergreifenden Vernetzung in Islands Musik-Universum zu geben.

Sin Fang von Yvonne Bartsch
Sin Fang von Yvonne Bartsch

Tagsüber sitzt man dann mit Ólafür Arnalds in der Sauna und am Abend mal wieder in der Harpa bei dessen aktualisierter Kiasmos-Show, die mit exta dickem Laser-Pomp nun auch etwas mehr fürs Auge liefert, ansonsten dem barocken Romantiker-Techno des Albums aber leider weiterhin nicht gar zu viel hinzufügt. Und wem man nicht bei einem der Gigs in einer der offiziellen elf Venues über den Weg läuft, dem begegnet man dann doch meist unerwarteterweise bei einer der vielen Off-Venue Shows in den Kaffees, Plattenläden und Bars der Stadt. Insgesamt natürlich viel zu viele Shows, um alle mitzunehmen oder hier anzuführen. Erwähnenswert noch Liimas Performance im Nasa, die wir aber leider verpasst haben, Julia Holters Auftritt, der für mich leider etwas in der verhallten Akustik des Reykjavík Arts Museums unterging, die nicht so recht zur oft warmen Klangästhetik Holters passen wollte, oder auch Sóleys intimer Auftritt, bei dem man sich im behaglichen Mengi vom isländischen Nieselregen erholen und an Folk-Perlen wärmen konnte. Und natürlich die Appearance von John Lydon (!), der nach seiner Show auch noch das Isländische Punk Museum eröffnete.

Obwohl zu Island im Grunde schon alles gesagt wurde in den letzten zwanzig Jahren, verbleibt man nach den intensiven Tagen des Iceland Airwaves mal wieder sprachlos ob des musikalischen Potentials der Insel und des Umstands, dass die Welt von dort aus betrachtet meist nicht nur besser klingt, sondern sich immer auch ein stückweit liebens- und lebenswerter anzufühlen scheint.